Aline Kuenzler,
Autorin
(aline.kuenzler@velogisch.ch)
Szene,
04.03.2026
Knirschender Sand unter den Schuhen, fremde Gerüche in der Luft, wo ein Velorahmen von der Decke hängt. In Adrian Englers Werkstatt wird Farbe nicht gestrichen, sondern gewogen, aufgeladen und eingebrannt.
Aline Kuenzler,
Autorin
(aline.kuenzler@velogisch.ch)
Szene,
04.03.2026
Adrian Engler: «Alle mit einem Projekt sind bei mir willkommen.» (Fotos: Mirjam Graf)
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Adrian Engler wiegt 150 g Pulver ab: 105 g Graublau, 22,5 g Ozeanblau und 22,5 g Tiefschwarz. Eine einzigartige Farbmischung – bestimmt für den Velorahmen, der an einem Metallhaken von der Decke hängt. Seine gerunzelte Stirn unter der Schirmmütze und sein angestrengter Blick zeugen von äusserster Konzentration. Durch feines Klopfen am Chromstahllöffel lässt Engler das Farbpulver behutsam in den Trichter gleiten und misst jede Komponente auf die zweite Nachkommastelle genau ab.
Gut gemischt und mithilfe einer Pistole zerstäubt, wird das Polyesterpulver eine homogene Oberfläche auf dem Rahmen bilden. Rundum bestäubt, wird das Metall später erhitzt. Das Pulver schmilzt dadurch und vernetzt sich chemisch, sodass der Velorahmen von einer widerstandsfähigen, farbigen Schicht überzogen wird.
Adrian Engler arbeitet seit Anfang Jahr in der eigenen Werkstatt für Pulverbeschichtungen in Zürich-Wollishofen. «Alle mit einem Projekt sind bei mir willkommen», meint er begeistert. Sein Handwerk richtet sich nicht nur an die Velobranche, sondern auch an Architekten, Designerinnen und Privatpersonen mit einem Projekt, das sich nach Farbe sehnt. Grundsätzlich können alle metallischen Objekte pulverbeschichtet werden. «Hauptsache, ich kann das Werkstück aufhängen», ergänzt der Beschichter.
Über den Haken aus Metall wird das Objekt geerdet. Das Farbgemisch wiederum wird in der Pulverpistole, mit der Engler den Rahmen besprüht, elektrostatisch aufgeladen. Dadurch wird das blaue Pulver vom Velorahmen angezogen und bildet eine gleichmässige Oberfläche. So erzeugt der Beschichter mit geschickten, beinahe tänzerischen Bewegungen eine gleichmässige Schicht auf dem Velorahmen oder einem beliebigen metallischen Objekt.
Neustart in Zürich-Wollishofen: Der ehemalige Bäcker-Konditor, Velokurier und DJ Adrian Engler hat Anfang des Jahres seine eigene Werkstatt für Pulverbeschichtungen eröffnet.
Offen für alle Projekte: Engler beschichtet nicht nur Velorahmen, sondern auch Architektur- oder Designobjekte aus Metall – seine einzige Bedingung: «Hauptsache, ich kann das Werkstück aufhängen».
Präzision und Handwerk: Mit der Genauigkeit seines früheren Berufs mischt er Farbpulver auf die Nachkommastelle genau ab. Das Pulver wird elektrostatisch aufgetragen und anschliessend bei 200 Grad im Ofen eingebrannt.
Vorbereitung ist das A und O: Bevor die Farbe aufgesprüht wird, raut Engler die Rahmen durch akribisches Sandstrahlen auf und befreit sie von altem Lack und Schmutz, um eine perfekte Haftung zu garantieren.
Langlebigkeit vor Leichtbau: Die lösungsmittelfreie Pulverbeschichtung ist zwar minimal schwerer als herkömmlicher Nasslack, punktet dafür aber mit extremer Robustheit, Kratzfestigkeit und UV-Stabilität.
Einzigartige Farbmischungen misst der Pulverbeschichter von Hand auf die zweite Kommastelle genau ab.
Der prüfende Blick, der im Taschenlampenlicht die Homogenität der Pulverschicht am Tretlager kontrolliert, die ruhige Hand, die den Rahmen bedächtig am Haken dreht: Das alles steht im Kontrast zum zappeligen Wesen des Toggenburger Tausendsassas.
Ohne Pause tragen ihn seine staubigen und noch knapp als rosa erkennbaren Turnschuhe quer durch die Werkstatt – nur um sofort wieder zurückzukehren. Stillsitzen war noch nie eine Stärke von Adrian Engler.
Seinen Bewegungsdrang hat er schon als Kind beim Mountainbiken ausgelebt, später im Sattel seines Fixies als Velokurier und heute auf seinem geliebten Lastenvelo. Letzteres trägt seine unverkennbare Handschrift: Der Rahmen leuchtet in Pink mit auffälligen Sprenkeln.
Beruflich hat Engler ebenfalls seinen Tatendrang immer aufs Neue gestillt; nach der Lehre als Bäcker-Konditor hat er an verschiedensten Orten gearbeitet.
Heisse Öfen, allgegenwärtiger Staub, makellose Oberflächen – es lassen sich erstaunlich viele Analogien zwischen Englers angestammtem Beruf und seiner jetzigen Arbeit erkennen. Beim Pulverbeschichten kann er von den Erfahrungen seiner unterschiedlichen Tätigkeiten profitieren. Das technische Verständnis für seine Werkstücke, das präzise Abwägen, das gekonnte Schütteln des Farbcocktails, anspruchsvoller Kundenkontakt: Das kennt er aus der Oldtimerwerkstatt, von der Arbeit hinter dem Bartresen, als Techno-DJ und Partyorganisator und aus seiner Zeit als Verkäufer im Golf-Shop im Berner Oberland.
«Stillsitzen war noch nie meine Stärke.»
2015 ist Adrian Engler als Velokurier nach Zürich gekommen. Seither prägt das Velo sein Leben, sodass während seiner Arbeit in einem Veloladen der Wunsch nach einer eigenen Werkstatt und der Selbstständigkeit immer grösser wurde. Schliesslich ergriff er selbst die Initiative und brachte sich als Pulverbeschichtungs-Nachfolger ins Spiel in Zürich-Wollishofen. Erlernt hat er das Handwerk innerhalb des letzten Jahres von seinem Vorgänger.
Seit Januar führt der Toggenburger den Betrieb nun selbstständig und lernt laufend weiter dazu. «Ich kann nicht alles steuern», erklärt Engler. Was ein Velorahmen bereits erlebt hat, wie genau er hergestellt und behandelt wurde, kann er oft nicht wissen. Alte Lackierungen oder Verunreinigungen muss er daher bestmöglich entfernen. «Vorbereitung ist alles», betont er. Das eigentliche Beschichten, das Aufsprühen der Pigmentpartikel, dauert nur wenige Minuten.
Bevor das Werkstück in der Beschichtungskabine hängt, hat Engler aber bereits den Grossteil seiner Arbeit vollbracht. Wie ein inniger Tanz wirkt der erste Vorbereitungsschritt, das Sandstrahlen. Den Beat dazu kreiert der DJ selbst. Mit einem Fusspedal dosiert er den Sandstrahl; die Tattoos der Unterarme in langen Handschuhen versteckt, dirigiert er den Rahmen im Innern der Kabine durch die Armöffnungen. Die Schirmmütze in den Nacken gedreht, klebt sein konzentrierter Blick am Guckfenster. Der Sand soll jeden Quadratmillimeter der Metalloberfläche erreichen, um den Rahmen aufzurauen und Schmutz oder alte Lackierungen zu entfernen. «Die Oberfläche des Werkstücks muss so gross wie möglich werden», sagt der Pulver-Künstler.
Nur so kann er im Anschluss hochqualitative Oberflächen erschaffen, die meist aus mehreren Schichten bestehen. Trägt Engler die verschiedenen Farben nacheinander auf, so kann er kolorierte Verläufe zaubern. Das farbige Polyesterpulver kommt ohne Lösungsmittel aus und gilt daher als umweltfreundlicher als eine Nasslackierung.
Im Gegenzug ist die Pulverbeschichtung etwas schwerer als Nasslack. «Ich mache bei dieser Grammschlacht nicht mit», hat sich Engler für die hohe Qualität des Pulverns entschieden. Die Oberflächen aus seiner Werkstatt sind robust gegen Schläge und Kratzer, langlebig und UV-stabil. Kein Wunder, bezeichnet sich Adrian Engler als Ästhet und Perfektionist. «Ich kann nicht wursteln», fügt er im Gespräch mit Velojournal fast verlegen an. Daher wird jedes Projekt von ihm selbst betreut, höchste Qualität ist sein Credo.
Der Tanz geht weiter. Mit konzentrierter Miene und geschmeidiger Bewegung lässt er den besprühten Rahmen vom Haken gleiten und führt ihn quer durch den Raum, wo er ihn an einem Rollgestell platziert. Keine Vibration, keine Berührung darf die Pigmentpartikel während der Fahrt in den mannshohen Ofen irritieren. Wie genau die geplanten Farbmuster und -mischungen in ihrer Vollendung aussehen, weiss auch Engler erst 20 Minuten und 200 Grad später. «Der Moment, wenn der Velorahmen aus dem Ofen kommt», freut er sich schon jetzt, «ist einfach geil.

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