Die Kunst des Radfahrens

Ein «Velofahrer der anderen Art» und ein Rennvelopurist nehmen uns mit auf zwei literarische Reisen. Einmal ins Grossbritannien der 50er-Jahre, einmal zu Trouvaillen der Schweizer Passlandschaft.

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Dres Balmer, Martim Born
Kultur, 10.09.2021

Hemd und Krawatte

Der Autor stellt gleich klar, dass Millionen von «Alltags- und Gelegenheitsradlern schlicht keine Ahnung» vom Velofahren haben, und dem will er Abhilfe schaffen. Er tut das ausschweifend und geistreich. Shaw behandelt ausführlich das Wunderwerk Fahrrad, Bauteil um Bauteil nimmt er sich vor, erklärt die Bremsen, seziert den Antrieb, beschreibt Lenker, Felgen, Speichen und Schutzbleche.

Dann verlässt er die Materialkunde und wendet sich den Menschen zu, die sich auf dem Zweirad vorwärtsbewegen. Ach, so klagt er, die meisten Radler sitzen so aufrecht steif auf dem Velo wie ein Polizist auf seinem Pferd, «doch was gut fürs Reiten ist, muss nicht automatisch auch fürs Radfahren taugen». «So ein Wachtmeister», der ohnehin schwerleibig ist, kommt aufwärts nicht weit, wird bald «absteigen und sein Gefährt den Rest der Strecke lässig hinaufschieben, unter den Blicken von Radfahrern, die ganz offensichtlich mühelos an ihm vorübergleiten.»

Nach und nach entwirft Herr Shaw seinen zyklistischen Adelsstand, in den man ihm gerne nachradelt. Den höchsten Rang nehmen dort zeltende Reiseradler ein, die unterwegs zwar hie und da «eine Dose Bohnen aufwärmen», für den Ausgang aber «lange Hose und Hemd mit Krawatte» mitführen.

Nun, das Prinzip Velo ist erfunden, alles Weitere sind Nuancen. Kniffliger ist es, dem «Geheimnis der Mühelosigkeit» auf die Schliche zu kommen. Shaw nimmt uns mit in seine Fahrstunden, würdigt den runden Tritt bei hoher Frequenz. Was er da alles erklärt, wissen wir eigentlich schon, doch von Seite zu Seite verwandelt sich das Technische in Sprachmusik, das Handbuch wird saftige Prosa.

Nach und nach entwirft Herr Shaw seinen zyklistischen Adelsstand, in den man ihm gerne nachradelt. Den höchsten Rang nehmen dort zeltende Reiseradler ein, die unterwegs zwar hie und da «eine Dose Bohnen aufwärmen», für den Ausgang aber «lange Hose und Hemd mit Krawatte» mitführen.

Dieses Buch ist 1953 erschienen, die Übersetzung wurde nicht aktualisiert – zum Glück. Die siebzig Jahre schaffen bei der Lektüre Distanz und Spannung.

Reginald C. Shaw: Radfahren. Eine Anleitung für Anfänger und Fortgeschrittene. Aus dem Englischen von Andrea Kunstmann. HarperCollins, Hamburg 2021, Fr. 19.90.

Quer über die Pässe

Für «Gümmeler» wie mich, die sich einen Gepäckträger an ihrem Rennvelo nicht vorstellen können, sind Pässe Trophäen. Wer die Schweizer 2000er, dazu Stelvio, Mont Ventoux und Tourmalet in seinem Palmarès hat, braucht nur noch einen Schlüsselbeinbruch, um zum «Club der Erleuchteten» zu gehören.

Pässe sind für uns Zahlen. So lang, so viele Höhenmeter, so viele Steigungsprozente, überwunden in so und so vielen Minuten. Im Fussballerjargon gesprochen, gibt es für uns Steil- und Flachpässe. Wobei die Zweiten mit zunehmendem Alter immer beliebter werden.

Dres Balmer, der Velofahrer der anderen Art, in seinem Purismus aber doch mit uns verwandt, lehrt uns eine andere Form des Zuspiels. Seine Spezialität ist der Querpass. Vor zwölf Jahren durchquerte er die Schweiz in sechs Etappen, jetzt sind es neun. Dabei überwindet er 25 Pässe, von denen nur Ofen und Flüela zu den 2000ern gehören und daneben nur Jaun, Mosses und Pillon klassische Töffpässe sind. Alle andern sind das, was man eine Trouvaille nennt. Leider – wie Ächerli und Vordere Höhe –  etwas unappetitlich steil.

Balmers Verdienst: Er füllt die Pässe, die wir nur als Schweiss- und Pulstreiber wahrnehmen, mit Leben.

Balmers Verdienst: Er füllt die Pässe, die wir nur als Schweiss- und Pulstreiber wahrnehmen, mit Leben. Mit Beobachtungen, Begegnungen, recherchierten Geschichten, aber auch mit Tipps für lohnenswerte Abstecher zu Sehenswürdigkeiten, für Speis und Trank an besonderen Orten. Dank dieser Tipps eignet sich der «Querpass» durchaus als Führer für Ferien im schönsten Veloland der Welt.

Für Rennvelopuristen gilt allerdings der gleiche Vorbehalt wie bei den signalisierten Velorouten: Nicht überall sind die Strässchen geteert. Balmer sagt, dies sei auch für Rennreifen kein Problem. Für E-Biker, die sich durch die Tipps besonders angesprochen fühlen dürften, sowieso nicht.

Der «Querpass» ist auch eine lohnenswerte Bettlektüre. Besonders für uns Steil- und Langpässler. Er liefert uns auf sehr amüsante Art nach, was wir auf dem Rennvelo ohne Gepäckträger verpasst haben. Es ist sehr, sehr viel.

Dres Balmer: Querpass. 2., komplett überarbeitete Auflage 2021. Verlag Werd & Weber, Thun 2021, Fr. 39.-.

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