Das globale Potenzial des Velos

Ein Forschungsteam nahm sich erstmals den grossen Velofragen an: Wo wird weltweit wie viel Velo gefahren? Weshalb? Und wieviel Emissionen liessen sich einsparen, wenn mehr Menschen ihr Fahrrad nutzten?

no-image


News, 26.08.2022

Im Jahr 2019 beliefen sich die externen Kosten des Verkehrs in der Schweiz auf 14 Milliarden Franken. Der motorisierte Individualverkehr ist hierzulande als grösster Verursacher für Schäden in der Höhe von 9.8 Milliarden Franken verantwortlich, wie das Bundesamt für Strassen Astra im Juni berechnete.

Weltweit sorgt der Transportsektor für ein Viertel der auf Kraftstoffnutzung zurückgehenden Treibhausgasemissionen. Die Hälfte davon verursacht der motorisierte Individualverkehr.

Erste Studie zum Thema

Die Auswirkungen einer Verkehrsverlagerung vom Auto zum Velo wurden bereits viel diskutiert. Wie und wie viel Treibhausgasemissionen sich konkret einsparen liessen, untersuchte nun ein internationales Forschungsteam im Fachjournal «Communications Earth & Environment». Es handelt sich den Fachleuten zufolge um den ersten globalen Datensatz zum Thema.

Sie berechneten konkret, wie viele Zweiräder weltweit produziert, besessen und genutzt wurden – und zwar in einem Zeitraum von 1962 bis 2015.

Mehr Velos als Autos hergestellt

Die Produktion von Velos stieg in der untersuchten Zeitspanne von 20.7 Millionen Einheiten im Jahr 1962 auf 123.3 Millionen Einheiten im Jahr 2015 an. Sie nahm global stärker zu als die von Autos, die von 14.0 Millionen Einheiten auf 68.6 Millionen Einheiten anstieg.

Bis 1975 waren die USA der weltweit grösste Fahrradproduzent. Seit 2002 ist China an der Spitze und produziert mittlerweile mehr als die Hälfte aller Velos weltweit. Die anderen führenden Länder sind gemäss der Studie Brasilien, Indien, Italien und Deutschland, die jeweils einen einstelligen Prozentsatz der weltweiten Produktion ausmachen.

Jeder dritte Mensch besitzt ein Velo

China steht nochmal ganz vorne, wenn es um den weltweiten Velobestand geht. Dahinter folgen die USA, Indien, Japan und Deutschland. 2015 machten diese fünf Länder 54 Prozent der weltweiten Gesamtzahl aus.

Zum Vergleich: Die fünf grössten Länder in Bezug auf den Autobestand waren 2015 die USA, China, Japan, Deutschland und Russland, auf die ebenfalls etwa 50 Prozent der weltweiten Gesamtzahl entfielen.

Im Durchschnitt besitzt fast jeder dritte Mensch ein Fahrrad, in Europa sind die Werte besonders hoch. In Dänemark haben 95 Prozent der Bevölkerung mindestens ein Velo.

Velonationen Niederlande und Dänemark

Dort wird mit durchschnittlichen 1.6 Kilometern pro Person und Tag auch viel Fahrrad gefahren. Würden alle Menschen auf der Erde das Rad so oft nutzen wie die Däninnen und Dänen, läge das jährliche Einsparpotenzial bei 414 Millionen Tonnen Kohlenstoffemissionen. Das entspricht dem gesamten jährlichen CO2-Austoss Grossbritanniens.

Noch besser schneidet die Bevölkerung in den Niederlanden ab, wo jede Person etwa 2.6 Kilometer am Tag mit dem Velo fährt.

Doch bedeutet nicht überall ein grosser Velobestand, dass die Fahrräder auch tatsächlich genutzt werden. In den meisten Ländern – so auch in der Schweiz – werden nicht einmal fünf Prozent der täglichen Fahrten mit dem Rad zurückgelegt.

Todesfälle vermeiden

Das liegt an den unterschiedlichen Verhältnissen. Eine globale velofreundliche Politik könnte viele Vorteile bringen, schreibt das Forschungsteam. Dazu gehörten nicht nur gut geplante und umgesetzte Fahrradwege, sondern auch eine regelrechte Velokultur.

All dies hätte über den Klimaschutz hinaus weitere Vorteile: Bei der aktuellen Radnutzung werden etwa 170’000 frühzeitige Todesfälle vermieden, wie ein Berechnungsmodell der Weltgesundheitsorganisation (WHO) zeigt. Und das einschliesslich der Tatsache, dass vermehrtes Radfahren auch mehr Verkehrstote bedeutet – weil wiederum die Bedingungen oft nicht genug sicher sind.

Empfohlene Artikel

Empfohlene Artikel

Ein Mann fährt mit dem Fahrrad auf einer schneebedeckten Strasse.
News

Ein Tag frei fürs Velofahren: Was im Winter wirklich motiviert

Eine Velofahrerin mit roter Jacke wird mit wenig Abstand von einem Auto überholt.
News

Unsicher auf dem Velo? Studie zeigt, wo die grösste Gefahr lauert

Ein Mann und eine Frau sitzen auf einer Bank.
Schwerpunkt

«Die Niederlande haben das Velo zum Geschäftsmodell gemacht»