Verdrängungen

Der motorisierte und der langsame Verkehr müssen irgendwie miteinander zurechtkommen. Sei es durch allerlei Wursteln, gegenseitige Rücksicht, durch Abtrennung oder Flucht.

Dres Balmer, Autor

Dres Balmer, Autor (dres.balmer@bluewin.ch)
Kommentar, 10.07.2024

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts gedeiht das Fahrrad in europäischen Industrieländern und den USA zur prächtigen Mode und zum guten Geschäft, zuerst vor allem in besseren Kreisen. Volksradrennen erleben mächtigen Zulauf, jede grössere Stadt hat eine Rennbahn.

Die Technik macht rasante Fortschritte, dank Herstellung in hoher Stückzahl wird das Velo auch für Proletarier erschwinglich. Es wird zu einem Symbol moderner Lebensart, welche die Bewegungsfreiheit mit Fitness verbindet. Allen ist klar: Das Velo ist das Verkehrsmittel der Zukunft schlechthin.

In den USA aber sind die meisten Strassen so staubig und löcherig, dass die Velofahrer und die immer zahlreicheren Radle­rinnen lieber auf den asphaltierten Trottoirs rollen, dort aber zu Fuss gehende Personen belästigen. Immer wieder kommt es zu Streitereien, die oft vor Gericht enden. Deshalb ist es die 1880 gegründete League of American Wheelmen (LAW), mit über hunderttausend Mitgliedern eine mächtige Velo-Lobby, die sich bis in die obersten politischen Etagen dafür einsetzt, dass nun auch die Strassen asphaltiert werden. Das geschieht denn auch und kommt um 1900 immer mehr dem aufkeimenden Verkehr der Motorräder und Automobile zupass. 

«Fett etabliert sich die einzige demokratische Diktatur, und das ist die Autodiktatur.»

Anfang des 20. Jahrhunderts nimmt der Siegeszug des Autos mächtig Fahrt auf, die Touring Clubs Frankreichs, Italiens und der Schweiz, eigentlich gegründet als Fahrradclubs, werden nun zu Vereinen für die motorisierte Kundschaft. Neben diesen überstehen die Veloverbände die Zeit zwischen den Weltkriegen recht gut.

Ein Beispiel: In den Jahren 1935–1937 werden auf der Grossglockner-Hochalpenstrasse in Österreich alle Vehikel gezählt. Auf hundert Motorfahrzeuge kommen zwanzig Velos. Verglichen mit heute ist das ein stolzer Anteil. Ab 1938 werden die Velos am Grossglockner leider nicht mehr gezählt. So oder so: Nach 1945 verkommt das Velo im allgemeinen Bewusstsein zum Accessoire der Hunger­leider, die sich kein Auto leisten können. 

«Die Geschichte beisst sich in den Schwanz: Einst flohen die amerikanischen Velofahrer von der Staubstrasse auf die asphaltierten Trottoirs, heute retten sich die Radler mit dicken Reifen vor dem Asphalt auf die freie Wildbahn.»

Fett etabliert sich die einzige demokratische Diktatur, und das ist die Autodiktatur. Dennoch erwacht etwa in den 1980er-Jahren das Velo zu neuem Ansehen, das sich bis heute solide aufbaut. Doch auch hier gibt es Verschiebungen.

In Skandinavien, den Niederlanden und Deutschland sind die Radwegnetze so angelegt, dass die Autofahrer kaum mehr einen Menschen auf dem Velo zu Gesicht bekommen. In der Schweiz wagen sich manche Gümmeler nicht mehr mit dem Rennrad auf die Strasse, sondern begeben sich lieber mit dem Mountainbike oder dem Kiesvelo auf Naturwege, wo sie Spazierer, Hündeler und Wanderinnen emmerdieren.

Die Geschichte beisst sich in den Schwanz: Einst flohen die amerikanischen Velofahrer von der Staubstrasse auf die asphaltierten Trottoirs, heute retten sich die Radler mit dicken Reifen vor dem Asphalt auf die freie Wildbahn.

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