Unsichtbare Hürden sichtbar gemacht

Frauen fahren unter anderen Voraussetzungen Velo als Männer. Eine Ausstellung in Bern macht sichtbar was motiviert, was hemmt und warum Velopolitik ohne Geschlechterperspektive an der Realität vorbeiplant.

Julie Nielsen, Redaktorin (julie.nielsen@velojournal.ch)
News, 04.03.2026

Die Stadt Bern zeigt mit «Frauen fahren Velo» eindrücklich, wie unterschiedlich Mobilität erlebt wird. Grundlage ist eine Photovoice-Studie der Universität Bern, in der Frauen mit Migrationsgeschichte ihren Veloalltag selbst dokumentierten. Ihre Bilder erzählen von Freiheit und von Hürden.

Nicht nur der Bildungsstand ist entscheidend

Bern will Velohauptstadt werden.19 Prozent beträgt der Veloanteil heute, 30 Prozent sollen es künftig sein. Dafür sollen die Massnahmen zur Förderung des Veloverkehrs nicht nur besser koordiniert, sondern auch die Bevölkerung darin miteinbezogen werden.

Lange standen in der Mobilitätsforschung vor allem Bildung, Einkommen oder Wohnort im Fokus. Heute ist klar: Wer wie unterwegs ist, hat auch mit sozialen Realitäten zu tun. Migrationsgeschichte, Geschlecht oder ethnische Zugehörigkeit prägen das Mobilitätsverhalten entscheidend mit.

Die Ausstellung «Frauen fahren Velo. Vielfältige Perspektiven aufs Velofahren in Bern» rückt jene ins Zentrum, die bisher zu wenig berücksichtigt wurden: Frauen,insbesondere Frauen mit Migrationsgeschichte.

Grundlage der Ausstellung ist die explorative Photovoice-Studie «Velofahren in der Stadt Bern unter einer Geschlechter- und Migrationsperspektive» des Interdisziplinären Zentrums für Geschlechterforschung der Universität Bern. Für diese fotografierten zwölf Frauen ihren Veloalltag, ihre Motivationen und ihre Hindernisse. Die Bilder wurden zum Ausgangspunkt vertiefender Interviews.

Grosse Unsicherheit

Studien zeigen, dass Frauen Sicherheitsrisiken intensiver wahrnehmen, als Männer. Deshalb äussern Frauen auch deutlich häufiger den Wunsch nach abgetrennten Velowegen. Dieser Unterschied zeigte sich auch bei den Teilnehmerinnen der Photovoice Studie: Viele Befragte fühlen sich auf Mischflächen mit Autos, Trams und Bussen unsicher und empfinden das Navigieren im Verkehr eine grosse Herausforderung. Wer sich nicht sicher fühlt nutzt das Velo nicht. Beim Velofahren mit Kindern verstärkt sich die Unsicherheit nochmals deutlich. Entsprechend markieren Schwangerschaft oder Geburt für einige einen Bruch im «Veloleben».

Rollenbilder und Scham

Neben Infrastruktur und Kindern spielen auch soziale Normen und Werte es Herkunftslandes eine Rolle. Einige Frauen berichten von Schamgefühlen in ihren Familien und Communities. Velofahren gilt nicht überall als «weiblich». Darüber hinaus fallen sie im Strassen verkehr vermehrt auf, da sie nicht dem stereotypen Modell des weissen, männlichen und sportlichen Velofahrer entsprechen auf den die Verkehrsplanung hauptsächlich zugeschnitten ist. 

Planung braucht unterschiedliche Perspektiven

Die Ausstellung übersetzt diese Erkenntnisse in konkrete Forderungen: bessere, baulich getrennte Infrastruktur, institutionalisierte Velokurse mit Kinderbetreuung, Role Models, niederschwelliger Zugang zu qualitativ guten Velos. Veloförderung wird hier als Inklusionspolitik gedacht.

«Frauen fahren Velo» ist damit mehr als eine Plakatausstellung. Sie ist ein Perspektivenwechsel und ein Hinweis darauf, dass Verkehrsgerechtigkeit dort beginnt, wo Erfahrungen ernst genommen werden. Die Photovoice Studie hebt hervor: «Durch die Einbeziehung von verschiedenen sozialen Gruppen in die Veloverkehrsplanung und in Initiativen zur städtischen Mobilität können Städte gerechtere und nachhaltigere Verkehrssysteme für alle Einwohnende schaffen.»

Wo und Wann

Beim Glockenturm auf dem Dorfplatz im Tscharnergut, 23. März bis 05. Juni 2026
Eröffnungsfest: Sonntag, 29. März, 14.00-16:00 Uhr, beim Glockenturm auf Dorfplatz im Tscharnergut, mit Apéro & Velo-Aktivität für Kinder. Bei schlechtem Wetter im Quartierzentrum im Tscharnergut

Weitere Informationen gibt es hier. 

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