Veloprüfung im 21. Jahrhundert

Die Stadt Zürich feiert dieses Jahr 75 Jahre Veloprüfung an den Schulen. Unsere Autorin blickt zurück – auch in ihre eigene Kindheit.

Nicole Soland

Nicole Soland, Autor
Kommentar, 13.07.2022

Ein sonniger, warmer Montagmorgen im Juni. Vor der Verkehrsschulungsanlage Aubrugg in Zürich Schwamendingen geben sich fünfte Klassen, symbolisch gesprochen, die Klinke in die Hand, während sich hier ein Polizist über die Bremsen eines Kindervelos beugt und dort  einem Schüler zeigt, wie der Velohelm auf dem Kopf sitzen muss.

Startnummer anziehen, Velo kontrollieren lassen und ab auf die Strecke, wie eh und je? Nicht ganz: Dieses Jahr feiert die Stadt Zürich 75 Jahre Veloprüfung.

Als ich die Einladung zu diesem Anlass erhielt, war ich im ersten Moment baff: zum einen, weil ich mir nie überlegt hatte, wie lange es diese Prüfung schon gibt – vor allem aber aus Erstaunen darüber, dass sie nach wie vor durchgeführt wird.

«Als ich 1971 in die erste Klasse kam, fuhren die Autos mit 60 km/h durch unser Dorf. Velofahren? Zu gefährlich!»

Als ich 1971 in die erste Klasse kam, fuhren die Autos mit 60 km/h durch unser Dorf. Velofahren? Zu gefährlich!, fanden die Grossen. Wer mit dem Velo zur Schule fahren wollte, brauchte eine spezielle Erlaubnis, und die erhielt man nur, wenn man mehr als einen Kilometer vom Schulhaus entfernt wohnte.

Seither ging die erlaubte Höchstgeschwindigkeit zwar zurück, doch die Zahl der Autos nahm stetig zu. Weniger gefährlich wurde das Velofahren kaum: Wie also konnte die Veloprüfung Jahrzehnte unbeschadet überstehen, in denen das Velo bestenfalls als Sportgerät galt, wenn nicht gar als das Vehikel der «Öko-Spinner»?

Auf der Website velofahrer.ch findet sich ein Beitrag vom Juni 2014 mit dem Titel «Weshalb und wo die Schweiz Velo fährt. Oder aber nicht». Darin wird aus einem Büchlein des Berner Verkehrshistorikers Benedikt Meyer über die Geschichte des Velofahrens in der Schweiz zitiert.

«Der Weg in eine lebenswerte Zukunft heisst Veloweg.»

Und da steht, wie befürchtet: «Velogeschichte – ­Velofahren-Geschichte – ist auch Autogeschichte. Das Auto hat bestimmt und bestimmt immer noch, wer wann und wo Velo fahren konnte und durfte. Beziehungsweise kann und darf.»

Zwischen 1945 und 1968 – in Zürich 1947 – wurden die Veloprüfungen an den Schulen eingeführt. Laut Meyer ging es damals keineswegs bloss um die Verkehrssicherheit, sondern darum, «dass möglichst alles, was durchs Automobil verletzt werden konnte, von der Strasse verdrängt, verlagert, wegbeordert wurde».

Schliesslich setzten sich Erwachsene kaum mehr freiwillig aufs Velo, es wurde zum Verkehrsmittel der Kinder: «Gemäss nun propagierter Logik mussten Kinder Fahrrad fahren, um Verkehrserfahrung zu sammeln und mit den Verkehrsgesetzen vertraut zu werden.»

Und heute? Natürlich sollen die Kinder anno 2022 das Velofahren und die Verkehrsregeln lernen, aber, Stichwort Klimawandel, sicher nicht mehr quasi als «frühzeitige Vorbereitung» aufs Autofahren: Das Auto ist heute der Elefant im Raum, wenn es um das Netto-null-Ziel geht.

Dabei ist klar: Auch das E-Auto kann es nicht richten. Der Weg in eine lebenswerte Zukunft heisst Veloweg.

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