Der Tricottraum des Ex-Profis

Hans Meier zeichnete alle Profitricots aus 100 Jahren Radsport. Nun stellt er sie in Zürich Oerlikon aus. Und fragt sich: Was wird aus den mehr als 1500 Illustrationen?

Emil Bischofberger, Autor (emil.bischofberger@velojournal.ch)
News, Kultur, 17.07.2026

So genau weiss es nicht einmal der Künstler selber. Auf 1500, vielleicht sogar 1800 Velotricots schätzt Hans Meier seine Sammlung. Die Zahl ist nicht leicht zu eruieren, weil sie ständig wächst: Der Zürcher sammelt die Tricots nicht physisch, sondern elektronisch. Er zeichnet sie als Vektorgrafiken, mit grosser Akribie digitalisiert er die Originale. Damit begann er 2006. Es war damals nur der nächste Schritt einer Velopassion, die er schon in vielen Facetten ausgelebt hatte. 

Als Aktiver schaffte er es bis zu den Profis, mit 20 unterschrieb er seinen ersten Vertrag und war zwei Jahre lang Teamkollege der französischen Grösse Raymond Poulidor. Sein Rennvelo von damals steht neben vielen anderen Preziosen aus vergangener Zeit in Meiers Garage. Als Profi legte Meier 45’000 Kilometer pro Jahr zurück, nur 55 Tage im Jahr schlief er im eigenen Bett. Er verdingte sich für tieferklassige Teams in Frankreich und Spanien, denen für kleine Rennen Fahrer fehlten.

Ein Feierabendprofi 

«Ich war ein Feierabendprofi, machte immer nur das Minimum, konnte und wollte nicht zu sehr leiden», sagt er. Warum auch? Er verdiente auch so ein anständiges Salär. Bis seine Frau schwanger wurde: Meier trat mit 27 zurück, fand am nahen Flughafen Arbeit. Der Radsport liess ihn aber nicht los. Er engagierte sich für den GP Embrach und half als Mechaniker in einem Frauenteam.

Seiner zweiten Passion, dem Malen, blieb er ebenfalls treu. Als Profi etwa porträtierte er Teamkollegen und Konkurrenten. Er hatte eine Lehre als Maler und Tapezierer und zugleich die Kunstgewerbeschule absolviert. 

Mit der Zeit verschob sich Meiers Leidenschaft fürs Malen auch ins Digitale – und zu den Profitricots aller Epochen. «Mich nahm es erst einfach wunder, wie alles angefangen hatte. Nur schon die Recherche fand ich verdammt spannend», sagt er. Dabei half ihm sein Netzwerk alter Rennfahrerbekanntschaften, insbesondere in Frankreich und Spanien, das er dafür wieder aktivierte. Vor allem bei den Tricots aus den Anfangszeiten um 1900 brauchte er Angaben von Augenzeugen, die ihm die Farbtöne beschreiben konnten. 

Akribische Jagd nach dem Original 

Das war jedoch nur ein Teil der Arbeit. «Stundenlang suchte ich in Archiven die korrekten Schriftarten, verglich Buchstaben für Buchstaben. Eine Riesenarbeit. Aber sie liess mich nicht mehr los.» Irgendwann nahm er sich vor, alle Profitricots von 1900 bis 2000 digital zu zeichnen. Wer durch das Werk des 72-Jährigen blättert – ausgedruckt umfasst es drei Bundesordner –, kommt nicht aus dem Staunen heraus. Wegen der unendlich vielen schönen Designs. Und weil Meier zu fast jedem noch eine Hintergrundinformation bereit hat.

So ging es auch Marc Locatelli, der in einer stillgelegten Telefonkabine auf der Offenen Rennbahn in Oerlikon Saison für Saison eine kleine Kunstausstellung kuratiert. Dieses Jahr mit Meiers Werken. Dieser hatte Illustrator Locatelli kontaktiert, weil er fand, dass seine Tricotsammlung etwas Öffentlichkeit verdient hätte. Er verblüffte Locatelli mit dem Umfang und der Akribie seines Werks. Meier wiederum war erstaunt, wie oft er an der Vernissage angesprochen und gefragt wurde, wo es denn seine Tricot-Enzyklopädie als Buch zu kaufen gebe. 

Geplatzter Traum 

Die Fragen brachten ihn ins Grübeln: Denn diese Gedanken hatte er sich natürlich ebenfalls gemacht. Und das Projekt ab 2018 ernsthafter verfolgt. So weit, dass er von einem Verlag bereits eine Gut-zum-Druck-Version daheim hatte. Doch dann kam ihm ein Franzose in die Quere: Dieser hatte eine ähnliche Idee gehabt und verklagte Meier am Europäischen Gerichtshof in Brüssel auf Ideenklau. Das Verfahren endete in einem Vergleich, doch der Verlag sprang wieder ab. Und Meier hatte auch die Lust verloren. 

Dass sein Archiv buchwürdig wäre, davon ist er weiterhin überzeugt. «Aber ich weiss nicht, ob ich mit 72 nochmals einen Anlauf nehmen will», sagt er. Stattdessen arbeitet er unbeirrt am Projekt weiter. Mittlerweile ist er in der Saison 2007 angekommen. «Solange meine Hände mitmachen, mache ich einfach weiter.» Und dazwischen setzt er sich für eine Ausfahrt auf eines seiner vielen Vintage-Rennvelos. 

Jeden Dienstag bei trockenem Wetter ab 18.45 Uhr, bis 22. September, Offene Rennbahn Zürich Oerlikon.

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