Oh Tannenbaum, wie schön sind deine Räder

Der Christbaum ist kaum wegzudenken für das Weihnachtsfest. Ebenso selbstverständlich holen viele Familien ihren Baum per Velo. Wie der Schwertransport gelingt, haben wir in der Stadtgärtnerei aus erster Hand erfahren.

Aline Kuenzler, Autorin (aline.kuenzler@velojournal.ch)
News, 18.12.2024

Sollte es zu wenig Schnee geben, wird Ella diesen Winter Velo- statt Skifahren lernen. Dies überrascht wenig, das Mädchen sitzt nämlich strahlend auf dem Kindersitz des Elektrovelos ihrer Mutter Jelena. Sie fährt nicht einfach mit, sondern hilft, den Weihnachtsbaum im Veloanhänger nach Hause zu transportieren. Es sei ihr bis anhin grösster Christbaum, erzählen mir Mutter und Tochter stolz. Trotzdem ist es für die zwei selbstverständlich, den harzigen Transport mit dem Zweirad zu bewältigen. «Einfach alles» erledige sie mit «ihrem Ferrari», wie Jelena das schwarze E-Bike schwärmerisch nennt, der Kinderanhänger sei dabei ihr Kofferraum. Für sich und ihre Tochter wünsch sich die E-Bikerin mehr Velowege.

Per Velo? Selbstverständlich!

Damit ist sie nicht allein. An einem sonnigen Nachmittag Mitte Dezember begegne ich einem Dutzend Velofahrerinnen und Anhänger-Spezialisten beim «Frischbaum-Verkauf» von Grün Stadt Zürich in der Stadtgärtnerei. Ich will von ihnen wissen, wie sie den sperrigen Transport mit ihrem Zweirad bewerkstelligen. Ihre Antworten sind schon fast ernüchternd, ist es denn für die meisten eine Selbstverständlichkeit, dass sie per Velo unterwegs sind. Die meisten der Christbaum-Transporteure sind das ganze Jahr mit dem E-Bike oder Velo unterwegs, sie geniessen die frische Luft und die Bewegung auch im Winter. Mit einem Auto oder im ÖV stellen sie sich den Baumtransport viel mühsamer und komplizierter vor als per Velo. Das Unterfangen scheint tatsächlich recht einfach mit den unterschiedlichsten Zweirädern zu funktionieren. Mehr als einen Spanngummi bringen die meisten Kunden nicht mit, um ihren Baum sicher nach Hause zu bringen.

Pragmatismus ist gefragt

Eine gute Portion Pragmatismus zeigen dabei vor allem die Familien unter den Kunden der Stadtgärtnerei. Ein Familienvater erklärt, dass seine zwei Töchter heute entweder selber pedalieren oder im Oberrohr-Sitzli mitfahren müssen. Der Kinderanhänger sei schliesslich für die Tanne reserviert. Er nutze dafür einen älteres Modell, falls Harz und Tannennadeln ihre Spuren hinterlassen. Für sich, seine Töchter und alle Menschen auf dem Velo hat einen ebenso einfachen wie berührenden Weihnachtswunsch: Mehr gegenseitige Rücksicht.

Der Baum hat Vortitt

Man erkennt die Routiniers unter den Frischbaum-Kunden an ihrer guten Vorbereitung. Mit Arbeitshandschuhen ausgerüstet, wählt Andreas kurzentschlossen seine Rottanne aus und packt sie schwungvoll auf sein Rennvelo. Für ihn bleibt dabei keinen Platz mehr im Sattel. Lächelnd schiebt er sein Velo samt Baum die wenigen hundert Meter bis nach Hause. Für diesen Weg, aber auch für die Velokilometer im nächsten Jahr wünscht er sich ganz einfach «weniger Autos».

Etwas weiter fährt Olivier seine Tanne nach Hause. Für die rund zwei Kilometer Fahrt ist er mit dem Lastenvelo unterwegs, dessen Sattel er nicht mit dem Christbaum teilen muss. «Mit dem Spitz nach vorne» müsse man den Christbaum einladen, weiss der erfahrene Tannenbaum-Transporteur. Es ist nicht seine erste Fahrt mit Baum. In seinem Bakfiets bringt er bereits zum zwölften Mal einen Weihnachtsbaum zu seiner Familie in die Stube. Für seinen Heimweg und das Velofahren im Allgemeinen wünscht er sich «echte Velostrassen» mit Vortritt für Zweiräder.

Ob mit oder ohne Schnee, wir wünschen Ella und allen sichere Fahrt - auch mit Baum und im Winter.

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