Fluch der Superlative

Wer Pässe mag, sucht bald die luftigsten Exemplare. Da ist Vorsicht geboten, denn in der Vorbereitung und unterwegs stösst man auf falsche Angaben. Eine Bestandesaufnahme.

Dres Balmer, Autor (dres.balmer@bluewin.ch)
Kommentar, Kultur, 18.11.2021

Die «Süddeutsche Zeitung» vom 10. Juni 2021 beschäftigte sich mit dem österreichisch-italienischen Grenzpass Timmelsjoch / Passo Rombo und stellte fest: «Das Joch thront 2474 Meter über der Adria, doch die Betreiber der Mautstrasse prahlen auf dem Passschild, am Rasthaus und im Internet mit einer erfundenen Höhe von 2509 m ü. A., sie bescheissen also 35 Höhenmeter dazu, um den Grossglockner, Österreichs vermeintlich höchsten Strassenpass (2504), in der Rangliste zu übertrumpfen.» Auch ein Teil der Fachliteratur fällt seit Jahren auf die Finte der Strassenbetreiber herein und verbreitet die erlogene Meereshöhe.

Das Rätsel der Nummer eins in Österreich löst sich zwölf Kilometer Luftlinie westlich vom Timmelsjoch: Dort führt von Sölden eine Strasse zum Tiefenbachferner, erreicht durch einen steilen Stras­sentunnel die Kuppe auf 2829 m ü. A.; auf der anderen Seite führt sie einen Kilometer hinunter zu einem Skizirkus. Die Strasse überquert eine Wasserscheide, ist also eine Passstrasse, wenn auch unvollendet wie der Sanetsch im Wallis. Die Tiefenbachferner-Strasse ist nach gegenwärtigem Wissensstand der höchste Stras­senpass Österreichs und der Alpen.

Die Superlativforschung führt in den französischen Alpen zu einer weiteren Angeberei. Viele Schilder kündigen «Col de la Bonette 2802» an. Der Col (= Pass) de la Bonette existiert, ist aber 2715 Meter hoch. Von hier führt eine Ring­strasse um die Cime (= Gipfel) de la Bonette herum. Die erreicht wohl 2802 Meter, ist aber keine Passstrasse.

«Es folgt die Preisfrage: Wo ist Europas höchste Passstrasse?»

Der Flunkerei kein Ende: Auf all den Schildern stehen nicht nur falsche geografische Bezeichnung und Höhenangaben, sie behaupten auch, die Bonette-Strasse sei die höchste Europas. Sie ist weder die höchste Europas noch der Alpen, sondern bloss Frankreichs.

Beim Radeln in Gallien stösst man hier und dort auf Chauvinismus, etwa in der Stadt Briançon. Sie liegt 1326 m ü. M. und brüstet sich auf Postkarten, die höchstgelegene Stadt Europas zu sein. Die Stadt Davos liegt aber zweihundert Meter höher, doch von Davos haben die Gallier noch nie gehört.

Oder so: Beim Mont Ventoux ist das Städtchen Nyons, in dem Oliven gepflückt und gute Öle gemacht werden. Nyons posaunt in die Welt, hier seien die am nördlichsten gelegenen Olivenhaine Europas. Quatsch: Viel weiter nördlich, im Tessin, wird auch Olivenkultur betrieben, doch «la Suisse n’existe pas».

Es folgt die Preisfrage: Wo ist Europas höchste Passstrasse? In der südspanischen Sierra Nevada, neben dem Pico de Veleta, 3375 Meter hoch. Die Überfahrt empfiehlt sich in der Süd-Nord-Richtung, von Capileira nach Granada. Auf der Naturstrasse an der Südrampe schieben Strassenfahrer ihr Velo zum Teil, für Mountainbiker ist sie ein Leckerbissen. Die Asphaltstrasse hinunter nach Granada ist reiner Luxus. Und das ist der letzte Stand der Superlativforschung.