«Auf dem Velo bin ich glücklich»

Der Ex-Bahnprofi Franco Marvulli hat in seiner zweiten Karriere eine ungewöhnliche neue Rolle gefunden: Er ist Botschafter des E-Bike-Reiseveranstalters Twerenbold. So verbindet er Abenteuerlust mit Unterhaltungstalent.

Emil Bischofberger, Autor
06.03.2026

Herr Marvulli, Sie waren 20 Jahre lang Radprofi. Wie sehr bestimmt das Velo heute Ihr Leben? 

Franco Marvulli: Immer noch recht stark, wenn auch etwas weniger, seit wir Kinder haben. Letztlich gehört das Velo zu mir wie das Atmen. Ein Leben ohne ergibt für mich keinen Sinn.

Haben Sie nie die Lust daran verloren?

Doch, in meinen letzten Jahren als Profi. Am liebsten hätte ich auf die Abschiedssaison verzichtet. In den zwei Jahren nach dem Rücktritt sass ich nur aufs Velo, wenn ich musste. Ich dachte, dass ich Velofahren hassen würde. Dabei hasste ich nur das, was der Radsport mit sich brachte: den Leistungsdruck.

Wie kam die Freude zurück?

Vor acht Jahren sagte ich eines Tages: Mein grösster Wunsch wäre es, einfach Velo zu fahren, so langsam und so lange, wie ich will. Innert 48 Stunden bestellte ich ein Velo, buchte einen Flug nach Johannesburg und den Rückflug ab Kapstadt. Dazwischen liegen – Luftlinie – rund 1500 Kilometer. Ich bin dann über Umwege 3000 Kilometer durch den südlichen Teil Afrikas gefahren. 

Heute sage ich: Velofahren ist geil. Für mich steht nun das Fortbewegen, das Erleben im Zentrum. Du fährst durch Landschaften, wo du sonst nie hin­kämest. Ich habe gemerkt: Wenn ich auf dem Velo bin, bin ich glücklich.

Seither unternehmen Sie jedes Jahr eine Abenteuerfahrt. Mit welchem Ziel?

Bei der ersten ging es darum, die Wertschätzung fürs Velofahren wiederzufinden. Beim zweiten Mal um das Aushalten von Monotonie, ich mit mir alleine, einen Monat lang. Jede meiner Reisen hat auch eine therapeutische Wirkung, einen tieferen Sinn.

Zuerst fuhren Sie jeweils solo los, heute nicht mehr. Warum?

Weil ich nicht Nein sagen kann. Es fragten mich zu viele Leute an. Und das Reisen miteinander ist schon cool, am Abend zusammenzusitzen, das Schöne zu teilen und das Schlechte abzufedern.

Wie wählen Sie Ihre Begleiter aus?

Ich könnte ein Geschäft daraus machen, das will ich aber nicht. Es sind nicht immer die gleichen, ich versuche, verschiedene Typen zuammenzuwürfeln. Bislang habe ich noch 
nie ein Problem gehabt, alle wollen immer wiederkommen.

Wohin zieht es sie dieses Jahr?

Wir fahren im Februar drei Wochen lang durch Indien. Respekt habe ich dabei nur von einem Faktor: Dass meine Verdauung mitmacht.

Wie viele Tage sitzen Sie pro Jahr noch im Sattel?

Ich kann mal 20 Tage am Stück Velofahren, dann ein paar Woche gar nicht – aus Arbeits- und Familiengründen. Aber am liebsten würde ich täglich Velo fahren.

Wie oft sind Sie noch in Ihrem angestammten Revier auf der Rennbahn anzutreffen?

Etwa zehnmal pro Jahr, meistens mit Kunden. Das fühlt sich immer noch an wie ein Heimkommen, obwohl seit dem Rücktritt zwölf Jahre vergangen sind. Nur, dass ich heute nicht mehr schnell fahre, auch wenn Teilnehmer das gerne hätten. Sich richtig auszukotzen, das reizt mich nicht mehr. Ich bin nicht mehr der Rennvelofahrer, mein Puls geht selten über 140.

Wann geniessen Sie das Velofahren besonders?

Velofahren ist schön, wenn du eine gewisse Fitness hast, dass du merkst: Die Beine trampen von alleine, nicht dass du ihnen sagen musst, sie sollen drehen. Dann fühlt es sich bergauf an, als wäre man auf einer Rolltreppe. Am liebsten bin ich in der Natur unterwegs, mit dem Gravelbike.

Ihr Geld verdienen Sie mittlerweile als Speaker und Moderator. Welches Talent ist grösser: Jenes auf dem Velo oder das zum Moderieren und Unterhalten?

Ich glaube, die Mischung macht mich aus. Ich fing an zu moderieren, weil ich angefragt wurde. Wer mich cool findet, bucht mich, wer nicht, der nicht. Ich könnte im Moderieren 
erfolgreicher sein, wenn ich mehr Ehrgeiz an den Tag legen würde. Aber ich will da nicht Weltmeister werden, sondern einfach Franco sein. Ich mag nicht ellbögeln. Das hatte ich im
Velofahren genug.

Als Ambassador von Twerenbold verbinden sich die beiden Welten. Wie kam es dazu?

Ich wurde vor ein paar Jahren von Twerenbold angefragt, ob ich ihre 125-Jahr-Jubiläumsreise begleiten würde, eine Schiffsreise mit E-Bikes auf der Rhône. Ich war da gut 40 und dachte: «Verdammt, ich bin doch zu jung dafür!» Aber ich war doch «gwundrig» und sagte zu. Relativ schnell merkte ich, dass wir ähnlich dachten. Vom Markenbotschafter bin ich zum Berater und Reise-Mitentwickler geworden. Letztlich erhalte ich eine Chance, etwas zu machen, was ich cool finde: Velo fahren, verbunden mit Reisen und Kultur.

Trotzdem: Einen Ex-Radprofi und einen E-Bike-Reiseanbieter würde man nicht unbedingt zusammenbringen.

Kontakt zu Menschen aufzunehmen, musste ich nicht lernen. Dazu kommt, dass die Gäste meine Leistungen von einst noch wertschätzen, weil sie sich daran erinnern können.

Wie werden die Touren ausgewählt, bei denen Sie mitfahren?

Ich darf wünschen! Ich habe Stammkunden, die fragen jedes Jahr, wo ich das nächste Mal dabei sein werde. Heuer etwa bin ich auf Sizilien, im Pustertal, in Dänemark und Südschweden, von Paris in die Normandie – und dann ist es erst Mitte Juli!

Sie selber rollen auch mit Motorenunterstützung?

Ich habe immer zwei Velos dabei: Ein E-Velo und ein normales. Eigentlich herrscht bei Twerenbold ja E-Bike-Pflicht, weil es E-Bike-Touren sind. Wenn es aber niemanden stört, dass ich mein normales Velo fahre, nehme ich das. Die Gäste erwarten das auch ein wenig. Sie sagen: «Aber du fährst doch kein E-Bike, Franco.»

Neu propagieren Sie eine E-Gravel-Tour. Wie vereinbaren Sie das mit sich?

Das ist völlig okay. E-Gravel ist für Leute, die sich noch zu jung fühlen, um sich auf ein City-E-Bike zu setzen, aber sich zu alt für ein normales fühlen. Am Schluss möchte ich, dass alle ein cooles Abenteuer erleben.

Mit dem E-Gravel geht es im Herbst durch den Balkan. Wie viel Marvulli ist da drin?

Ich wurde immer wieder gefragt, ob ich nicht einmal eine meiner Abenteuerreisen anbieten würde. Nun bewegen wir uns auf diesen Pfaden, von Triest nach Tirana, in zwölf Tagen durch sechs Länder. Solche Angebote, mit dem Abenteuerfaktor, würde ich gerne weiter ausbauen. Vielleicht heisst dann irgendwann eine Reise: Mit Marvulli um die Welt.

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