Kritische Masse im Stresstest

Nach der pandemiebedingten Pause kommt nun auch die Zürcher Critical Mass wieder in Fahrt und in die Schlagzeilen. Dort wird mit ihr auch Wahlkampf betrieben. Was ist davon zu halten?

Pete Mijnssen ist Chefredaktor des Velojournals.

Pete Mijnssen, Chefredaktor (pete.mijnssen@velojournal.ch)
Kommentar, 02.07.2021

Tausende fuhren am letzten Freitag fröhlich feiernd auf den Strassen Velo, wie schon vor einem Monat. Nach einer pandemiebedingten Pause wurde dem spontanen Veloanlass mit loser Organisationsstruktur gefrönt. Eigentlich war es wie immer, denn die Critical Mass findet seit Jahren auf Zürichs Strassen statt.

Neu war an beiden Anlässen die grosse Anzahl der Teilnehmenden – nach Schätzungen zwischen vier- und siebentausend Menschen. Neu war auch, dass es zu Blockierungen des öffentlichen Verkehrs kam. Das brachte dann wiederum die Rechte und auch die Lokalredaktion der «NZZ» in Rage. Trotz dem Aufruf in den Sozialen Medien, den ÖV nicht zu behindern und den Abfall einzusammeln, kam auch der ÖV bis spät in den Abend zum Erliegen. Was der «NZZ» wiederum Stoff bot für ihr Kernthema «Rot-Grün schaut bei solchen Aktionen weg und sowieso wird in Zürich nur noch alles auf das Velo ausgerichtet».

Den motorisierten Verkehr behindern ist ok, aber nicht den ÖV. Das gilt schon fast als ehernes Zürcher Gesetz.

Tatsächlich haben die beiden Anlässe auch gezeigt, dass die Geduld der Zürcher Bevölkerung bei der Behinderung des öffentlichen Verkehrs an ihre Grenzen kommt. Zwar erzielen Velovorlagen wie etwa beim Velotunnel rekordhohe Zustimmungswerte (74%), aber es wird von der Mehrheit nicht goutiert, wenn Kreuzungen blockiert werden. «Wir sind Verkehr» hin oder her. Den motorisierten Verkehr behindern ist ok, aber nicht den ÖV. Das gilt schon fast als ehernes Zürcher Gesetz (und wohl auch in allen grösseren Schweizer Städten).

Die Ereignisse werden auch in den Critical-Mass-Foren kontrovers diskutiert. Grundtenor auch dort: Bitte den ÖV nicht behindern. In der Öffentlichkeit wird derweil diskutiert, ob der Anlass wie jede Demo eine Bewilligung einholen müsste. Diese Forderung wird nicht nur von Polizeivorsteherin Kathrin Rykart skeptisch beurteilt. Tatsächlich würde eine Bewilligung vermutlich mehr Probleme aufwerfen als lösen. Denn die Bewegung versteht sich ja genau als spontane Versammlung und gerade «nicht» als Demonstrationszug.

Ein Trösterli für die leidgeplagten Automobilistinnen: ihnen bleiben noch immer 353 Autodemo-Tage.

So bezweifelt auch Philipp Meier vom Dadahaus im «Tages-Anzeiger», dass eine Anmeldung als Demonstration viel bringen würde. «Bei so vielen Teilnehmenden käme es auch mit Bewilligung zu starken Einschränkungen.» Meier macht einen einleuchtenden Gegenvorschlag: Zürich solle die Strassen jeden letzten Freitagabend im Monat für Autos sperren. «Solche autofreien Nächte liessen sich in Zeiten der Klimakrise touristisch bestens vermarkten.»

Tatsächlich gibt es in mehreren Städten inzwischen autofreie Sonntage – etwa in Bogotà oder Paris. Warum nicht an einem Freitagabend in Zürich? So oder so: Solange es warm bleibt, wird Zürich jeden vierten Freitagabend sowieso teilweise autofrei werden. In der Hoffnung, dass der ÖV passieren kann. Und ein Trösterli für die leidgeplagten Automobilistinnen: ihnen bleiben noch immer 353 Autodemo-Tage.

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