Stahl-Pedaleure sind härter

Die Veranstalter des Vintage-Velorennens Bergkönig wollten mit La Reine eine sanftere Option bieten für Teilnehmer, denen die Originalstrecke zu anspruchsvoll ist. Weil sich diese Runde aber gut an- (oder besser vor-)hängen liess, war Le Fou geboren, eine rechte Tortour für Stahl-Masochisten. Erst recht bei Dauerschauer wie am letzten August-Wochenende.

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Peter Hummel (Text und Fotos)
News, 01.09.2020

Eigentlich kaum vorstellbar, dass der Bergkönig nach der verregneten letztjährigen Auflage noch härter ausfallen könnte. Doch zur vierten Austragung kommts doch noch dicker: Wieder Regen, aber ohne Unterbruch und noch heftiger; wieder Schnee auf den Pässen, doch diesmal bleibt er liegen – und obendrein eine neue Härterunde mit Namen «Le Fou!»: 170 km mit 5000 Höhenmetern; «Genuss/Leiden = 0/100», wie die Ausschreibung warnte.

Bei diesen garstigen Verhältnissen hätte wohl jeder normale Veranstalter Le Fou abgesagt oder jeder vernünftige Teilnehmer Forfait gegeben. Doch Veranstalter Alex Beeler ist kein Schönwetterpilot, und Vintage-Gümmeler, die sich auf ihren ehrwürdigen Stahlrössern mit strengen Gängen eh schon durchs Pay d‘Enhaut und das Ormont quälen müssen, sind sich «die harte Tour» gewohnt. So findet sich beim allerersten Büchsenlicht ein Gruppetto von acht Verrückten inklusive einer Lady im Dauerregen zum Start ein.

Routinierte Teilnehmer wollten sich diese neue Runde schon deshalb nicht entgehen lassen, weil sie bei ordentlichem Wetter der pittoreskeste Abschnitt des ganzen Bergkönigs wäre. Doch nun ist oberhalb von Zweisimmen das Panorama auf das Simmental verhangen und der Ausblick von Abländschen auf die imposanten Kalkzähne der Gastlosen vernebelt.

Dafür ist dort die Verpflegung – improvisiert in der Garage des alten Pfarrhauses – umso eindrücklicher: Kartoffelsalat, Hobelkäse, Hauswurst und Zwetschgenwähe. Andernorts gibt’s Mehlrost, Graswürmleni, Toétché, La salée ormonanche oder Pot au feu. Beim Bergkönig gibt es keine Gels und Power-Riegel. Hier wird gegessen wie anno dazumal, gsund und chüschtig mit regionalen Produkten.

Verpflegung am BergkönigHauptsache trocken: Verpflegung in der Pfarrhaus-Garage Abländschen.

Zwei Ex-Cracks zeigen den Meister

«Kalorienbunkern ist auch ganz wichtig an solch einem Tag», erklärt ein alter Fuchs mit langer Rennerfahrung, Paris-Roubaix-Held Thomas Wegmüller. Und der lässt sich von der Unbill der Witterung auch seinen Galgenhumor nicht nehmen: «Als Profi bin ich mir solche Regentage ja gewöhnt.»

Nachdem er auf dem ersten Kulminationspunkt Mittelbergpass noch über eine halbe Stunde vor seinen schlotternden Mitfahrern im Rennen liegt, scheint ihm der Fou-Sieg nicht mehr zu nehmen sein. Doch in in der langen Abfahrt durchs Grischbachtobel holt auch ihn der Hammermann ein: In Saanen muss er sich im erstbesten Café aufwärmen; als er nach einer halben Stunde immer noch den Schlotteri hat, sieht er die Aussichtslosigkeit ein und nimmt den direkten Weg zurück nach Gstaad.

Thomas WegmüllerEx-Crack Thomas Wegmüller allein auf weiter Flur oberhalb Zweisimmen.

Noch erstaunlicher die Leistung des zweiten ehemaligen Cracks, einem echten Fuchs – Lüttich-Bastogne-Lüttich-Sieger und doppelter Gesamt-Zweiter der Tour de Suisse: Sepp Fuchs. Die inzwischen 72-jährige Rennsportlegende lässt schon nach knapp halber Bergkönig-Strecke, an der giftigen 20%-Rampe zum Col de la Pierre de Moëllé auf 1700 Metern, seinen letzten Begleiter stehen.

Thomas WegmüllerDer einstige Edeldomestike Sepp Fuchs lässt bei seiner 1. Teilnahme gleich das ganze Bergkönig-Feld stehen.

Zum Held des Tages wird aber ein Unbekannter – zum ungekrönten Bergkönig, weil er erst kurz nach Preisverleihung eintrifft: Matthias Huber aus Rheineck hat als Einziger den ganzen Fou-Parcours absolviert. Weil er wetterbedingt verspätet von der La Reine- auf die Le-Fou-Strecke einbiegt, fährt er die ganze Zeit dem Besenwagen hinterher. Und muss rund 100 km auf die schon abgebauten Verpflegungsposten verzichten.

«Halb so schlimm – ich hatte ja noch ein Appenzeller Biberli und meinen Genuss liess ich mir nicht verderben», so der lakonische Kommentar des wahrhaftigen Ironmans, der die eingangs erwähne Warnung Lügen strafte. Mit einem dritten Rang im nahrhaften Bergzeitfahren auf die Alp Gumm am Vortag hat er sich immerhin schon mal empfohlen.

Matthias HuberHeld des Tages: Matthias Huber meistert letztlich als einziger die gesamte Le-Fou-Strecke.

Einen grossen Kranz verdienen aber alle 190 Starter, die ausnahmslos gute Miene machten zum nicht eben lustvollen Spiel. Und vor allem der idealistische Veranstalter Alex Beeler. Mit der Corona-bedingt geringeren Teilnehmerzahl ist auch seine Event-Rechnung nicht aufgegangen, doch die verschworene Vintage-Community rechnet es ihm ganz hoch an, dass er eines der einzigen Volks-Velorennen dieses Jahres durchgeführt hat. 

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