Ein Taburin ist nicht genug

Der französische Zeichner Sempé hat mit «Das Geheimnis des Fahrradhändlers» einen modernen Klassiker geschaffen. In «Raoul Taburin» erhält der gleichnamige Velohändler auf  der Leinwand seine verdiente Hommage.

Bruno Angeli, Autor (info@bruno-angeli.ch)
Film, 30.06.2020

Raoul Taburin ist ein exzellenter Velomechaniker. Doch ihn umgibt ein dunkles Geheimnis: Er kann nicht Rad fahren. Wenn Ihnen diese Geschichte bekannt vorkommt, ist das kein Zufall. Geschrieben und gezeichnet hat sie Jean-Jacques Sempé bereits 1995.

Mit «Das Geheimnis des Fahrradhändlers» schuf er eine Hommage an das Velo. Es ist eines dieser raren Werke geworden, die man immer wieder in die Hand nehmen kann, um darin zu lesen und Neues zu entdecken. Das ist auch dem Umstand geschuldet, dass der Zeichner mit seinen Schöpfungen nicht nur gnädig umgeht, sondern sie liebt. Sempés Humor ist feinfühlig, mehrschichtig, intelligent und verströmt gleichzeitig eine melancholische Atmosphäre.

Leben in blauer Latzhose

Kein Wunder, dass Benoît Poelvoorde, als ihm die Rolle des Raoul Taburin in der Verfilmung angeboten wurde, zunächst zögerte. Wie sollte er diesem legendären Werk gerecht werden? Doch dann erinnerte sich Poelvoorde daran, dass ihm 2001 bei den Dreharbeiten zu «Le Vélo de Ghislain Lambert» eine Ähnlichkeit zu Raoul Taburin nachgesagt wurde. «Ich hatte darauf nie hingearbeitet, doch nun, viele Jahre später, ergab sich diese unglaubliche Gelegenheit – ich konnte die Rolle nicht ablehnen», so der Schauspieler.

Für die filmische Umsetzung nahmen sich Regisseur Pierre Godeau und Drehbuchautor Guillaume Laurant einige Freiheiten heraus. Sie schufen sogar die eine oder andere neue Figur, was dem eigenständigen Werk nicht schadet. Auch der Schöpfer Jean-Jacques Sempé ist von der Filmadaption angetan.

«Ich habe mich sehr darüber amüsiert, meine Zeichnungen als menschliche Charaktere zu sehen. Ich bin sehr berührt, da die Geschichte über Raoul auch ein wenig meine eigene ist. Ich habe als kleiner Junge lange davon geträumt, ein Velo zu besitzen, und musste lange warten, bis ich mit einem fahren durfte.» Zudem liebe er die Atmosphäre, die der Film transportiere, und die Wahl der einzigartigen Kostüme.

In der Tat steckt Raoul Taburin in allen seinen Lebensphasen in einer blauen Latzhose. Und der Sportstar des Dorfes, der Velochampion Sauveur Bilongue, trägt auch lange nach seiner aktiven Rennfahrerkarriere noch immer Rennhose und Velotricot.

Poelvoorde und das Rennvelo

Benoît Poelvoorde hat in «Le Vélo de Ghislain Lambert» glaubhaft einen Rennradfahrer gespielt. In «Raoul Taburin» muss er hingegen vortäuschen, nicht Velo fahren zu können. Beide filmischen Abstecher auf den Velosattel endeten für Poelvoorde aber mit Blessuren.

Im ersten Fall passierte es bei Drehproben, als er sich in voller Fahrt am Teamauto festhalten sollte. Der Schauspieler verlor das Gleichgewicht und kam zu Fall. Beim Dreh zu «Raoul Taburin» sollte es zwei Tage vor Drehschluss zur ersten Velofahrt des Hauptdarstellers mit seinem Taburin kommen. Nur dumm, dass man bei der Requisite – warum auch immer – auf die üblichen Rennvelo-Bremsgriffe verzichtet und nur Hilfsbremsen am Oberlenker montiert hatte. So ging der eingeübte Unterlenkergriff Poelvoordes zur Bremse ins Leere, und es kam zum Sturz.
 


Raoul Taburin

Frankreich 2018

Regie: Pierre Godeau
Buch: Jean-Jacques Sempé
Drehbuch: Guillaume Laurant
Darsteller: Raoul Taburin (Benoît Poelvoorde), Madeleine (Suzanne Clément), Hervé Figougne (Edouard Baer), Sauveur Bilongue mit 45 (Vincent Desagnat), Raoul Taburin mit 20 (Victor Assié), Madeleine mit 20 (Ilona Bachelier), Sauveur Bilongue mit 20 (Léo Dussollier) und weitere
Sprache: Französisch
Bemerkungen: DVD in Original­fassung mit deutschen Untertiteln oder Streaming z.B. via Apple TV