Er flüchtete mit dem Velo vor den Bomben

Arif Bagirov ergriff in der Ukraine auf seinem Fahrrad die Flucht. Aus der unter Beschuss stehenden Stadt Severodonetsk brachte er sich in Sicherheit. Die gefährliche Reise überstand er ohne Verletzungen.

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News, 03.06.2022

Gegen 11 Uhr morgens schnappte sich Arif Bagirov sein Mountainbike und begann aus der Stadt zu radeln. Velomarke: Ardis. Hergestellt in der Ukraine. Der erfahrene Fahrradfahrer würde die Reise später als «verrückteste Velofahrt seines Lebens» bezeichnen «unter den aussergewöhnlichsten Umständen». Geboren und wohnhaft in Severodonetsk, hegte er seit Langem den Wunsch, die Hügel auf der 70 Kilometer langen Route nach Bakhmut zu bestreiten. Doch die Fahrt war anders, als er sie sich je hätte vorstellen können. Das Ziel der Reise nicht Vergnügen, sondern Sicherheit. 

Bombardierungen der Heimat

Nach wochenlangem Beschuss waren die russischen Truppen weiter nach Severodonetsk vorgerückt, eine der letzten grossen Städte unter teil-ukrainischer Kontrolle in der Region Luhansk. Nun befindet sie sich mehrheitlich unter Kontrolle der russischen Armee, wie ein lokaler Anführer am Dienstagabend berichtete. «Fast 100 Prozent der Infrastruktur ist zerstört worden», meldete der Bürgermeister von Luhansk auf Telegram. Der ukrainische Präsident Volodymyr Zelensky bezeichnete die Stadt als «Epizentrum» der Konfrontation. «Das eigentlich Verrückte wäre gewesen, in dieser Stadt noch länger zu verharren», äusserte sich Bagirov in einem Interview mit BBC. «Gefährlich ist es hier schon seit Monaten.»

Velofahrt durch Bombenhagel

Gefährlich war auch seine Reise in die Sicherheit. Während der Fahrt zwangen ihn fünf Mal Explosionen und zwei Mal Luftangriffe dazu, sich in Gräben in Deckung zu bringen. Landete eine Granate in der Nähe von ihm, nahm er es als Zeichen, dass die russische Armee nicht am gleichen Ort noch einmal zuschlagen würde. Sich vor Kriegsflugzeugen zu verstecken sei im Vergleich dazu einfacher gewesen, weil er sie schon aus Distanz hören konnte.

«Ich fuhr und betete und fuhr – was hätte ich sonst tun können?» erzählte er später über seine Reise, die trotz allem nicht von Angst geprägt gewesen sei. Im Interview mit BBC spricht er von einer stetigen «positiven Wut», die ihn antrieb.

Mithilfe dieser Taktiken erreichte er Bakhmut, eine Stadt unter ukrainischer Kontrolle südwestlich von Severodonetsk, unbeschadet.

Wie weiter

Der Journalist von BBC sprach den 45-jährigen Velofahrer und Blogger auch auf seine Zukunftspläne an. «Ich weiss es noch nicht», antwortete Bagirov. Erst einmal wolle er nach Kiew gelangen – ohne Velo. Dieses habe er in Bakhmut abgestellt. Und er fügt an: «Sobald sich die Möglichkeit ergibt, werde ich meiner Heimatstadt helfen.»

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