Aline Kuenzler,
Autorin
(aline.kuenzler@velojournal.ch)
Test,
15.07.2026
Ein paar Gramm Werkzeug können bei einer Velotour den Unterschied machen. Welche Funktionen am Multitool wirklich zählen und welche Modelle im Ernstfall überzeugen, zeigt der Praxistest.
Aline Kuenzler,
Autorin
(aline.kuenzler@velojournal.ch)
Test,
15.07.2026
Alle getesteten Multitools in der Übersicht. (Fotos: Mirjam Graf, Emanuel Freudiger)
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Die Werkzeuge im Test haben gemeinsam, dass sie Helfer in der Not sind. Das Multitool wird meist erst zur Hand genommen, wenn etwas schiefgelaufen ist: eine gerissene Kette am Alpenpass, weit weg vom nächsten Veloladen, oder eine Acht im Rad nach einem Sturz auf dem Trail.
Das Multitool ist oft die letzte Chance auf Weiterfahrt aus eigener Kraft. Bereits ausgebremst, genervt, vielleicht gar verletzt: Das Multitool repariert nicht nur den technischen Defekt, sondern beruhigt im besten Fall auch die Nerven. Ohne Bedienungsanleitung oder Erfahrung soll das Werkzeug in einer Notsituation auch für Laien bedienbar sein. Deshalb legt unser Test seinen Fokus auf die praktische und intuitive Anwendung der Werkzeuge.
Getestet wurden sieben viel verkaufte Multitools mit jeweils rund zwanzig Funktionen und einem Preis von maximal 140 Franken verglichen. Geprüft wurden aus dem Grosshandel das «Velo Multitool» von Jumbo sowie aus dem Fachhandel das «M20» von Crankbrothers und das «U-Power» von Veloplus. Von spezialisierten Marken wurden das «Pro BITS Multi-Tool» von Trek und das «foldable multi-tool» von Granite getestet. Zwei Tools im Tests bieten eine Aufbewahrung am Velo: Das «Essential 8» von Daysaver wird unter dem Flaschenhalter montiert, während das «Encase System Bar Kit One» von Wolftooth im Lenker verstaut werden kann.
Der Praxistest wurde an der Cycle Week, dem schweizweit grössten Velofest, durchgeführt. Rund fünfzig unabhängige Velobegeisterte prüften die Werkzeuge auf ihre praktische und intuitive Bedienung. Bewertet wurden drei typische Funktionen, die auf der Veloreise zum Einsatz kommen können: Der Inbusschlüssel, der Nippelspanner sowie der Kettennieter.
Mithilfe des Inbusschlüssels lassen sich unter anderem die Sattelstütze, der Vorbau oder die Bremsen justieren. Speichennippel können mit dem Nippelspanner nachgezogen werden, beispielsweise um ein Laufrad nach einem Sturz unterwegs zu zentrieren. Mit dem Kettennieter lässt sich ein defektes Kettenglied entfernen und die Kette auf der Velotour reparieren. Neben den einzelnen Funktionen wurden die Werkzeuge hinsichtlich Haptik und Funktionsauswahl beurteilt.
Weniger ist mehr, zählt in der Praxis. Das kleinste Tool im Test von Granite, gerade mal neun Millimeter dick, überzeugte mit seiner praktischen Bedienung. Dank seiner kompakten und simplen Bauweise sind alle Funktionen leicht zugänglich. Auf dem zweiten Platz in Sachen Praktikabilität überrascht das günstigste Tool im Test für gerade mal 14.95 Franken von Jumbo. Auch dieses Werkzeug lag den Testpersonen gut in der Hand. Bei beiden Produkten lässt sich ein Aufsatz für das Festziehen der Speichennippel vom Set ablösen. So kann auch zwischen engen Speichenabständen beidhändig präzise gearbeitet werden.
Weniger begeistert hat die praktische Bedienung des Veloplus-Tools. Dieses Werkzeug wurde als teils scharfkantig empfunden und verlangte viel Kraft, um die einzelnen Funktionen aufzuklappen. Ebenfalls kritisch wurde die praktikable Anwendung der Daysaver-Entwicklung bewertet. Die kleinen Aufsätze für unterschiedliche Funktionen sind schwer zu greifen und können rasch verloren gehen. Praktisch wurden insbesondere Werkzeuge empfunden, mit denen in einer angenehmen Handposition gearbeitet werden kann.
Das Gute liegt im Gewohnten. So waren sich die Testpersonen einig, dass der Gebrauch des Daysaver-Tools am intuitivsten ist. Das Werkzeug ähnelt stark dem altbekannten, im rechten Winkel gebogenen Inbusschlüssel. Anhand von verschiedenen Aufsätzen lassen sich damit Schrauben justieren und der Kettennieter bedienen. Auf den ersten Blick war den Probandinnen klar, wie das Tool grundsätzlich funktioniert.
Mehr Unterstützung musste für die Werkzeuge von Wolftooth und Veloplus geleistet werden. Während das Produkt von Wolftooth aus zwei Hauptwerkzeugen mit vielen Einzelteilen besteht, versteckt sich beim Veloplus-Tool ein Teil der Funktionen unter der Kunststoffabdeckung. Testpersonen mussten insbesondere bei Ersterem länger tüfteln, bis sie die korrekte Anwendungsweise verstanden hatten. Bei beiden Werkzeugen sind nicht alle Funktionen auf einen Blick ersichtlich. Generell wurden Tools intuitiver bewertet, wenn sie wenig Umbau für die verschiedenen Anwendungen erfordern und übersichtlich gestaltet sind.
Abgesehen von der Anwendung im absoluten Notfall unterscheiden sich die Werkzeuge auch in ihren Materialien. Das Tool der Marke Trek hat die Testpersonen durch sein elegantes und doch schlichtes Design überzeugt. Der matte, gehärtete Stahl der einzelnen Werkzeuge wurde als wertig und die dezente Beschriftung der Funktionen als hilfreich empfunden.
Ebenfalls gefallen hat die robust wirkende Haptik des Tools von Crankbrothers. Insbesondere die aufklappbare Aufbewahrungsbox für Tubeless-Flickzeug, welche aber nicht den Blick auf die wichtigen Funktionen versperrt, rundet das Design dieses Werkzeugs ab. Zentral für die Tauglichkeit eines Multitools sind aber in erster Linie dessen Funktionen. Die häufigsten Defekte an Zweirädern können mit allen Tools im Test repariert werden.
Mehr Torx-Aufsätze und weniger Kreuz- und Schlitzschraubenzieher wünschen sich aber viele Testpersonen bei den meisten Werkzeugen, was sich mit Entwicklungen in der Velobranche deckt.
Der Test zeigt die Bandbreite an Innovation im Produktsegment der Mulitools. Während klassische Klappwerkzeuge durch wenige Einzelteile und oft intuitive Bedienung überzeugen, setzen spezialisierte Hersteller auf modulare Systeme mit verschiedenen Aufsätzen.
Diese Lösungen sparen Platz und Gewicht, verlangen aber teilweise mehr Fingerspitzengefühl und bergen das Risiko, einzelne Teile zu verlieren. Mehrteilige Systeme bieten dafür oft eine besonders gute Ergonomie.
Als weitere Erkenntnis zeigt der Praxistest, dass ein gutes Tool nicht zwingend teuer sein muss. Entscheidend ist nicht die möglichst hohe Zahl an Funktionen, sondern dass der individuelle Einsatzzweck abgedeckt ist. Das Tool muss zum Velo passen und dessen Schrauben festziehen können, so dass im Notfall aus dem Tool auch tatsächlich ein Helfer wird.
Gewicht 210 g
Positives Aufbewahrungsbox
Negatives Kann beim Einklappen verkanten
Inbusschlüssel 3,5 Punkte
Kettennieter 4,5 Punkte
Nippelspanner 4 Punkte
Haptik 4 Punkte
Preis: 38 Franken

Gewicht 100 g
Positives schmalstes Tool im Test
Negatives Gewinde Kettennieter überlang
Inbusschlüssel 4,5 Punkte
Kettennieter 4,5 Punkte
Nippelspanner 4 Punkte
Haptik 4,5 Punkte
Preis: 34.40 Franken
Gewicht 68 g
Positives inklusive Reifenheber
Negatives kleine Einzelteile
Inbusschlüssel 3,5 Punkte
Kettennieter 3 Punkte
Nippelspanner 4 Punkte
Haptik 4,5 Punkte
Preis:79.90 Franken
Gewicht 183 g
Positives günstigstes Tool im Test
Negatives eloxierte Teile verkratzen rasch
Inbusschlüssel 4,5 Punkte
Kettennieter 4 Punkte
Nippelspanner 3,5 Punkte
Haptik 4,5 Punkte
Preis: 14.95 Franken
Gewicht 159 g
Positives inklusive Reifenheber
Negatives zwei Kreuzschraubenzieher
Inbusschlüssel 3 Punkte
Kettennieter 4 Punkte
Nippelspanner 2,5 Punkte
Haptik 3 Punkte
Preis:29.90 Franken
Gewicht 141 g
Positives mehrere Torx-Aufsätze
Negatives viele kleine Einzelteile
Inbusschlüssel 3 Punkte
Kettennieter 3,5 Punkte
Nippelspanner 3,5 Punkte
Haptik 4 Punkte
Preis: 139 Franken
Gewicht 168 g
Positives eingebauter Stauraum
Negatives Nippelspanner klappt ungewollt ein
Inbusschlüssel 4,5 Punkte
Kettennieter 4,5 Punkte
Nippelspanner 3,5 Punkte
Haptik 4,5 Punkte
Preis: 89 Franken
Velobegeisterte bewerteten an der Cycle Week in Zürich die Tools unabhängig. Dabei wurden die Logos der Werkzeuge abgeklebt, sodass die Testpersonen keinen Hinweis auf Preis oder Marke der Produkte hatten. An einer Sattelklemme wurde der Inbusschlüssel getestet. Der Nippelspanner wurde mithilfe eines Laufrades im Zentrierständer bewertet, während der Kettennieter an einer demontierten Kette geprüft wurde. Die Testpersonen benutzten die Tools erst ohne Anleitung und erhielten lediglich auf Nachfrage Unterstützung von Fachpersonen.

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