Coronavirus stoppt europäische Veloproduktion

In Fernost haben die Fabriken den Betrieb wieder aufgenommen. Dafür künden nun erste europäische Velohersteller an, die Fertigung wegen des Coronavirus für mehrere Wochen ruhen zu lassen.

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Laurens van Rooijen
26.03.2020

Seit mehr als einer Woche sind in der Schweiz auf Geheiss des Bundesrats ausser Restaurants, Bars und Kulturbetrieben auch alle Detailhandelsgeschäfte geschlossen, die nicht der Grundversorgung der Bevölkerung dienen.

Auch in anderen Städten Europas gelten ähnliche oder noch strengere Einschränkungen des öffentlichen Lebens. Dennoch war bisher nur selten von europäischen Betrieben aus der Konsumgüterindustrie zu hören, die ihre Fertigung zeitlich auf Eis legen.

In China, wo die Pandemie ihren Ursprung nahm, blieben die Fabriken nach dem Chinesischen Neujahr zwischen zwei und vier Wochen geschlossen. Dagegen blieben so gravierende Massnahmen in Europa bisher aus.

Fertigungshalle von Gazelle.Erst 2015 erstellt, ist die neue, topmoderne Fertigungshalle von Gazelle auf die Montage von E-Bikes ausgerichtet.

Veloproduktion in Europa betroffen

Unter dem Eindruck der rasch wachsenden Zahl bestätigter Erkrankungen künden nun aber erste Velohersteller in Europa an, ihre Fertigung vorübergehend ruhen zu lassen. Dadurch sollen die in der Produktion Beschäftigten, aber auch Handelspartner, vor einer Ansteckung geschützt werden.

So etwa bei Gazelle: Dieser Spezialist für Alltagsvelos gehört zur Pon Bike-Gruppe und stellte die Fertigung am Hauptsitz in den Niederlanden vergangenen Freitag für mindestens drei Wochen komplett ein.

Laut Pon Bike sollten die aktuellen Lagerbestände vorläufig ausreichen, um die wegen der Notlage gedrosselte Nachfrage zu befriedigen. Zugleich appelliert Pon Bike an die niederländische Regierung, sich für den Erhalt der Arbeitsplätze in Dieren einzusetzen.

Derby Cycle HauptsitzAm Hauptsitz von Derby Cycle im niedersächsischen Cloppenburg stehen die Räder bis Mitte April still.

Mit Derby Cycle führt auch der deutsche Ableger von Pon Bike ab dem 25. März einen Notbetrieb ein. Konkret heisst das, dass die Produktion am Hauptsitz in Cloppenburg bis Mitte April komplett eingestellt und die Verwaltungstätigkeit deutlich reduziert und vom Homeoffice aus erledigt wird.

Derby Cycle begründet diesen drastischen Schritt damit, dass der Fahrradhandel aufgrund der staatlich verordneten Einschränkungen in den Kernmärkten des Herstellers sehr stark eingeschränkt sei. Durch die Beantragung von Kurzarbeit hofft Derby Cycle zudem, den wirtschaftlichen Schaden für das Unternehmen abzumildern.

E-Bike-Assemblage der Accell Group im ungarischen ToszekEinblick in die E-Bike-Assemblage der Accell Group im ungarischen Toszek. Wie am Stammsitz in Heerenveen wird hier ab sofort mit verringertem Personal und tieferer Kapazität produziert.

Entlassungen bei Accell Group

Bereits Ende vergangener Woche war bekannt geworden, dass die Accell Group als grösster Velokonzern Europas wegen der sich abzeichnenden, geringeren Nachfrage insgesamt 150 von insgesamt 470 Angestellten gekündigt habe. Diese waren als temporär angestellte «Flexworker» am Hauptsitz der Gruppe in Heerenveen sowie in Ungarn beschäftigt. An beiden Standorten soll nun mit geringerer Kapazität und unter der Beachtung der Abstandsregeln weiter produziert werden.

Die Aktien der Accell Group hatten besonders unter der miesen Stimmung an der Amsterdamer Börse gelitten: Lag der Wert einer Aktie am 20. Februar noch bei EUR 29.30, sank er vergangene Woche bis auf EUR 12.94. Dieser dramatische Kursverlust zwingt den Veloproduzenten nun zu Sparmassnahmen.

 

Fotos: ZVG

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