Markus Greter,
Autor
(markus@bikeforever.ch)
Reisen,
11.07.2025
Die Route des Grandes Alpes ist der absolute Traum für Liebhaberinnen und Liebhaber spektakulärer Alpenpässe. Die Prachtstrasse führt über 15 Pässe vom Genfersee bis ans Mittelmeer. Quelle joie!
Markus Greter,
Autor
(markus@bikeforever.ch)
Reisen,
11.07.2025
Die Abfahrt vom Col de la Cayolle ist spektakulär – und weitestgehend verkehrsarm. (Fotos: Markus Greter)
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Die Route des Grandes Alpes ist längst kein Geheimtipp mehr, sondern eine fixe Grösse auf der touristischen Landkarte Frankreichs. Zahlreich pilgern die Zweiradverrückten jeden Sommer hierher. Das Gute an dieser Tour ist nicht bloss die atemberaubend schöne Landschaft, sondern auch die Tatsache, dass die lustvolle Pässe-Hüpferei rein strategisch überhaupt keinen Sinn ergibt. Wer schnell vom Genfersee ans Meer kommen will, schafft das auf einer anderen Route ganz ohne Pässe in viel kürzerer Zeit. Auf der Tour des Grandes Alpes, über all die freiwilligen Pässe, gibt es deshalb vorwiegend Langsamverkehr: ein paar Leute mit Wohnmobilen, Motorradfans … und vor allem viele Velobegeisterte.
Ob es wirklich 15 Pässe sind, kann allerdings nicht schlüssig beantwortet werden. Wenn die paar kleineren Pässchen mit dazu gerechnet werden, kommt man auf eine höhere Zahl. Wer möchte, kann die Alpe d’Huez oder den imposanten Col de la Bonette einbauen. Wir halten uns an die Originalroute.
Als ich meinem Göttibuben vor ein paar Monaten die Route des Grandes Alpes vorschlug, schluckte er, und als ich den Zusatz «15 Pässe» nachschob, schluckte er doppelt.
Der Genfersee liegt wie eine graue Matte hinter uns. Wir radeln im Nieselregen von Thonon-les-Bains nach Süden. Es geht in waldigem Gebiet leicht bergauf, der motorisierte Verkehr wird weniger und weniger. Problemlos erreichen wir den ersten Pass: Les Gets, knapp 1200 Meter über Meer. Gleich nach dem Runterdüsen empfangen uns im Städtchen Cluses rostige Luftseilbahnkabinen und ausgediente Gondeln. In einem Hinterhof werden sie gelagert und sterben einen langsamen Tod.
Eine halbe Stunde spazieren wir fasziniert durch die antiquierte Gondel-Geschichte und finden, diese schräge Szenerie würde perfekt zu einem «Tschugger»-Film passen. Der Aufstieg auf den Col de la Colombière ist lang und mühsam, und zuoberst fühlen sich die beiden Radler so fit wie die abgewrackten Gondeln. Zum Glück geht es nur noch bergab. Unser Hotel in Grand Bornand liegt direkt am Dorfplatz, und wenn wir nicht so groggy wären, würden wir sehen, wie vor dem Hotelzimmer der Kirchturm leuchtet.


Leuchten tun am nächsten Tag auch die bunten, frisch gewaschenen T-Shirts der Rentnerinnen und Rentner, die mit E-Bikes über den Aravis- und den Saisies-Pass flitzen. Es wird gelacht und geschäkert, die Stimmung ist locker. Dass sich die Ortschaften im Winter in mondäne Skiresorts verwandeln, zeigt sich an allen Ecken. Ski- und Sessellifte führen in unzimperlicher Art und Weise mitten durch die Dörfer, die Pferde weiden zwischen Halfpipes und Liftmasten. Neben Skivermietungsbaracken und Transportteppichen wehen zahlreich die Savoyen-Flaggen.
Über die Terrassen der gemütlichen Lokale weht der Duft von geschmolzenem Käse. Im Gegensatz zum helvetischen wird das savoyische Fondue mit Trockenfleisch und beinhartem Brot gegessen. Fondue hat man früher zubereitet, um das alte Brot loszuwerden. Und so wird die Käsesuppe auch heute noch mit dem Brot der vorletzten Woche gereicht. Wenn man die Gabel eine Weile im Caquelon belässt, wird das Brot wunderbar weich.
Immer höher türmen sich die Berge in den Himmel, immer fantastischer wird das Panorama. Wir wollen noch ein Stück des nächsten Passes unter die Räder nehmen und radeln zum Roselend-See, der türkisfarben in saftiggrünem Ambiente glitzert. Die dichten Wälder sind alpiner Vegetation mit wunderschönen Blumenwiesen gewichen. Der leichte Rückenwind bläst uns zur Hütte des französischen Alpenclubs, wo wir die letzten zwei Kajütenbetten im Massenlager erhalten. Wir entpuppen uns als die einzigen Velofahrenden, alle anderen sind zu Fuss unterwegs.
Die ersten vier Pässe mochten nett sein, ab jetzt wird es richtig fantastisch. Wir starten früh und befinden uns schon vor neun Uhr auf dem Cormet de Roselend. Auf einigen Passhöhen gibt es nur ein langweiliges Schild, hier aber steht ein hübsches, steinernes Monument mit charmanten Wegweisern und der Inschrift «Cormet de Roselend, altitude 1968 m».
Der Pass gilt als einer der schönsten Frankreichs. Ein Käseverkäufer stellt auf dem Parkplatz seine Bude auf, die ersten Touristinnen und Touristen des Tages bestaunen noch verschlafen die atemberaubend schöne Aussicht. Während wir bei der Abfahrt vor Freude schreien, tun wir das in Val d’Isère vor Schreck. Im Retortenkaff kann man dem architektonischen Katastrophentourismus frönen. Für eine feinfühlige Bauweise war Savoyen noch nie berühmt. Die wuchtigen Betonkolosse sind zeitlos hässlich, aber immerhin hat es ein paar wunderbare Bäckereien.
Der braune Wegweiser mit der Aufschrift «Route des Grandes Alpes» lässt keine Zweifel offen: Es geht den Berg hoch. Erstaunlich problemlos fliegen wir die Spitzkehren hoch und finden es zuoberst schade, schon da zu sein. War es der neuerliche Rückenwind, oder wollten wir uns gegenüber denn anderen Rennvelofahrenden einfach keine Blösse geben?
Die Aussicht auf das weit unten liegende Tal und die Schneeberge ist der Hammer. Mit einer Höhe von 2770 Metern ist der Col d’Iseran der höchste asphaltierte Pass der Alpen. Um das obligate Gipfelfoto vor dem Pass-Schild zu erhalten, müssen wir Schlange stehen. Und dann vernichten wir 1600 Höhenmeter am Stück. Giftiger Gegenwind macht uns kurz vor dem Städtchen Modane noch einen kleinen Strich durch die Rechnung, aber wer will sich denn beklagen.
Der Col du Télégraphe unterscheidet sich von seinen Nachbarn: Die Strasse führt in dichtem Wald nach oben, nur selten geben die vielen Bäume die Sicht frei. Zuoberst empfängt uns eine grosse Strohskulptur: ein (biologisch abbaubarer) Velofahrer. Ich unterhalte mich mit einem jungen Franzosen, der sich als Fussballer aus Paris entpuppt.
Vier Tage sei er mit seinen Clubkollegen mit dem Velo unterwegs, meint er strahlend. Ein paar Stunden später ist seine Begeisterung so abgeflacht wie der Pneu seines Hinterrads. Beim Aufstieg auf den Col du Galibier steht er überfordert mit einem Platten am Strassenrand. Auf die Frage «Äh, Flickzeug?», meint er «Non, pas dʼidée!» Offensichtlich kann er besser mit dem Fussball umgehen als mit Velopannen. Zum Glück gibt es die zyklistische Nächstenliebe, wir helfen dem erfrischenden garçon auf die Beine und flicken seinen Schlauch.
Der Galibier ist mit einer Passhöhe von 2642 Metern der zweithöchste der Tour. Die kleine Strasse schlängelt sich schmal und bescheiden durch die alpine Gegend. Das Panorama ist abermals überwältigend, nach Norden schweift der Blick bis zum Mont Blanc.
In Briançon feiern wir Halbzeit in der hübschen Altstadt, und am nächsten Morgen hängen die Beine schlaff und schwer an unseren Körpern. Wir fragen uns, ob wir sehr mitgenommen aussehen, denn in der Boulangerie erhalten wir Gratis-Gipfeli, und als wir diese vor einem Bioladen auf dem Boden sitzend verzehren, schenkt uns der dortige Besitzer köstliche Pfirsiche.
Tun das all diese Leute aus Mitleid, mon dieu? Um uns und der Aussenwelt zu beweisen, noch immer fit zu sein, radeln wir schnittig-lächelnd auf den Col d’Izoard und hinab nach Guillestre, wo die Mittagshitze allmählich das Gehirn aufweicht. Plötzlich wähnen wir uns in den pittoresken Nationalparks Nordamerikas. Mit all dem Geröll, den vielen Felsen und der kargen Vegetation kann das Gebiet fast schon als Halbwüste bezeichnet werden. An einigen Stellen ragen die nackten Felsen wie Nadeln in den wolkenlosen Himmel, und wir fühlen uns mitten in einem Winnetou-Film.
Den Col de Vars erreichen wir problemlos. Am nächsten Morgen werden wir schon wieder über den Atlantik katapultiert, denn wir fahren durch ganze Alleen mit mexikanischen Prachtshäusern: Ende des 19 Jahrhunderts suchten verarmte Bewohnerinnen und Bewohner aus dem Städtchen Barcelonnette wirtschaftlichen Erfolg in Mexiko. Viele kamen zu Reichtum. Nach ihrer Heimkehr erbauten sie prachtvolle Villen, und Barcelonnette präsentiert sich seither als Klein-Mexiko.
Wir befinden uns im Mercantour-Nationalpark. Der Aufstieg auf den Col de la Cayolle ist wunderschön, üppig und fast autofrei, am Himmel kreisen die Geier.
Selbst mitten in den Sommerferien ist das Buchen eines Hotels stets problemlos und kurzfristig möglich. Wie hat man das bloss früher gemacht, als es noch kein Booking.com gab? Die Doppelzimmer, die wir inklusive Frühstück meist für 80 oder 100 Euro erhalten, sind stets makellos. Bloss das Essen führt, mal abgesehen vom leckeren Käse, immer wieder zu grosser Ernüchterung. Einmal empfiehlt ein Kellner hausgemachte Nudeln mit gerösteten Provence-Kräutern, doch mein Göttibub fragt entsetzt: «Das sind Fideli mit verbrannter Petersilie, oder?» Leider hat er recht. Auch der lauwarme Gemüsesalat, das Ratatouille und selbst die Crèpes wollen nicht überzeugen, und am Ende lasse ich mich zum Spruch hinreissen, es sei ja schon immer so gewesen: Wer schlecht essen will, fährt am besten nach Frankreich.
Wir buchen ein kleines Hotel in einem Dorf namens Villeneuve. Beim Eintreffen um 15 Uhr herrscht tote Hose, das Hotel ist noch geschlossen, es gibt nicht einmal eine müde Beiz. Wir montieren die Badehose und legen uns in den Dorfbrunnen. Wer braucht schon Mittelmeer und Sandstrand …
Zwei alte Frauen beklagen sich: «Die jungen Leute ziehen weg aus Villeneuve, die alten sterben. Alles ist geschlossen. Der Lebensmittelladen hat dichtgemacht, und seit die Hoteliersfrau schwanger ist, gibt es auch kein Restaurant mehr.» Um etwas in den Magen zu kriegen, radeln wir acht Kilometer ins Nachbardorf.
Wir fahren über die Pässe Valberg und Couillole. Ein überdimensioniertes Velo aus riesigen Kettengliedern zeigt einmal mehr, dass diese Region längst den Veloboom in ihr Tourismuskonzept aufgenommen hat. Trockene Mittelmeervegetation setzt sich durch, die Strassen zeigen sich fast leer. Zuunterst verführt uns eine Verkehrstafel: Wir könnten nun einfach im Tal bleiben und quasi rollen lassen bis ans Meer, halleluja. Aber es wird nicht geschummelt.
Die Route des Grandes Alpes sieht noch zwei Pässe vor. Wir biegen regelkonform links ab und radeln in brütender Hitze den Col de Saint Martin hoch. Das gleichnamige Städtchen erwartet uns mit Sommerfest, Live-Musik und Erdbeertörtchen. Im Massenschlag der günstigen Herberge (24 Euro pro Nase) befinden sich keine anderen Menschen, sehr wohl aber Dutzende kampflustiger Stechmücken. Die Biester machen uns zur Schnecke.
Der 15. und letzte Pass heisst Col de Turini, die 1600 Höhenmeter hinunter ans Meer lassen nichts zu wünschen übrig. Die Route des Grandes Alpes führt in der Originalversion nach Menton, immer mehr etabliert sich aber auch Nizza als valables Ende der Reise. In den Aussenquartieren ist der Asphalt heiss und zerfliesst fast unter den Veloreifen. Mein Göttibub gesteht, dass er am ersten Tag nicht daran geglaubt hat, Nizza zu erreichen. Wir umarmen uns. Dann spuckt uns die Route des Grandes Alpes ans Meer, blau und weit und wunderbar.
Strecke: 736 Kilometer, 15 Pässe, 16 729 Höhenmeter.
Saison: Juni bis 15. Oktober (ansonsten nicht machbar).
Empfohlene Velos: Rennvelos.
Hinreise: Ab Lausanne mit dem Schiff nach Evian-les-Bains, dann per Velo nach Thonon-les-Bains.
Route: Für durchschnittlich Sportliche anspruchsvoll, aber gut in acht Tagen machbar. Kann auf beliebig viele Tage aufgesplittet werden. Ausgeschildert, Velocomputer und Smartphone werden trotzdem empfohlen. Durchgängig asphaltiert. Alternative Streckenführung für Gravel- und Mountainbikes.
Infos: routedesgrandesalpes.com
Rückreise: Billig und stressfrei via Ventimiglia und Mailand. Zuverlässige Züge mit genügend Platz für Velos

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