Pete Mijnssen, Julie Nielsen
News,
02.10.2025
In Zürich werden Velos bei Baustellen meistens nicht mitgedacht, obwohl es dafür seit Jahrzehnten Anordnungen gibt. Besonders krass äussert sich dieser Missstand in diesem Herbst. Wir zeigen, wo es überall stockt.
Pete Mijnssen, Julie Nielsen
News,
02.10.2025
Ende Gelände: Die Fahrt auf der Velovorzugsroute endet auf der Mühlebachstrasse vor Baucontainern. (Foto: Bettina Burkhardt)
Seit Ende des Sommers gibt es in der Stadt Zürich 165 Baustellen – eine Rekordzahl. Und das erregt seit Wochen die Gemüter. Bei Autofahrenden. Vor allem die Verengung von zwei auf eine Spur auf der Bellerivestrasse im Seefeld lässt Goldküsten-Autoseelen hochkochen. Von rot-grüner Vorsatz- und Verbotspolitik ist die Rede, «eine Stadt schottet sich ab», titelte die NZZ. Die Stadt Zürich tue zurzeit alles, um die letzten Autofahrer zu vertreiben, schrieb die Zeitung.
Und wie sieht das denn auf der Gegenseite aus, für die «gehätschelten Velofahrerinnen und -fahrer», wie es in ebendieser Publikation jeweils heisst? Velojournal wollte es wissen und begab sich auf Baustellentour. Vorab: Als Velofahrender kann man nur müde lächeln ob der Empörung aus der NZZ-Lokalredaktion. Denn Zürichs Baustellenmanagement schafft seit Jahren prekäre Situationen für Velofahrende.
Veloführungen sind häufig unzureichend, Umleitungen fehlend oder schlecht signalisiert. Zwar existieren im städtischen Masterplan Velo Grundsätze für eine sichere Veloführung – sie werden aber oft nicht eingehalten. Zurzeit kaum, oder nur bürokratisch – weltfremd, wie Erfahrungen zeigen. Bei schwierigen Baustellen müssten die Umleitungen auch regelmässig überprüft werden. Das ist im momentanen Baustellen-Chaos noch viel weniger der Fall. Dazu ein paar besonders krasse Beispiele:
Nehmen wir die Querung auf der Velovorzugsroute von Altstetten ins Stadtzentrum. An der Kreuzung Altstetter-/Baslerstrasse finden Velofahrende beim Baulatten-Labyrinth schon gar nicht den Einstieg in die Baslerstrasse. Abgesehen davon, dass an der mit Pomp eröffneten Vorzugsroute seit zweieinhalb Jahren nichts verbessert worden ist, ist man froh, dass man überhaupt den Weg dahin gefunden hat.
Dazu passt, dass Pro Velo kürzlich eine Beschwerde einreichen musste, weil die Stadt das Regime zugunsten des Autoverkehrs aufweichte. Hat die Stadt überhaupt sowas wie einen Veloplan, schiesst es einem durch den Kopf.
Auf der Weiterfahrt trifft man bei der Kalkbreite in Richtung Wiedikon unvermittelt auf ein kryptisches Fahrverbot. Wer nicht schon für die kurze Brückenüberquerung beim Bahnhof Wiedikon weitergefahren ist (Achtung Polizeikontrollen!), findet weiter hinten eine Umleitung, wohin ist unklar.
Wer hier aufs Trottoir ausweicht, anstatt die lange Umleitung zu nehmen, riskiert eine Busse. (Foto: Velomedien, Pete Mijnssen)
Wer es geschafft hat, sich durch die City weiter zu schlängeln – durch weitere Baustellen selbstverständlich –, findet sich im Seefeld für kurze Zeit auf der recht ruhigen und angenehm zu fahrenden Mühlebach-Vorzugsroute wieder. Bis ein riesiger Baucontainer den Weg versperrt.
Zwar gibt es auch hier eine verschämte Umleitung, die zum Bahnhof Tiefenbrunnen führt. Weiter ist Velojournal nicht mehr gefahren. Sondern wie alle anderen auch durch das etwa 30 Meter lange Fahrverbot, bis man dann auf der Zollikerstrasse weiterfahren kann.
Frage: sind die Leute beim Tiefbauamt schon einmal Velo gefahren, haben sie überhaupt eine Ahnung, was sie da ausgeschildert haben? Zweifel sind angebracht. Weiter geht es an einen weiteren «Tatort».
Kein Durchkommen auf der Zürcher Velovorzugsroute auf der Mühlebachstrasse. (Foto: Velomedien, Pete Mijnssen)
Am Bucheggplatz führten Bauarbeiten zu einer schwierigen Situation: Der Veloverkehr wurde trotz offener Busspur weiterhin auf die Bucheggstrasse umgeleitet, was zu gefährlichen Übergängen und Konflikten auf der durch einen weiteren Ableger der Baustelle verengten Strasse führte.
Die Dienstabteilung Verkehr rechtfertigte die Massnahmen gegenüber Zürich24 mit der Aufrechterhaltung der Verkehrsachsen und der Funktionalität des ÖVs. Die Umleitungen waren strikt, aber nicht praxistauglich. Auch hier: laut Rückmeldungen auf bikeable.ch wird das Velokonzept bei Baustellen oft schlicht «vergessen».
Der ernüchternde Befund: In der Koordinationsgruppe Veloverkehr Zürich gibt es offenbar niemanden, der offiziell den Auftrag hat, sich um Veloumleitungen bei Baustellen zu kümmern. Damit fehlt eine klare Verantwortungsperspektive, was zu chaotisch geplanten, gefährlichen oder schlicht nicht vorhandenen Umsetzungslücken führt. Zwar gibt es Pläne und Leitfäden – von der Stadt oder dem Kanton –, doch es fehlt an Verantwortlichkeiten und Durchsetzung.
Laut interner Auskunft bei der Dienstabteilung Verkehr sollte das Baustellen-Chaos ab Oktober behoben sein. Wir lassen uns bei einem späteren Augenschein gerne überraschen und empfehlen der NZZ-Redaktion, doch einmal das Velo zu nehmen. Im Masterplan Velo ist die Rede von einer «Velokultur für alle von 8-80 Jahre». Zurzeit ist davon in der grössten Schweizer Stadt nichts spürbar.

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