Mithalten ist wichtiger als Gewinnen

«The Racer» erzählt die fiktive Geschichte des erfahrenen und in die Jahre gekommenen Wasserträgers Dominique Chabol. Seine Aufgabe ist es, dem Star seines Teams das Siegen zu ermöglichen. Dafür ist jedes Mittel recht.

Bruno Angeli, Autor (info@bruno-angeli.ch)
Film, 02.07.2021

Die Tour de France startet 1998 in Irland. Der erfahrene, fast 40 Jahre alte belgische Radprofi Dominique Chabol (Louis Talpe) möchte gerne noch das eine oder andere Jahr im Radsportzirkus dabei sein. Es ist sein Leben. Im fiktivem Radsportteam Austrange ist Chabol beliebt. Mehr noch. Für den Star des Teams und Toursieg-Anwärter Lupo «Tartare» Marino (Matteo Simoni) ist Chabol wie ein Vaterersatz. Er kann ihm bei seinen nächtlichen Panikattacken helfen und unterstützt ihn zuverlässig bei den Rennen.

Also könnte es noch ein paar Jahre so weitergehen. Doch junge Fahrer werden nachrücken. Lange scheut der Teamchef die klare Entscheidung, ob der Vertrag mit Chabol verlängert werden soll oder nicht. Trotz der Ungewissheit muss sich dieser auf den Start der Tour vorbereiten. Dazu gehört auch eine Portion Eigenblut, das zurück in seinen Körper fliesst.

Der Mann, der bei Austrange für das Verabreichen des Blutdopings und des EPO zuständig ist, ist der Soigneur (Teambetreuer und Pfleger) Sonny McElhone. Sonny ist zwar der Mann fürs Grobe, doch hat er auch Humor und  keine Hemmungen, am gedeckten Teamtisch der Profisportler grinsend einen vor Fett triefenden Burger zu verdrücken. Nur seine Schützlinge, die müssen berufsbedingt eine strenge Diät einhalten – da kann auch einmal ein gestandener Profisportler austicken.

Eine unvermeidliche Romanze

Chabols Leben erhält eine neue Wendung, als er Dr. Lynn Brennan (Tara Lee) trifft. Die junge Ärztin in Ausbildung führt für die UCI (Welt-Radsportverband) Dopingkontrollen durch. Brennan und Chabol begegnen sich mehrmals und beginnen eine Romanze. Als Brennan hinter die «medizinischen» Geheimnisse der Rennfahrer kommt, kann die Ärztin es kaum fassen, dass die Athleten für ihren Beruf ihr Leben riskieren. Nach der unweigerlichen Beziehungskrise und zwei zuvor erlittenen schweren Schicksalsschlägen, einmal im Familien- und ein andermal im Freundeskreis, beginnt Chabol, sich zu hinterfragen. Und warum soll er eigentlich – bei allem, was er auf sich nimmt – nicht auch einmal ein Rennen gewinnen?

Der Regisseur Kieron J. Walsh hatte für «The Racer» ein gutes Ensemble zur Verfügung. Der Hauptdarsteller Louis Talpe machte einen guten Job. Die Figur des abgeklärten, erfahrenen Domestiken nimmt man dem athletischen Darsteller, der als aktiver Triathlet auch Erfahrungen mit Rennrädern mitbringt, ab. Auch die Rolle des Soigneurs ist mit Iain Glen toll besetzt. Der schottische Bühnen- und Filmschauspieler dürfte den Fans der Erfolgsserie «Game of Thrones» noch bestens in Erinnerung sein.

Walshs Interesse gilt vor allem den Wasserträgern. Er zeigt, welche Rolle ein typischer Domestike im Radsport des Jahres 1998 einnahm, welche Opfer er auf sich nahm. Der Film klagt nicht an, er zeigt, was gemäss Zeitzeugen damals in manchen Hotelzimmern der Radprofis vor dem Start zur Tour de France geschah. Beim Dopen ging es einer Mehrheit des Fahrerfelds nicht um den Sieg. Es ging darum, mithalten zu können.

Und was kam danach? Dazu Walsh in einem Interview mit Sarah Bradbury: «Nach der Tour 1998 wollten die Organisatoren alles unternehmen, um das Doping in den Griff zu bekommen. Es gab unter anderem den Blutpass. Und was folgte? Die nächsten sieben Tour-de-France-Austragungen gewann Lance Armstrong.»

The Racer

Irland, Luxemburg, Belgien

Regie: Kieron J. Walsh
Drehbuch: Ciaran Cassidy, Kieron J. Walsh
Darsteller: Louis Talpe (Dominique Chabol), Matteo Simoni (Lupo «Tartare» Marino), Tara Lee (Lynn Brennan), Iain Glen (Sonny McElhone)
Infos: Auf DVD, Blu-Ray und über diverse Streaming-Plattformen zu sehen.

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