Die gesuchte Person hat eine klare Leidenschaft: Vintage-Rennvelos. Eine Augenweide, die alten Stahlvelos aus den 70er- und 80er-Jahren, säuberlich aufgehängt, sortiert nach Marken. Viele italienische Traditionsschmieden, aber auch auffällig viele Velos der niederländischen Marke Gazelle sind darunter. Und auch das eine oder andere modernere Rennrad. Auch ein «Alan», das erste Alurad, das die Italiener schon in den 70er-Jahren herstellten, findet sich neben den Stahlrössern.
Der Veloenthusiast ist ein Sammler und vielleicht auch ein Händler. Die gut ausgestattete und aufgeräumte Werkbank, über der ein noch nicht zusammengebauter Velorahmen hängt, zeigt, dass die Velos hier in stundenlanger Arbeit aufgebaut und hergerichtet werden. Darauf weisen auch die Plakate für Veloteilmärkte hin, wo unser Veloenthusiast sich eindeckt.
Es finden sich auch Poster zu Mountainbikerennen und Mountainbikes im Keller, doch es dominieren die Vintage-Räder. Die Velos werden aber nicht nur gesammelt, hergerichtet und möglicherweise verkauft, sie werden auch gefahren. Das zeigen die Nummern an den zwei blauen italienischen Rennrädern im Vordergrund. Es handelt sich um Startnummern des Nostalgierennens Eroica und weiterer Vintage-Klassiker. Das eine Velo ist noch nicht einmal geputzt, es klebt noch Staub der «Strade Bianche», der unbefestigten Strassen in den Chianti-Hügeln, am sattblauen Rahmen.
Ein ‹Eroico›!
Auffällig ist, dass es einige Velos in genau gleicher Ausführung im Doppelpack gibt. Richtet er für die Partnerin oder einen Freund ein zweites Velo her? Geht man im Partnerlook zu den Vintage-Rennen? Es geht also um Nostalgie, Schönheit und Geselligkeit. All dies deutet darauf hin, dass unser Velokellerbesitzer ein Ästhet ist, der auch handwerklich begabt ist, mit Affinität für den Radsport zu den Zeiten der unvergessenen Helden Koblet, Kübler, Coppi oder Merckx.
Er liebt es aber auch, selber Sport zu treiben, verausgabt sich mit dem Mountainbike abseits der Strasse und nimmt an Rennen teil. Vielleicht hat er einen kreativen Beruf, ist Grafiker, Architekt oder Fotograf und widmet sich in seiner Freizeit dem aufwendigen Hobby. Oder er hat dieses zum Beruf gemacht und ist selber Velohändler. Ob nur in der Freizeit oder auch beruflich: Die gesuchte Person ist ein Kenner und verbringt viel Zeit in diesem Raum.
Bettina Maeschli ist Geschäftsführerin von Hepatitis Schweiz und als Stadt- und Rennvelofahrerin unterwegs.
In diesem Velokeller duftet es nach einer Vorliebe für norditalienische Rahmenbaukunst. Diese hat ihren Ursprung im Rennradsport des frühen 20. Jahrhunderts. Dafür sprechen etwa die Räder der Mailänder Traditionsschmiede Colnago, des ligurischen Herstellers Olmo oder der Turiner Rahmenbaulegende Aldo Gios. Letzterer ist davon überzeugt, dass sich die wahre Qualität eines Rennvelorahmens erst bei der Abfahrt zeigt – und dass das Rennvelo ein italienisches Kulturgut ist. Auch die zwei «Carbonio»-Modelle aus den 80er-Jahren der norditalienischen Marke Alan zeugen von einem Connaisseur pionierhafter Konstruktionstechniken: Denn Alan war einer der ersten Hersteller, die in den Siebzigerjahren Carbonrohre mit Alumuffen zu Rahmen im klassischen Diamantdesign verleimten. Das «Carbonio» ist ein Meilenstein der Velogeschichte. In ähnlicher Weise gefertigt wurden die «Cadex»- Modelle von Giant. Dass ein «Cadex 980 C» aus dem Jahr 1989 ebenfalls in diesem Keller hängt, unterstreicht, wie affin der Besitzer dieser Sammlung gegenüber der Rahmenbaukultur ist. In diesem Keller finden sich aber auch Zeitzeugen innovativer Schweizer Carbonverarbeitung: Zum Beispiel die «Promachine SLC01» von 2006. Dem Hersteller BMC gelang es durch die Einarbeitung mikroskopisch kleiner Carbonröhrchen in den Harz, weniger Material bei gleicher Stabilität zu verbauen, was ein Rahmengewicht von weniger als einem Kilo zuliess. Wer genau hinschaut, sieht, dass dieser Sammler aber auch offen für Velos mit elektrischem Hilfsantrieb ist. Lugt doch hinter der Werkbank das Näschen eines Bosch-E-Bike-Akkus hervor. Dominic Redli ist als passionierter Schrauber und Fachjournalist des Branchenmagazins «Cyclinfo» mit Velotechnik, Marken und Produkten bestens vertraut. Im Rahmen der neuen Serie werfen wir einen Blick in Schweizer Velokeller. Und rätseln darüber, was die darin stehenden Fahrräder über die Besitzerin oder den Besitzer aussagen. Zum Start besuchen wir den Keller einer Person, die ein offenkundiges Faible für die Velotradition hat. Dazu gesellen sich Sammellust, ein Händchen für Technik und eine gute Portion Ordnungssinn. Um wen es sich handelt, erfahren Sie hier. Fotos: Mirjam Graf
In diesem Velokeller reiht sich Klassiker an Klassiker.Ein Connaisseur
Serie: Im Velokeller







