Sportliche Kollektion

Im zweiten Teil unserer Serie «Im Velokeller» steigen wir in das moderne Untergeschoss eines Mehrfamilienhauses und lassen die Autorin und den Spezialisten über die Sammlung rätseln.

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Bettina Maeschli, Dominic Redli (Text), Mirjam Graf (Fotos)
24.10.2019

Was mir auf den ersten Blick auffällt, ist die grosse Zahl der fein säuberlich aufgehängten Offroad-Maschinen im weiss-sauberen Keller. Es müssen weit über ein Dutzend sein. Sofort frage ich mich, ob hier nur eine Person dahintersteckt oder ob wir den Keller eines Mehrfamilienhauses vor uns haben. Nein, dafür sind die Velos zu ausgesucht.

Der Fokus liegt einerseits auf Mountain­bikes und Crossvelos. Aber auch das Tempo auf dem Asphalt hat es unserem gesuchten Veloliebhaber angetan: Rennräder aus verschiedenen Epochen sind zu sehen, ein altes Zeitfahrvelo mit Scheibenrad etwa oder ein italienischer Vintage-Renner. Stil­echt, mit Ersatz-Collé unter dem Sattel.

Oder ein Carbonflitzer neuster Bauart. Ein besonders schönes Schmuckstück wird auf dem Foto wie auf dem Silberteller präsentiert: ein rotes, topmodernes Gravelbike. Es vereinigt Elemente aus der Stras­senvelo- und Mountainbikewelt.

Rennvelos und Mountainbikes, alt und modern: Es gibt viele Kontraste. Und noch etwas fällt auf: Offroad-Bikes sind nach einer Ausfahrt oft schlammverspritzt, doch der Velokeller mit Neonlicht ist schon fast klinisch sauber. Da frage ich mich, ob diese Velos auch noch gefahren werden. Denn sie sind alle blitzsauber und in einem Topzustand.

«Wir suchen also jemanden, der sich gerne mit dem Besten der Radsportgeschichte umgibt.»

Auch eine Werkbank sieht man auf dem Bild nicht. Wo werden die Velos gepflegt und geputzt? Oder werden sie nur gesammelt? Alltagsräder oder «Bahnhofvelos» sind keine zu sehen. Entweder stehen diese vor dem Haus und werden nicht wie die Schmuckstücke im Keller aufbewahrt. Oder Velofahren wird in diesem Haushalt nur als Sport betrieben.

Wir suchen also jemanden, der sich gerne mit dem Besten aus der Radsportgeschichte umgibt. Vielleicht werden nur die neusten Errungenschaften gefahren. Von den älteren Modellen kann sich der Besitzer nicht trennen. Zu viele Erinnerungen hängen daran.

Die breite Palette der Velos und die unterschiedlichen Epochen bringen mich aber wieder zu meinem ersten Gedanken zurück, als ich einen Velokeller in einem Mehrfamilienhaushalt vermutete: Vielleicht sind die vielen Velos und ihre Unterschiedlichkeit nicht ein Hinweis auf einen Besitzer mit vielen Vorlieben – vielleicht haben die Velos auch mehrere Besitzer, die verschiedenen Generationen angehören, und wir schauen in den Keller einer Grossfamilie. Deren Mitglieder veloverrückt sind und die Ikonen des Radsports lieben.

Bettina Maeschli ist Geschäftsführerin von Hepatitis Schweiz und als Stadt- und Rennvelofahrerin unterwegs.

In diesem Keller stehen nur hochwertige Velos. Ein Velokeller voller Offroad-Maschinen und Highend-Bikes. 

Diebesgut

In diesem Keller hängt viel Kohle(-faser) herum. Praktisch jede Velogattung, die die Industrie im Sportsegment in den vergangenen 40 Jahren aus Carbon gefertigt hat, ist vertreten.

Zeitgemässe Hightech-Rennvelos wie etwa das brandneue Scott «Addict RC Premium Disc» mit elektrischer Shimano-Schaltung und Scheibenbremsen für 11 000 Fränkli – aufgemotzt mit einer Carbon-Lenker-Vorbau-Einheit von Black Inc, die in einem Mould ausgelegt und gebacken wird und alleine mehr wert ist als das 24-Zoll-Kindervelo von Scott, das in der Ecke steht.

Oder das vielseitige und auch nicht gerade günstige Gravelbike «New U.P.» von Open Cycles mit Einfachantrieb, 42 Millimeter breiten WTB-Schlauchlosreifen; aufgezogen auf Felgen aus dem «schwarzen Gold», sich um Steckachsen drehend, die mehr als einen Zentimeter Durchmesser aufweisen und für Steifigkeit sorgen. Hinter Open stehen der ehemalige BMC-Geschäftsführer Andy Kessler und der Gründer der Nobelmarke Cervélo, Gerard Vroomen.

Ein weiteres extravagantes Objekt ist das Cat-Cheetah-Triathlonvelo, in den Neunzigerjahren vom Schweizer Tüftler Ruedi Kurt mit Fokus auf Aerodynamik entwickelt.

Weiter ist hier auch ein kurz vor der Jahrtausendwende produzierter Mountainbike-Meilenstein gebunkert, als die 26-Zoll-Laufradgrösse noch ein wirklicher «Standard» und unangetastet war: das Trek «Y50 OCLV», das mit seinem charakteristischen vorderen Rahmenbauteil aus Carbon in Y-Form zu den Fully-Ikonen gehört.

«Grundsätzlich fällt das Faible dieses Kellereigentümers für Snakeskin-Reifen und Selle-Italia-Sättel auf.»

Sein Eingelenker-Federungssystem mit Drehpunkt vor dem Tretlager ist komplett vom Antrieb entkoppelt, was für feines Ansprechen und wippfreies Pedalieren sorgt.

Gleich daneben hängt ein reinrassiges Crosscountry-Racebike mit 29-Zöllern, das Scott «Spark RC 900 SL» von 2017. Auf diesem Velo fuhr Nino Schurter 2016 zu Olympiagold.

Grundsätzlich fallen das Faible dieses Kellereigentümers für Snakeskin-Reifen mit hellen Seitenwänden und Selle-Italia-Sätteln auf sowie der Umstand, dass kaum ein Lenkerband oder Reifen verschlissen ist. An fast jedem Lenker hängt ein Garmin-Halter, und alle Velos sind schnieke und sauber.

Hoffentlich ist der Keller gut verschlossen!

Dominic Redliist als passionierter Schrauber und Chefredaktor des Branchenmagazins «Cyclinfo» mit Velotechnik, Marken und Produkten bestens vertraut.


Serie: Im Velokeller

Im Rahmen der neuen Serie werfen wir einen Blick in Schweizer Velokeller. Und rätseln darüber, was die darin stehenden Fahrräder über die Besitzerin oder den Besitzer aussagen. Zum Start besuchen wir den Keller einer Person, die ein offenkundiges Faible für die Velotradition hat. Dazu gesellen sich Sammellust, ein Händchen für Technik und eine gute Portion Ordnungssinn. Um wen es sich handelt, erfahren Sie hier

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