Rüge für den mündigen Bürger

Bei ihrem jährlichen Reporting ermahnt die BfU die Velogemeinde einmal mehr. Zwei von fünf Velofahrenden trügen noch immer keinen Helm. Was die BfU dabei verschweigt, thematisieren wir hier.

Pete Mijnssen ist Chefredaktor des Velojournals.

Pete Mijnssen, Chefredaktor (pete.mijnssen@velojournal.ch)
Kommentar, 13.10.2022

Beginnen wir mit den unbestrittenen Fakten: Seit 1. April gilt für das Fahren mit allen Elektrovelos eine Lichtpflicht am Tag.

Das ist offenbar noch nicht überall angekommen: So halten sich nur ein Drittel aller Personen auf langsamen E-Bikes daran, bei den schnellen E-Bikes sind es immerhin zwei Drittel, schreibt die BfU.

Das ist zwar noch keine optimale Umsetzung, aber ein halbes Jahr nach der Einführung auch keine Vollzugskrise.

Auf langsamen E-Bikes (bis 25 km/h) tragen 68 % aller Personen (2021: 70 %) freiwillig einen Helm. Bei den schnellen E-Bikes (bis 45 km/h) mit Helmpflicht liegt die Tragequote bei 91 % (2021: 93 %).

Alles in der Toleranzgrenze also. Nach Einführung der Auto-Gurtenpflicht lag die Quote auch jahrelang in diesem Bereich. Zudem wurde die Untersuchung manuell durchgeführt, eine Fehlerquote ist auch hier möglich.

Personen auf Einkaufsfahrten im Visier

Zusammengefasst fahren also E-Bikerinnen und -Biker am häufigsten mit Helm (und folgen brav den Empfehlungen), gefolgt von den Velofahrerinnen und Velofahrern auf Freizeitfahrten mit 60 % (2021: 62 %).

Im Durchschnitt ergibt dies eine Helmtragequote von 56 %, die damit gegenüber dem Vorjahr (57 %) stabil geblieben ist.  Aber, und nun kommts: Am tiefsten sei die Tragequote mit 30 % bei Einkaufsfahrten mit dem Velo(2021: 32 %), teilt die BfU mit.

Hier kommt der Schreibende ins Grübeln: Predigen uns Politik und Gesundheitsexpertinnen nicht seit Jahrzehnten, neben dem Pendeln das Velo auch für Fahrten zum Einkauf zu benutzen? Also auf kurzen Strecken, fürs Gipfeli und die Milch am Morgen.

«Am Schluss der jährlichen Ermahnung, die wie das Amen in der Kirche daherkommt, steht der Hinweis, dass 'ein weiterer wichtiger Sicherheitsfaktor eine gut gestaltete Veloinfrastruktur' sei.»

Das muss praktisch und schnell gehen – und auch ohne Helm möglich sein. Zumal die Quartierverbindungen (hoffentlich!) in der Regel verkehrsarm sind.

Hier könnte sich die BfU oder die Suva höchstens mit Empfehlungen für Einkaufstransporte positiv hervortun (etwa, indem sie darauf hinweisen, dass WC-Rollen am Lenker keine gute Idee sind).

Mehr Fragen offengelassen als Antworten gegeben

Am Schluss der jährlichen Ermahnung, die wie das Amen in der Kirche daherkommt, steht der Hinweis, dass «ein weiterer wichtiger Sicherheitsfaktor eine gut gestaltete Veloinfrastruktur» sei.

Genau hier würde es spannend. Zum Beispiel möchte man wissen, was die BfU dafür tut, um den Unfallschwerpunkt Kreisel zu entschärfen? Und was ist ihre Haltung zu den schweren und tödlichen Velounfällen mit rechtsabbiegenden LKWs?

Bei all diesen tragischen Unfällen hätte auch der beste Helm nichts genützt. Hier müsste die Unfallberatungsstelle endlich klar Position für einen menschengerechten Verkehr beziehen, statt Mantra artig ihre Helmquotenbotschaften zu verbreiten und damit potenziellen Opfern die Schuld zuzuschieben.

Sonst ergeht es ihr bald wie den hilflosen Pfarrern, die vor immer leereren Kirchen ihre Predigten abhalten.

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