Eine Stadt für Frauen

Die Stadt Genf sorgt für mehr Diversität auf ihren Verkehrsschildern. Damit sollen Frauen und Minderheiten im öffentlichen Raum sichtbarer gemacht werden.

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Julie Nielsen
Blog, 21.01.2020

In Genf gibt es rund 500 Schilder, die einen Fussgängerstreifen anzeigen. Seit die Beschilderung Anfang der 1960er-Jahre eingeführt wurde, war darauf ein eiliger Monsieur mit Hut im 50er-Jahre-Look zu sehen. Die Stadtpräsidentin Sandrine Salero will nun die Hälfte dieser Schilder abhängen und durch sechs neue Motive ersetzen lassen, auf denen unterschiedliche Frauenfiguren gezeigt werden.

Laut Salermo geht es um mehr als um eine Spielerei. Es sei ein kleiner Eingriff mit grosser symbolischer Kraft. Die Genfer Stadtpräsidentin will damit erreichen, dass über die Stellung der Frauen im öffentlichen Raum reflektiert wird. Denn die Schweizer Städte seien historisch betrachtet überwiegend von Männern für die Bedürfnisse von Männern gebaut worden.

Dieses Muster gelte es zu durchbrechen. Denn obschon die klassische Rollenverteilung zwischen Mann und Frau je länger je mehr aufweicht, lässt sie sich in der Nutzung des öffentlichen Raums immer noch nachweisen. Zahlen aus dem aktuellen Mikrozensus zum Verkehrsverhalten der Bevölkerung, erhoben im Jahr 2015, zeigen: Frauen wählen andere Wege durch die Stadt und benutzen viel häufiger den ÖV, das Velo oder gehen zu Fuss als Männer.

Männer hingegen fahren im Schnitt fast doppelt so weit mit dem Auto wie die Frauen und legen generell deutlich längere Strecken zurück – entsprechend sind sie auch seltener mit dem Velo oder zu Fuss unterwegs. Deshalb ist es durchaus eine Benachteiligung für die weibliche Bevölkerung, wenn die Strassen bestens ausgebaut sind, aber die Trottoirs zu schmal sind und keine guten Velowege existieren.

Die Idee ist gut

Heute ist auf fast allen Strassenschildern ein Mann zu sehen. Es ist ähnlich wie bei der Sprache, wo es lange hiess, bei der männlichen Form sei die weibliche mitgedacht. Um Stereotype aufzudecken, könnte man alle männlichen Figuren auf Schildern durch weibliche ersetzen. So würde noch deutlicher sichtbar gemacht, dass auch Frauen Platz im öffentlichen Raum brauchen.

Der Kanton Genf unterstützt die Aktion der Stadt deshalb voll und ganz, auch wenn es laut Staatsrat Serge dal Busco gar nicht so einfach gewesen sei, die neuen Schilder zu entwerfen, ohne das Bundesrecht zu brechen. Verkehrsschilder müssen klar, verständlich und in der ganzen Schweiz einheitlich sein, damit sie nicht zu Verwirrung auf der Strasse führen.

Die neuen Schilder sollen darum Schule machen und auch in anderen Genfer Gemeinden oder gar in der ganzen Schweiz eingesetzt werden. Für den Kanton Genf sind sie ein wichtiges Symbol und ein klarer Schritt zu einem Mentalitätswandel, bei dem die Gleichberechtigung alle Aspekte der Gesellschaft abdeckt.

Foto: Stadt Genf