Nicht zum Melden

Die Radio-Mitteilungen über das, was auf den Strassen geschieht oder auch nicht geschieht, geben Einblick in die motorisierte Volksseele.

Dres Balmer, Autor

Dres Balmer, Autor (dres.balmer@bluewin.ch)
Kommentar, 02.02.2023

Weil die Verkehrsmeldungen im Radio zur achtundzwanzigsten und achtundfünzigsten Minute, pünktlich wie der Glockenschlag vom Kirchturm, gesendet werden, bekommen sie etwas Sakrales, was gut in die verschämte automobile Religion Helvetiens passt.

Alle dreissig Minuten ersehnen wir den Segen von Viasuisse, dem Vatikan des automobilen Volks.

Nord-Süd-Achse?

Die Meldungen wecken den Sprachsinn. Da ist tagtäglich die Rede von der «Nord-Süd-Achse». Man wird stutzig, weil eine Achse nicht in meiner Fahrtrichtung verläuft, wie die Meldung vermuten lässt, sondern quer zu ihr.

Wenn ich im Auto ins Tessin fahre, sitze ich zwar auf zwei Achsen, die weisen aber nicht von Nord nach Süd, sondern von West nach Ost, sie legen sich also quer über die Route, die ich verfolge.

Wohl deshalb stockt die Blechlawine am Gotthard so häufig.

«Alle dreissig Minuten erklingt dieselbe Litanei, in der sich nur die Kilometerzahl der Staulängen bei Quinto und Wassen verändert.»

Wie das Amen in der Kirche

Über die Festtage, zum Anfang und Ende der Ferien, wird den Autobahnstaus mit einem wahren Hochamt gehuldigt.

Alle dreissig Minuten erklingt dieselbe Litanei, in der sich nur die Kilometerzahl der Staulängen bei Quinto und Wassen verändert.

Dann, im Schlusssegen, soll sich ja kein Schlaumeier erfrechen, die Kolonnen via Kantonsstrasse zu umschleichen, denn, man weiss es, im Namen das Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes: «Die Einfahrten Göschenen und Airolo sind gesperrt.» Amen.

Von wem geht die Gefahr aus?

Es ist lobenswert, wenn auf Falschfahrer und Fahrzeugbrände hingewiesen, wenn mitgeteilt wird, dass da Ski, Stühle und Reifen auf der Fahrbahn liegen oder ein Hund herrenlos Gassi geht.

Manchmal heisst es auch: «Gefahr durch Personen auf der Fahrbahn.» Daraus schliesse ich, dass diese Personen bewaffnet sind. Oder ist die Gefahrensituation umgekehrt, sind vielleicht die Autos die Gefahr für die Personen? Das ist im Kanon der Pferdestärken undenkbar.

Ich höre jeden Tag von «Stau oder stockendem Verkehr»  beim Gubrist-Tunnel, am Westring, bei Urdorf, vernehme, wie lange ich beim Autoverlad in Goppenstein und Sagliains warten muss.

All die Namen werden mir durch das ewige Herunterbeten geläufig, obwohl ich diese Orte nie gesehen habe, so wie ich Bethlehem und Gomorrha aus der Bibelstunde kenne, ohne je dort gewesen zu sein.

«Oder ist die Gefahrensituation umgekehrt, sind vielleicht die Autos die Gefahr für die Personen? Das ist im Kanon der Pferdestärken undenkbar.»

Von Meldungen und Nicht-Mitteilungen

Es gibt allgemein bekannte Wahrheiten. Man weiss, dass in Costa Rica kein Krieg herrscht, dass die Kubaner keinen Fisch essen oder dass es in Italien keinen Schwimmunterricht gibt. Das sind Mitteilungen, die nicht der Erwähnung wert sind, also Nicht-Mitteilungen.

Wenn aber auf der Strasse nichts Aussergewöhnliches geschieht, naht ohne Gnade das Ende der halben Stunde, der Augenblick, in dem das automobile Volk des Wortes aus dem Vatikan harrt, und es ist ausschliesslich die heilige Automobilität, die es fertigbringt, diese Nicht-Mitteilung eben doch mitzuteilen: «Es liegen zur Zeit keine Meldungen über grössere Störungen vor.»

Also wäre da eigentlich nichts zu melden. Na dann: Guten Tacho!

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