Tollkühne Frauen

Die eine nahm 1924 am Giro d'Italia teil, die andere fuhr mit einem Tourenrad zum Himalaya, um diesen anschliessend zu Fuss zu bezwingen. Wir begleiten die beiden auf erlesenen Wegen.

Dres Balmer, Autor (dres.balmer@bluewin.ch)
Kultur, 02.07.2021

Alfonsina und die Strasse

Alfonsina Strada (1891–1959) kommt in der Nähe von Bologna zur Welt. Dort gibt es Millionen Mücken und wenig zu essen. Viele Kinder sterben; die überlebenden schuften von klein auf. Mit zehn unternimmt sie geheime Fahrten auf dem Velo ihres Vaters, arbeitet dann in einer Schneiderei, bedient die Kundschaft als Velokurierin.

Sie entdeckt zuerst das Rennvelo, dann das Velodrom. Erst wird sie verspottet, dann gewinnt sie Rennen gegen all die Burschen. Alfonsina wird schnell zu einem internationalen Star, wird von Zaren und Königen empfangen und geehrt. Der Höhepunkt ist wohl ihre Teilnahme am Giro d’Italia 1924. Von insgesamt 90 Gestarteten erreichen bloss 30 das Ziel; Alfonsina, die einzige Frau, gehört zu ihnen.

Das sind glitzernde Elemente einer Traumkarriere, doch dieser Roman, gescheit und spannend wie ein Krimi, taucht in die Hintergründe ein. Die traurige Kindheit beschäftigt Alfonsina das ganze Leben lang, sie erkennt all die Demütigungen der Mädchen und Frauen in einer von Männern beherrschten Gesellschaft. Was muss sie sich jahrelang vonseiten ihrer Kollegen an Beschimpfungen, Beleidigungen und Hilfsverweigerungen gefallen lassen!

Das Problem löst Alfonsina mit ihrer Teilnahme. Sie übersteht die Schinderei und wird lauter gefeiert als die Sieger, weil sie eine Frau ist. Das ist zwar Anerkennung, aber auch eine Form der Ausbeutung.

Bei der Lektüre wird klar, was für ein gnadenloses, unmenschliches Geschäft die grossen Rundfahrten sind. Beim Giro 1924 geht das so: Ein paar der grossen Stars der Szene können sich mit den Veranstaltern in Sachen Gagen nicht einigen und verweigern die Teilnahme. Damit gefährden sie nicht nur einen spannenden Rennverlauf, sondern ebenso den Verkauf der «Gazzetta dello Sport», die dramatische Geschichten liefern muss. Das Problem löst Alfonsina mit ihrer Teilnahme. Sie übersteht die Schinderei und wird lauter gefeiert als die Sieger, weil sie eine Frau ist. Das ist zwar Anerkennung, aber auch eine Form der Ausbeutung.

Simona Baldelli: Die Rebellion der Alfonsina Strada. Roman. Aus dem Italienischen von Karin Diemerling. Eichborn-Verlag, Köln 2021, 33 Franken.

Kiental–Kathmandu

Maria-Theresia Zwyssig hat den Plan, mit dem Velo vom Kiental nach Kathmandu zu fahren. Dann will sie Nepal auf dem Great Himalaya Trail von Ost nach West durchqueren. Dieses Buch handelt also von zwei Reisen, einer zu Fuss und einer auf dem Velo. Letztere hat sich Velojournal näher angeschaut; von ihr ist hier die Rede.

Die Frau ist mutig, sich mit ihrem wahnsinnig schwer beladenen Tourenrad mutterseelenallein auf den Weg zu machen. Um an ihr Ziel zu gelangen, durchquert sie 18 Länder, in weitem Bogen durch die Russische Föderation, dann über die Inseln Japan, Taiwan, die Philippinen und Indonesien, danach über Bangkok hinauf nach Nepal. Solches Abenteuer, das ist viel Arbeit, Zwyssig bewegt sich durch eine Welt, in der es die Menschen meist gut mit ihr meinen, in der ihr aber auch Feindseligkeit entgegenschlägt.

Beim Lesen des rassigen Textes entstehen im Geist schöne Bilder, doch sie werden zuweilen erdrückt durch die schiere Masse von Farbfotos.

Wer diese spannenden Abenteuer liest, ist in Gedanken und mit dem Herzen dabei, wenn manchmal auch etwas verwirrt, weil die Kapitel des Buches nicht dem zeitlichen Ablauf folgen, sondern von 2017 bis 2019 durch drei Jahre hin und her hüpfen. Beim Lesen des rassigen Textes entstehen im Geist schöne Bilder, doch sie werden zuweilen erdrückt durch die schiere Masse von Farbfotos.

Von besonderem Interesse scheinen die psychologischen und philosophischen Passagen. Wie entscheidet Zwyssig sich zur Reise? «Wenn im Kopf nichts mehr vollgerümpelt ist mit Optionen, Eventualitäten und Könnte-würde-hätte-Gedanken. Wenn kein Zweifel mehr hineinquengelt, kein Hadern dazwischenfunkt, dann ist die Entscheidung gefällt.» In Japans Dauerregen «heckt sie einen Plan aus: Fährt sie durchschnittlich 17 km/h, dann benötigt sie für die 224 Kilometer nach Sapporo rund 13 Stunden. (...) Startet sie um 04.00 morgens, müsste sie um 19.00 Uhr abends am Ziel sein. (...) Um 18.55 steigt sie vor dem Hostel in Sapporo vom Sattel.»

Daniela Dambach: Weiter gehen. The Great Himalaya Trail. Maria-Theresia Zwyssig. Verlag Werd & Weber, Thun/Gwatt 2020, 41.90 Franken.