Neuer Megaplayer auf der letzten Meile

Die Mobilität ist im Wandel. Wer etwa in der Stadt Zürich unterwegs ist, kann zwischen ÖV, Sharingbikes und Eletro-Tretrollern auswählen. Letztere sind im Trend und zunehmend auf den Velowegen anzutreffen. Mit «Bird» mischt seit Kurzem ein neuer Anbieter in der Stadt mit. 

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Pete Mijnssen
Blog, 24.10.2018

Seit letzter Woche mischt in Zürich ein neuer Mobilitätsanbieter mit. 60 Elektrotrottinette des US-Konzerns Bird stehen ab sofort in der Zürcher Innenstadt zum Verleih bereit. Nach Paris, Wien, Antwerpen und Brüssel ist Zürich die fünfte europäische Stadt mit den «Birds».

Damit steigt nach Limebike ein weiterer milliardenschwerer «digitaler Kalifornier» in den Schweizer Markt ein. Das Start-up wurde letztes Jahr im kalifornischen Santa Monica gegründet und ist bereits in 70 amerikanischen Metropolen und an 18 Universitäten präsent. Bereits 15 Monate nach der Firmengründung ist es mehr als eine Milliarde Dollar wert. Geradezu bescheiden muten deshalb die 60 Trottinette in Zürich an. Anders als die Firma OBike, die mit Hunderten ihrer graugelben Velos letztes Jahr die Innenstadt flutete, wollen es die Kalifornier langsam angehen. So sollen die Tretroller jeweils zuverlässig eingesammelt werden.

Abgesang auf Publibike?

Aufhorchen lässt, wie sich der Bird-Geschäftsführer Christian Gessner gegenüber der «NZZ» zur städtischen Verkehrs- und Velopolitik äussert. Da ist etwa die Rede davon, dass die Stadt für den zunehmenden Zweiradverkehr «Autospuren reduzieren» müsse, damit die Trottinette mehr Platz haben. Die Veloförderung gleiche einem Flickenteppich und der Masterplan Velo schlummere in den Schubladen. Diese Rhetorik, ansonsten nur von der Velolobby zu hören, wird nun also auch von ungewohnter Seite und mit geballter Finanzmacht im Hintergrund geäussert. So tritt Bird nicht als Bittsteller, sondern auch als Mäzen auf: Pro gebrauchtes Trottinett will der Konzern der Stadt einen Franken abliefern. Ob der Obolus bei den Behörden und beim Publikum ankommt, wird sich weisen.

Der wirtschaftsnahen «NZZ» scheint dieses System schon mal zu gefallen. Der neue Mobilitätsanbieter auf dem Platz Zürich verleitet André Müller frohlockend zur Schlagzeile «Zürich braucht Publibike nicht mehr». Denn es gibt ja nun zwei private Trottinett- und Veloanbieter (praktischerweise hat der andere Kalifornier, Limebike, beides im Angebot). Mit Smide darf noch ein Schweizer Player mitmischen, Publibike soll nun endgültig der Abschiedsmarsch geblasen werden.

Falscher Vergleich

Mit Verlaub: Trottinette und Velos über den gleichen Leist zu schlagen, ist ein Vergleich von Äpfeln und Birnen. Nichts gegen Trottinette, aber sie sind wohl mehr in Innenstädten anwendbar, während die Publibikes und noch mehr die schnellen Smides andere Radien erschliessen können und Mobilitätsalternativen bieten. Natürlich hat die Postautotochter Publibike mit dem Schloss-Gate vergangenen Sommer einen Supergau gelandet und steht im Schatten des Postautoskandals. Aber ein grundsätzlich ausgereiftes Modell nun vorzeitig auf dem Altar der Marktwirtschaft zu opfern, ist etwa so kurzsichtig und chaotisch wie die ganze Vorgeschichte und das politische Hickhack um den Zürcher Veloverleih. Der Bikesharing-Boom ist zudem ein vergleichsweise junges Phänomen. Wir werden wie beim Fussball noch neue und weitere (schwerreiche) Player kennenlernen, die in diesem Spiel ein- und ausgewechselt werden. Bei aller Unperfektheit dürfte Publibike ein solider Mittelfeldspieler bleiben.

Foto: Grendelkhan [CC BY-SA 4.0], Wikimedia Commons