Kleine Rahmen, grosse Nachfrage

Immer mehr Frauen entdecken das Rennvelo und Gravelbike für sich. Gleichzeitig wächst die Nachfrage nach kleinen Rahmengrössen. Doch was war zuerst da: die Fahrerinnen oder die passenden Velos?

Julie Nielsen, Redaktorin (julie.nielsen@velojournal.ch)
News, 05.06.2026

Lange waren sportliche Velos vor allem für durchschnittlich grosse Männer gebaut. Wer kleiner war, musste Kompromisse eingehen. Heute bieten viele Hersteller Renn- und Gravelbikes in Grössen an, die vor wenigen Jahren kaum erhältlich waren. Das verändert den Markt und bringt neue Zielgruppen aufs Velo.

Die Nische wächst

Frauen auf Rennvelos sind kein seltenes Bild mehr. Ob bei Social Rides, auf Alpenpässen oder beim Graveln auf Waldwegen: Der Frauenanteil im sportlichen Velofahren steigt. Medien sprechen von einem eigentlichen Lifestyle-Trend, Velomarken entdecken neue Zielgruppen und Veranstalter lancieren spezielle Formate für Fahrerinnen.

Parallel dazu fällt auf, dass immer mehr Hersteller ihre Modelle in sehr kleinen Rahmengrössen anbieten. Während früher oft bei Rahmengrösse 52 Schluss war, sind heute 48er-, 50er- oder gar XXS-Rahmen keine Ausnahme mehr. Besonders im Gravelsegment gehört dies mittlerweile fast zum Standard.

Das führt zur Frage: Hat die Industrie zuerst passende Velos entwickelt und damit neue Kundinnen gewonnen? Oder entstand die Nachfrage bereits früher und wurde lange übersehen?

Lange auf Kompromissen unterwegs

Viele kleinere Personen kennen das Problem. Wessen Körpergrösse deutlich unter dem Durchschnitt der Bevölkerung liegt, fand im Rennradbereich lange kaum passendes Material. Zwar existierten vereinzelt kleine Rahmen, doch die Auswahl war beschränkt und die Geometrien oft nur eine verkleinerte Version eines grösseren Modells ohne dass auf die Körperproportionen kleiner Menschen eingegangen wurde.

Das führte dazu, dass viele Fahrerinnen und Fahrer auf zu grossen Velos unterwegs waren. Zu lange Oberrohre, grosse Reichweiten zum Lenker oder eine unbequeme Sitzposition machten das Fahren weniger komfortabel und teilweise sogar unsicher.

Andere wichen auf Trekkingvelos, Fitnessbikes oder Mountainbikes aus. Manche gaben den Gedanken an ein Rennvelo ganz auf. Die geringe Nachfrage nach kleinen Grössen war deshalb möglicherweise auch eine Folge des begrenzten Angebots. Kleinere Frauen haben akzeptieren müssen, dass praktisch keine passenden Velos für sie existieren.

Mehr Frauen, mehr Sichtbarkeit

Gleichzeitig hat sich die Zusammensetzung der Veloszene verändert. Immer mehr Frauen entdecken das sportliche Velofahren. Dazu tragen soziale Medien, Frauen-Communities, organisierte Ausfahrten und neue Vorbilder im Profi- und Breitensport bei.

Was früher als Nische galt, ist heute ein relevanter Markt. Viele bekannte internationale Hersteller wie Liv (Giant), Specialized, Trek, Canyon, Cannondale oder Scott aber auch Schweizermarken wie Tour de Suisse oder Thömus setzen auf Grössenvielfalt.

Interessanterweise verabschieden sich viele dieser Marken gleichzeitig von klassischen «Frauenvelos». Statt eigene Modelle mit anderen Farben oder abgesenktem Oberrohr zu entwickeln, setzen sie zunehmend auf unisex konzipierte Formen mit einer breiteren Grössenpalette. Das Geschlecht ist nicht mehr entscheidend für die Wahl des passenden Velos, sondern die Passform.

Warum Gravel vorangeht

Besonders auffällig ist die Entwicklung bei Gravelbikes. Kaum eine andere Velokategorie bietet heute eine derart grosse Auswahl an kleinen Rahmen.

Das hat mehrere Gründe. Gravel spricht traditionell ein breiteres Publikum an als der klassische Rennradsport. Der Fokus liegt weniger auf Leistung und Wettkampf, sondern stärker auf Abenteuer, Entdeckung und Fahrspass. Dadurch fühlen sich viele Einsteigerinnen und Einsteiger angesprochen.

Hinzu kommt, dass Gravelbikes meist mit einer komfortableren Geometrie konstruiert werden. Dies erleichtert die Entwicklung kleiner Rahmengrössen. Während bei aggressiven Rennmaschinen technische Grenzen schneller erreicht werden, lassen sich Gravelrahmen oft einfacher an kleinere Körpermasse anpassen.

Die Nachfrage stammt dabei keineswegs nur von Frauen. Auch Jugendliche, kleine Männer und Personen mit speziellen Körperproportionen profitieren von den zusätzlichen Grössenoptionen.

Der Markt wird diverser

Für die Hersteller lohnt sich der Aufwand mittlerweile. Denn ein wirklich guter kleiner Rahmen ist mehr als ein geschrumpftes Standardmodell. Oft braucht es angepasste Rohrformen, kürzere Kurbeln, kleinere Cockpits und eine sorgfältig abgestimmte Geometrie.

Immer mehr Marken investieren deshalb in sogenannte grössenspezifische Entwicklungen. Ziel ist es, dass sich ein 48er-Rahmen ähnlich ausgewogen fährt wie ein 56er oder 58er Modell.

Angebot und Nachfrage

Die Entwicklung zeigt: Weder die Nachfrage noch das Angebot kamen zuerst. Vielmehr entstand ein Kreislauf. Mehr Frauen und kleinere Personen interessierten sich für sportliche Velos. Dadurch wuchs der Markt. Die Hersteller reagierten mit besseren und kleineren Modellen. Das wiederum senkte die Einstiegshürde für weitere Interessierte.

Was heute fast schon selbstverständlich erscheint, war vor wenigen Jahren noch eine Ausnahme. Jetzt bleibt nur noch zu hoffen, dass auch die Händler die kleineren Rahmengrössen der Hersteller entdecken und aktiv in ihren Geschäften anbieten.

Frauen auf dem Mountainbike bei Las ciclistas
News

Las Ciclistas geht in die zweite Runde

Mädchen auf Fahrrad in Zürich
News

Mehr Mädchen aufs Bike

Kunstradfahrer an der Cycleweek.
News

Velo-Saison nimmt Fahrt auf! Voller Kalender für Velofans.