Neues aus der Züri-Provinz

Der Kanton Zürich verbietet der Stadt den temporären Abbau einer Fahrspur zugunsten eines Velowegs. Auch die Polemik gegen die Rad-WM 2024 will nicht verstummen. An der Eskalationsschraube dreht ein Ex-Stadtrat. Zufall?

Pete Mijnssen, Chefredaktor (pete.mijnssen@velojournal.ch)
Kommentar, 06.06.2023

Die Wogen gehen wieder einmal hoch. Die Kantonspolizei Zürich sagt Nein zu einem zweimonatigen Versuch, der an der Bellerivestrasse eine Fahrspur für Autos zugunsten des Velos reduzieren wollte.

Der abschlägige Entscheid reisst alte Gräben auf. Das federführende Sicherheitsdepartement der Stadt unter Karin Rykart ist konsterniert und fühlt sich überrumpelt. Die Kapo moniert, dass ihr die entsprechenden Unterlagen nur häppchenweise zugestellt wurden. Darum der abschlägige Bescheid.

Dabei ist seit Jahren bekannt, dass die Bellerivestrasse an der Einfallachse zur Zürcher Goldküste saniert werden muss. Schon der frühere Tiefbauamtsvorsteher Filippo Leutenegger scheiterte 2017 mit dem Projekt einer Ausweichroute über eine schwimmende Brücke auf dem See.

Ursprünglich hätten die Sanierungsarbeiten schon vor vier Jahren gestartet werden sollen. Von städtischer Seite fühlte man sich nach jahrelangen Gesprächen und Verhandlungen mit dem Kanton endlich auf der sicheren Seite.

Und nun das! Einmal mehr wird die Schuld je nach Blickwinkel in der städtischen oder kantonalen Verkehrspolitik gesehen. Immer auf Kosten der Velofahrenden und je nach Ansicht auch der Autofahrenden.

Versuch abgewürgt

Dabei ging es um einen «Versuch»! Wer hat da Angst vor einer Auswertung? Das Nadelöhr liegt bekanntlich nicht auf diesem begrenzten Strassenabschnitt, sondern auf der Quaibrücke beim Bellevue.

«Déjà-vu: das jahrelange Seilziehen um das autofreie Limmatquai.»

Aber im Politgeplänkel gehen solche Feinheiten unter, bzw. man will sie nicht sehen. Lieber das Problem bewirtschaften.

Déjà-vu: das jahrelange Seilziehen um das autofreie Limmatquai. Dort drohten die Autoverbände in den Neunzigerjahren mit eigenen Zählungen, weil sie der Stadt grundsätzlich misstrauten. Ihre eigenen Ergebnisse liessen sie aber nach einem Versuch klammheimlich in der Schublade verschwinden, weil sich ein Stau an anderer Stelle nicht nachweisen liess.

Seit zwanzig Jahren ist das Limmatquai autoarm und kaum jemand wünscht sich die alten Zeiten zurück. Aber der verkehrspolitische Kulturkampf muss an anderer Stelle weitergeführt werden, das politische Klientel will bedient und unterhalten werden.

Rekurs gegen Rad-WM als Stadtrat-Seitenhieb

Bleiben wir noch etwas auf dieser Seite von Zürich. Auch die Rad-WM 2024 wirft grosse Schatten voraus und die Stadt wurde mit Dutzenden von Rekursen gegen die Streckenführung eingedeckt, hängig sind noch deren 68.

Natürlich ist das ein Grossanlass und in einem Rechtsstaat dürfen sich Bürgerinnen und Bürger selbstverständlich wehren. Nötigenfalls bis vor Bundesgericht, wie einige androhen.

Als Beispiel genannt sei der ehemalige Stadtrat und heutige Stiftungsratspräsident des Kinderspitals, Martin Vollenwyder. Dieser liess gegenüber der NZZ unter anderem verlauten, man könne die Spitalversorgung halt nicht mit Cargobikes gewährleisten.

Das ist neben dem peinlich tiefen Niveau einmal mehr ein Seitenhieb auf den rot-grünen Stadtrat, aber auch Politik auf Kosten notleidender Kinder und Familien. Tatsächlich hatten die Veranstalter das Kinderspital und weitere Institutionen schon vor der Bekanntgabe des Verkehrskonzepts kontaktiert.

Mit der operativen Leitung, der Vollenwyder nicht angehört, ist man offenbar gutschweizerisch im Gespräch. Was er nicht wusste oder nicht wissen will. Viel lieber poltert er in der Öffentlichkeit gegen den Anlass «auch, wenn die Gefahr besteht, dass die Rad-WM erst 2034 stattfinden kann».

»Willkommen in der Züri-Provinz!»

Als ginge es um einen Feierabend-Anlass und nicht um eine Weltmeisterschaft. Was, wenn es sich um eine Fifa-Veranstaltung handeln würde?

Zwei Beispiele aus Zürich: einmal in Form eines Regierungserlasses von oben, einmal die aggressive Kettenhund-Nummer.

Zwei Beispiele aus der Stadt Zürich, die sich gerne als Little Big- und Tech-City präsentiert. Und die sich im Moment gerade wieder mal auf ganz tiefem Niveau bewegt.

Willkommen in der Züri-Provinz!