Pro & Kontra: Occasions-E-Bike

Der Markt für gebrauchte E-Bikes wächst. Lohnt sich der Kauf? Stefan Maissen sieht darin die Chance, hochwertige Bikes günstiger zu erwerben. Urs Rosenbaum warnt vor technischen Risiken und hohen Folgekosten.

Aline Kuenzler, Autorin (aline.kuenzler@velojournal.ch)
E-Bike, 01.05.2026

Lesen ohne Abo.

Zahlen Sie nur, was Sie lesen!

Mit tiun erhalten Sie unbeschränkten Zugriff auf alle Velojournal-Premium-Inhalte. Dabei zahlen Sie nur, solange Sie lesen.

  • Alle Premium-Artikel
  • Zugang zum E-Paper
  • Flexibles zahlen

Sie haben bereits ein Velojournal-Abo? Hier einloggen

Pro

«Ein Occasions-E-Bike muss man Probe fahren.»

«Ein gutes Occasions-E-Bike kann eine sehr sinnvolle Investition sein», sagt Stefan Maissen. Der Luzerner ist seit 25 Jahren Geschäftsführer und Miteigentümer von Rent a Bike. Der schweizweit grösste Elektrovelo-Verleih vermietet E-Bikes für Touren oder für eine ganze Saison und stellt auch Flotten für Firmen bereit. Nach ein bis drei Jahren werden die Mietvelos ersetzt und als Occasionen verkauft. «Je jünger ein Bike ist, desto besser lässt es sich weiterverkaufen», erklärt Maissen.

Die gebrauchten Bikes aus der Mietflotte verkauft Rent a Bike über einen eigenen Onlineshop direkt weiter. Bevor ein Velo im Shop lande, werde es fachkundig revidiert, erklärt Maissen. Verschleissteile werden ersetzt und Batterie sowie Motor überprüft. «Eine Kapazitätsmessung des Akkus kostet rund 30 bis 50 Franken und zeigt, wie viele Ladezyklen er hinter sich hat», sagt der Fachmann. Moderne Lithium-Ionen-Batterien erreichten oft rund 
500 Ladezyklen ohne merklichen Kapazitätsverlust, was bis zu 25’000 Kilometern entsprechen könne. «Danach nimmt die Kapazität ab, die Batterie kann aber problemlos weiterverwendet werden», weiss der Geschäftsführer.

Für Käuferinnen und Käufer sei eine Probefahrt entscheidend. «Man muss ein Occasions-Bike unbedingt fahren und genau anschauen», betont Maissen. Gebrauchs­spuren seien normal, doch Bremsen, Schaltung und Licht sollten ausführlich getestet werden. Auch ein Herkunftsnachweis oder die Originalquittung seien wichtig, um Diebstahl auszuschliessen.

Preislich seien gebrauchte E-Bikes besonders attraktiv. Bereits nach einem Jahr verliere ein neues Modell rund einen Viertel seines Wertes. «Wenn ein qualitativ hochwertiges E-Bike gut gewartet wurde, kann es noch viele Jahre problemlos gefahren werden», sagt Maissen. Gerade im mittleren und oberen Preissegment funktioniere der Occasionsmarkt gut, weil diese Modelle langlebige Komponenten besitzen.

Neben dem finanziellen Aspekt sieht Maissen auch ökologische Vorteile. Die Herstellung eines E-Bikes verursache einen grossen Teil von dessen Umweltbelastung. «Je länger ein E-Bike genutzt wird, desto besser ist seine Umweltbilanz.» Für ihn ist klar: «Ein Occasions-E-Bike kann eine sehr gute Wahl sein – vorausgesetzt, es wurde fachgerecht gewartet.»

Kontra

«Ein Occasions-Akku kann eine Wundertüte sein.»

Für Urs Rosenbaum ist der Kauf eines gebrauchten Elektrovelos mit vielen Unsicherheiten verbunden. Der Branchenkenner analysiert seit mehr als zwanzig Jahren den Schweizer Velomarkt und veröffentlich mit seinem Fachbüro dynamot Studien dazu. «Eine Käuferin oder ein Käufer geht ein erhebliches Risiko ein, dass das Fahrzeug schnell komplett defekt ist», sagt er. Besonders der Akku könne beim Gebrauchtkauf zur Wundertüte werden. Von aussen sei kaum erkennbar, wie stark er bereits beansprucht wurde.

Hohe Temperaturen, häufige Ladezyklen oder Stürze könnten die Lebensdauer einer Batterie verkürzen. Ein Ersatzakku koste oft mehrere hundert bis über tausend Franken. Bei älteren oder günstigen Elektrovelos könne es zudem schwierig werden, überhaupt noch Ersatz zu finden.

Auch bei anderen Komponenten sieht Rosenbaum Risiken. «Bei Elektrovelo-Systemen sind alle Bestandteile eng miteinander verknüpft», erklärt der Experte. Fällt ein einzelnes Teil aus, funktioniert der ganze E-Bike-Antrieb nicht mehr. Insbesondere bei älteren oder wenig verbreiteten Systemen könne es daher vorkommen, dass «ein kleines defektes Teil wie ein Display oder ein Steuerungskabel das vorzeitige Lebensende eines E-Bikes bedeutet».

Hinzu kommt der mechanische Verschleiss. Aufgrund von Motorunterstützung und höherem Gewicht werden Antrieb und Bremsen stärker belastet als bei einem normalen Velo. «Ein fünf Jahre altes E-Bike mit derselben Kilometerzahl wie ein Bio-Bike ist meist stärker abgenutzt», sagt Rosenbaum. Für Laien sei dieser Zustand oft schwer zu beurteilen.

Wer dennoch ein gebrauchtes E-Bike kaufen möchte, sollte laut Rosenbaum unbedingt auf Transparenz achten. Idealerweise wurde der Akku durch eine Fachperson analysiert und das Velo kürzlich in einer Werkstatt professionell gewartet. Verkäufe über Velo- und E-Bike-Fachhändler seien vorzuziehen, da diese von Gesetzes wegen zwingend eine Gewährleistung von einem Jahr auf Secondhand-Produkte anbieten müssten. Zur Vorsicht rät er bei alten Modellen, Elektrovelos mit hoher Laufleistung oder günstigen E-Bikes mit einem ursprünglichen Neu­preis unter 3000 Franken.

Empfohlene Artikel

Empfohlene Artikel

Dropper Post für Fahrräder.

Pro & Kontra: Absenkbare Sattelstütze an Alltags-E-Bikes

Steuersatz eines Fahrrads mit innenverlegten Zügen.

Pro & Kontra: Integrierte Kabel im Alltag?

Fahrradsignet auf der Tür eines Zugs.

Pro & Kontra: Reisen mit Velo und Zug