Mehr Burgdorf für die Schweiz

Beim Prix Velo mag das eine oder andere Resultat erstaunen. Warum etwa gewinnt Burgdorf zum wiederholten Mal das Städterating – eine Kleinstadt mit knapp 17’000 Einwohnern? Was kann die Schweiz von ihr lernen?

Pete Mijnssen ist Chefredaktor des Velojournals.

Pete Mijnssen, Chefredaktor (pete.mijnssen@velojournal.ch)
Kommentar, 11.05.2022

Noch selten hat das von Pro Velo durchgeführte Rating solch hohe Wellen geworfen wie der aktuelle Test. Obwohl die Preisverleihung erst Ende Woche anlässlich der Cycle Week stattfindet, werden die Resultate bereits heiss diskutiert und analysiert. Vorab in den Städten, welche schlecht oder nicht wunschgerecht abgeschnitten haben.

Dass in den Medien dabei immer auch Häme mitspielt, gehört zum Spiel. Jedenfalls ist der Klimatest ein guter Prüfstein, um die schönen Worte der Behörden und von Politikerinnen und Politiker mit Volkes Stimme zu konfrontieren. Erst recht nach Corona.

So schreibt die BZ, dass «Bern seit sieben Jahren Velohauptstadt der Schweiz werden will, es im Ranking nur auf Platz 9, aber immerhin in die Top Ten» schafft. Auch dort nimmt man mit Verwunderung wahr, dass die Velohauptstadt der Schweiz Burgdorf ist und bleibt.

«Als Quittung erhält die Stadt nun eine schallende Ohrfeige vom Velovolk.»

Am Rheinknie schaut man hingegen mit Bewunderung Richtung Westen, wie Bern der Stadt Basel Rang zwei bei den Grossstädten abgelaufen hat. Auf Platz eins landet Winterthur. «Die Berner Velo-Offensive zeigt damit ihre Wirkung: Bis ins Jahr 2030 will die Stadt Bern 70 Millionen Franken in die Veloinfrastruktur investieren. Nun muss Basel wieder aufholen.» Gefordert sind 70 Millionen Franken fürs Velo bis 2035.

Geld allein löst die Probleme nicht

Am Wundenlecken ist man auch in Schaffhausen, das auf Rang 44 von 45 Städten resp. auf Rang 9 von 10 bei den mittelgrossen Städten gelandet ist. Pro Velo verweist auch dort auf die 2016 präsentierte «Velo-Offensive». Leider sei diese von den Verantwortlichen schubladisiert worden.

Als Quittung erhält die Stadt nun eine schallende Ohrfeige vom Velovolk. Ähnlich ergeht es Zürich. Die Limmatstadt ist mit dem letzten Rang abgestraft worden. Am Geld kann es nicht liegen, die Stadt verfügt seit Jahrzehnten über das grösste Velobudget aller Städte.

Bedürfnisse ernst nehmen

Was kann man also von den beiden bestplatzierten Städten Burgdorf und Winterthur lernen? Neben ständigen Infrastruktur-Verbesserungen geben sie den Velofahrenden vor allem ein Gefühl der Sicherheit und des Ernstgenommenwerdens. In Burgdorf ist es etwa die Begegnungszone mit Tempo 20 mit gleichberechtigten Verkehrsteilnehmenden.

Über solche «Probleme» mag man in Bern, Basel oder in Zürich lächeln ­– die Herausforderungen einer Grossstadt sind tatsächlich ganz anderer Art. Dennoch bleibt Fakt, dass niedrige Tempi gerade für Velofahrende (und für zu Zufussgehende sowieso) einen Anreiz schaffen, sich aufs Rad zu schwingen.

Schnelle Strassen hingegen wirken abschreckend und sorgen für ein aggressives Verkehrsklima. Dies, verbunden mit schlecht signalisierten Baustellen, sind die Hauptgründe dafür, dass sich nicht mehr Personen aufs Rad schwingen.

Eine Begegnungszone für Zürcher Innenstadt?

So bezweifeln sogar Experten innerhalb der Verwaltung, dass Zürich die angestrebten 15 Prozent Veloanteil am Modalsplit mit den jetzigen Massnahmen und dem jetzigen Verkehrsregime jemals erreichen wird. Vielmehr gehen sie davon aus, dass dies nur mit geschützten Velorouten möglich sein wird, zusammen mit einem innerstädtisch flächendeckenden Tempo-30-Regime.

«Tempo runter ist also die wichtigste Botschaft, die Burgdorf in die Schweiz sendet.»

Tempo runter ist also die wichtigste Botschaft, die Burgdorf in die Schweiz sendet. Ganz konkret: Man stelle sich vor, die Zürcher Innenstadt wird analog zu Burgdorf eine Tempo-20-Begegnungszone mit gleichberechtigten Verkehrteilnehmenden. Der fette Lamborghini fährt dann gemächlich neben der Velofahrerin, die Fussgängerin läuft neben dem (gedrosselten) Elektroroller – alle auf der gleichen Fahrbahn!

Warum nicht? Das wäre echt demokratisch, mit gleichen Ellen gemessen. Bei gleichen Tempi übrigens wie schon heute (die innerstädtische Durchschnittsgeschwindigkeit beträgt seit Jahrzehnten 17 km/h). Damit erhielte der Veloverkehr auf einen Ruck mehr Attraktivität und die Behörden das nächste Mal bestimmt mehr Zuspruch für ihren Mut. Wetten?

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