Nachhaltige Fahrradnutzung nach Corona

Während der Coronazeit hat die Nutzung von Fahrrad und E-Bike im Pendler-, Alltags- und Freizeitverkehr deutlich zugenommen. Der Branchenverband Velosuisse sieht gute Chancen für einen anhaltenden Trend. Vorausgesetzt, Veloverkehrsinfrastruktur und Gesetzgebung halten Schritt. 

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Martin Platter
Blog, 26.05.2020

Beflügelt durch das anhaltend schöne Wetter registrierten die Velosuisse-Mitglieder seit Ende Februar eine erhöhte Nachfrage nach Fahrzeugen und Ersatzteilen. Diese deutete darauf hin, dass Pendler vom öffentlichen Verkehr aufs Fahrrad umgestiegen sind, um sich vor einer Ansteckung mit dem Coronavirus zu schützen.

Dann kam der Lockdown. Die Velowerkstätten wurden vom Bundesrat als systemrelevant erklärt und durften offenbleiben, um die Mobilität der Menschen sicherzustellen. Derweil die Leute aufgefordert waren, zuhause zu bleiben und wenn immer möglich die Arbeit und Schule im Home-Office wahrzunehmen.

Auf die Fahrradnutzung hat sich das nicht negativ ausgewirkt. Die Leute schwangen sich weiter auf den Sattel, um Besorgungen zu machen und um sich an der frischen Luft zu bewegen. Das hat auch die Mobilitätsstudie der ETH Zürich gezeigt, die einen grossen Zuwachs bei der Fahrradnutzung registrierte.

Mehr Reparaturen

Die Fahrradmehrnutzung wirkte sich unterschiedlich auf die Velobranche aus: Reparaturen waren in der ohnehin schon stark belasteten Frühlingszeit noch mehr gefragt. Mehrere Importeure haben deutliche Zuwächse vermeldet beim Abverkauf von Ersatzteilen und Verbrauchsmaterial wie Reifen, Schläuche, Bremsklötze, Ketten, Ritzel, Kabel und diverse Lager.

Auffällig ist, dass wieder vermehrt die Reifengrösse 26 Zoll nachgefragt war. Das deutet darauf hin, dass ältere Mountainbikes und Alltagsräder wieder fahrtüchtig gemacht wurden.

«Wichtig wäre es nun, dass die Infrastruktur entsprechend angepasst wird. Studien haben nämlich gezeigt, dass eine gefährliche Verkehrsinfrastruktur vom Velofahren abhält.»

Da der Verkauf von Neufahrzeugen durch die offiziell verordnete Sperrung der Verkaufsflächen bis am 11. Mai in den Fahrradläden nur indirekt erlaubt war, was deutlich mehr administrativen Aufwand bedeutete, hinken die Verkaufszahlen derzeit noch etwa 20 Prozent hinter denen des Vorjahres her.

Die Velosuisse-Mitglieder sind jedoch zuversichtlich, dass der Rückstand noch aufgeholt werden kann. Denn Velo- und E-Bikekäufe sind nicht aufgehoben, sondern in den meisten Fällen nur verschoben.

Die Branche ist optimistisch, dass der Run auf Fahrräder und E-Bikes auch nach der Coronakrise weiter anhalten wird. Noch manch einer mehr hat die Effizienz und das befreiende Gefühl des Fahrradfahrens neu entdeckt.

Dem Velo gehört die Zukunft

Der Platz in den Städten wird auch in Zukunft und mit Elektroautos nicht mehr. Da bleibt das Velo als schnellstes Verkehrsmittel von Haustür zu Haustür erste Wahl.

Wichtig wäre es nun, dass die Infrastruktur entsprechend angepasst wird. Studien haben nämlich gezeigt, dass eine gefährliche Verkehrsinfrastruktur vom Velofahren abhält.

Velosuisse setzt deshalb grosse Hoffnungen in das neue Veloweggesetz, das derzeit in der Vernehmlassung ist.

«Deutschland, das als Autoland gilt, zeigt sich gegenüber dem Veloverkehr besonders aufgeschlossen.»

Was eine klimafreundliche und nachhaltige Verkehrspolitik bewirken kann, zeigt derzeit die dynamische Veloverkehrs-Infrastrukturentwicklung im Ausland, wo vielerorts Pop-up-Fahrradspuren (Strassen, die provisorisch zu Fahrradwegen umgewandelt werden) entstehen.

In zahlreichen Städten wie Mailand, Wien, Paris, New York, Brüssel, Mexiko-Stadt und Bogotá hat man bereits zahlreiche neue Fahrradwege auf Kosten von Autofahrspuren auf Hauptstrassen und Boulevards geschaffen. Berlin hat sogar ganze Parkplatzzonen für temporäre Velospuren aufgehoben.

Deutschland machts vor

Deutschland, das als Autoland gilt, zeigt sich gegenüber dem Veloverkehr besonders aufgeschlossen und hat am 28. April eine neue Strassenverkehrsordnung in Kraft gesetzt, die auch für die Schweiz Vorbildcharakter hat. Nicht mit einer abschreckenden Velohelmpflicht, sondern mit sinnvollem Schutz für die schwächsten Verkehrsteilnehmenden auf Gesetzesebene:

Ein Mindestüberholabstand für Kraftfahrzeuge beim Überholen von Fussgängern und Velofahrern, ein generelles Halteverbot für mehrspurige Motorfahrzeuge auf Radstreifen, ein langsameres Rechtsabbiegetempo für Lastwagen innerorts, Radschnellwege, zusätzliche Fahrradzonen, eine Liberalisierung des Personentransports auf Fahrrädern, Vereinfachungen für Lastenvelos und mehr schaffen neue Anreize für die Fahrrad-Nutzung.

Martin PlatterMartin Platter ist seit 2017 Mediensprecher von Velosuisse, seit Januar 2020 auch Geschäftsführer. Seit 1989 beschäftigt sich der diplomierte Fahr- und Motorradmechanikermeister publizistisch mit dem Velo.

 Fotos: Martin Platter, Mirjam Graf

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