Der pawlowsche Radler

Radfahren ist eine ganzheitliche Sache, beansprucht Körper, Geist und Seele. Weil das Velo die natürliche Geschwindigkeit des Fussgängers vervielfacht, weckt der Überlebenswille alle Sinne.

Dres Balmer, Autor (dres.balmer@bluewin.ch)
Kommentar, Kultur, 02.07.2021

«Tierisch!», brüllt mein Freund, als wir uns über die 28-Prozent-Stelle an der Mortirolo-Westrampe quälen. Wie ein leidendes Tier hat er «Tierisch!» geschrien. Dieser Schrei hallt nach im Denken, er stellt Fragen. Wie eine Katze, wie ein Hund, wie ein Hase bewegt sich der Radler durch die böse Welt. Nur: Katze, Hund und Hase sind auf ihren vier Beinen unterwegs, der radelnde Mensch aber hat zwei Beine und zwei Räder.

Um sicher vorwärtszukommen, braucht er alle Sinne – wie ein Tier in freier Wildbahn. Er schaut nach vorne, links, rechts und nach hinten. Trifft er den schmalen Streifen zwischen Tramschiene und Trottoir? Nähert er sich einem Hindernis? Wo zeigt sich eine Bedrohung oder Gefahr? Er spitzt die Ohren, er kann unterscheiden, was sich auf der Strasse von hinten nähert, er hört, ob es ein Personenauto, ein Bus, eine Eisenbahn, ein Tram, ein Lastwagen oder ein Traktor ist.

Setzt der Lastwagen oder der Traktor zum Überholen an, erhöht der Radler abermals seine Aufmerksamkeit und passt genau ab, ob die Zugmaschine ohne oder mit Anhänger unterwegs ist. Seine Nase unterscheidet im Karussell des Verkehrs die verschiedenen Gerüche, etwa Gummi, dann die Abgase von Benzin, Diesel und Zweitaktern.

Hart, aber wahr: Es ist der tierische Überlebenswille, welcher alle diese  Wahrnehmungen schärft. Denn das Tierische kennt andere Spielarten.

Hart, aber wahr: Es ist der tierische Überlebenswille, welcher alle diese  Wahrnehmungen schärft. Denn das Tierische kennt andere Spielarten. Beispiel: Der Gümmeler ist allein unterwegs. Jetzt erblickt er vorne am Horizont ein Unbekanntes Radelndes Individuum, in der Abkürzung URI genannt.

Ohne dass der Gümmeler überlegt, erhöhen seine Beinchen den Rhythmus. Beim Anblick des URI reagiert er genauso wie ein Hund, der eine Katze sieht, in ihm erwacht der Jagdtrieb, zuerst visuell. Er nähert sich dem URI und mustert es: Mann oder Frau? Wie angezogen? Hat das URI rasierte Beine? Wie hoch sind die Socken? Jetzt ist er knapp hinter dem URI, der Jagdtrieb wird olfaktorisch, das heisst, der Gümmeler schnuppert: Streicht das URI Ambre Solaire, Dul-X oder Perskindol ein? Und, falls es sich rasiert: Pitralon oder Eau Sauvage?

Wir sind also wieder beim Geruchssinn. Was geschieht, wenn der Radler durch ein Dorf fährt und den Duft von Brot aus einer Bäckerei, den von Gerstensuppe aus einem Restaurant wahrnimmt? Ihm läuft das Wasser im Mund zusammen. Damit kommen wir zum russischen Forscher Iwan Petrowitsch Pawlow.

Der Auslöser kann aber auch visuell oder olfaktorisch sein, wie beim Brot oder der Gerstensuppe. Radfahrer sind also Pawlowsche Hunde.

Der füttert seinen Hund regelmässig. Sieht der Hund den Meister mit dem Fressen ankommen, hat der Hund Speichelfluss. Jetzt kommt der Meister zur genauen Fresszeit, aber ohne Fressen. Der Hund hört nur des Meisters Schritte und hat genauso Speichelfluss. Das Geräusch der Schritte ist akustischer Auslöser des Speichelflusses.

Der Auslöser kann aber auch visuell oder olfaktorisch sein, wie beim Brot oder der Gerstensuppe. Radfahrer sind also Pawlowsche Hunde.