Eine Premiere für mehr Velo-Schub

Das erste nationale Veloforum lockte rund 300 Teilnehmende ins Kongresshaus Zürich. Die Veranstaltung mit dem Motto «Verdoppelung der Velokilometer» startete mit viel Vorschusslorbeeren. Hat sie die Erwartungen erfüllt?

Pete Mijnssen ist Chefredaktor des Velojournals.

Pete Mijnssen, Chefredaktor (pete.mijnssen@velojournal.ch)
Kommentar, 27.05.2024

Die Zeichen für das Velo stehen dieses Jahr gut in Zürich: Mit der UCI Rad- und Para-Cycling-Strassen-Weltmeisterschaft im September wird der wichtigste Velosport-Anlass der Welt – zum zweiten Mal seit 1946 – das Stadtleben während zehn Tagen prägen. Die Rekurse und Einsprachen sind inzwischen abgewiesen, die PR-Maschinerie für den Grossanlass ist am Laufen.

Dazu passt, dass die Stadt Zürich, das Bundesamt für Strassen Astra sowie weitere Partnerverbände mit dem Veloforum einen nationalen Kongress unterstützen, der auch die politischen Ziele zur Umsetzung des Veloweggesetzes in den Mittelpunkt rücken soll. So bot diese Premiere nicht nur Inspiration und Einblicke in die neusten Entwicklungen der Velowelt, sondern auch die Gelegenheit zur Vernetzung verschiedener Akteure.

Es war an Zürichs Stadtpräsidentin Corine Mauch, das erste Veloforum zu eröffnen und die Vorfreude auf eine Weltmeisterschaft zu schüren, «wie es sie noch nie gegeben hat». Fabian Cancellara stiess ins gleiche Horn, dämpfte aber die Hoffnungen auf eine Wiederholung des Velofestes von anno dazumal. Angesichts der immensen Hürden werde es immer schwieriger, solche Anlässe durchzuführen. Nichtsdestotrotz hielt er ein flammendes Plädoyer für die Veloförderung auf allen Stufen, die schon im Kindesalter beginnen müsse. «Nicht nur im Sport brauchen wir das Velo, sondern auch im Alltag – vor allem in Zürich!»

Infrastruktur muss für 11-Jährige passen

Der Lausanner Professor Patrick Rérat zeigte auf, dass zwar 60 % der Schweizer Bevölkerung ein Velo besitzen, es aber noch zu selten für den Alltag nutzt. Sicherheitsbedenken und eine mangelnde velofreundliche Infrastruktur seien hier die Hauptprobleme. Rérat betonte die Notwendigkeit einer sicheren und attraktiven Umgebung, um die Menschen zum täglichen Radfahren zu motivieren. «Für die Velowende brauchen wir eine fehlerverzeihende Infrastruktur. Mit dem ‘Lauratest’ müssen wir dafür sorgen, dass die Infrastruktur für 11-Jährige passt», so Rérat.

Bundesrat Rösti meldet sich zu Wort

Genussvelofahrer Bundesrat Albert Rösti hob per Videobotschaft die Bedeutung des Velofahrens für die zukünftige Mobilität hervor. «Wir brauchen das Velo als Mobilitätslöser!», sagte der Verkehrsminister. Astra-Direktor Jürg Röthlisberger vertiefte im Gespräch mit Peter Röthlisberger vom Veloforum die Herausforderungen und Ziele, um die Velokilometer bis 2035 zu verdoppeln. Dabei blieb er so eloquent wie unverbindlich, wie das alles umgesetzt werden soll.

Die Frage, welche Chance eine attraktive Infrastruktur für 97 % aller Schweizerinnen und Schweizer im 5-Kilometer-Radius zum nächsten Bahnhof für die Veloschweiz wäre, liess er offen und verwies (einmal mehr) auf die Kantone. Leider verpasste es der Moderator, dort nachzuhaken, und so blieb das Gespräch oft an der Oberfläche. Immerhin erhielt das Publikum einen generellen Überblick darüber, wie das Astra «tickt»: mit viel «Ja, aber!». Konkreter wurde Planer Michael Liebi von der Stadt Bern, indem er aufzeigte, wie die Berner «Velowende» erfolgreich umgesetzt wurde. Heute ist Bern unangefochtener Schweizer Veloprimus unter den Städten.

«Wir kämpfen um den Stadtraum, den wir wollen, und nicht um den, den wir heute haben.»

Thomas Hug, Stadtentwickler

Schub von unten und «Kühe auf den Allmenden»

Nationalrat Matthias Aebischer, Präsident von Pro Velo Schweiz, erläuterte, wie das Velogesetz die Velowende unterstützen kann. Schub müsse aber auch von unten kommen. Zudem erinnerte Aebischer an den geringen Platzbedarf von Alltagsvelofahrenden: «Jedes Velo verringert den Stau um 5 Meter – in Zürich sind es wegen den vielen SUVs sechs Meter.» Ein Seitenhieb des Teilzeitzürchers auf die Limmatstadt-Verkehrskultur.

In zwei «Lösungslaboren» diskutierten Fachpersonen über den Lebensraum Strasse. Verkehrsplanerin Fabienne Perret betonte, dass Mobilität von den Menschen gestaltet und immer neu verhandelt werden müsse. Alle grossen Verkehrsprojekte, wie etwa die autogerechte Stadt, seien bekanntlich an der Urne gescheitert. Im Gegensatz etwa zu den vielen Velo-Abstimmungen. Unternehmer und Philosoph Daniel Freitag plädierte für eine Neuverteilung des Strassenraums. Früher seien die Kühe auf die Allmenden gebracht worden, heute die Autos. Es brauche nun eine kollektive Aktion, um diese Regeln neu zu defnieren so Freitag. Und Verkehrsplaner und Stadtentwickler Thomas Hug fasste alles so zusammen: «Wir kämpfen um den Stadtraum, den wir wollen, und nicht um den, den wir heute haben.»

Zürich auf dem Weg zur Velostadt?

Die Zürcher Tiefbauamts-Vorsteherin Simone Brander vertraute in ihrem Statement voll und ganz auf die teilweise umgesetzten und geplanten Vorzugsrouten. Diese sind für sie zentral für die Veloförderung, trotz rückläufigem Veloverkehr in Zürich. Zugleich widerlegte sie anhand von Studien das Vorurteil, dass die Velovorzugsrouten vor allem den schnellen E-Bikes dienen: «Unsere Untersuchungen zeigen, dass die Velovorzugsrouten keine Raserstrecken sind».

Mit den Vorzugsrouten will Brander den Rückstand aufholen und Zürich bis 2030 zur Velostadt machen. Eine steile Vorlage angesichts der schleppenden Umsetzung und der vielen Lücken im Velowegnetz.

Fazit

Was bleibt vom ersten Schweizer Veloforum? Einerseits die Zuversicht darüber, dass die Zukunft der Mobilität auf zwei Rädern liegt. Die Veranstaltung verbreitete eine gute Stimmung und die angeregten Diskussionen zeigten Potenzial. Bei aller Euphorie gingen allerdings die kritischen Stimmen unter – oder waren gar nicht gefragt, wie Organisator Erwin Flury gegenüber Velojournal betonte.

«Viel Inhalt aus Lausanne und Bern, wenig Neues aus Zürich, dafür viele Geldmittel.»

Das deckt sich mit dem Votum von Ex-Swisscom-Chef Urs Schäppi: «Es ist gut, dass es einen Anlass wie das Veloforum gibt, das alle Stimmen der Velo-Stakeholder zusammenfasst». Catherine Elliot vom «E-Bike City»-Projekt der ETH Zürich sah es so: «Es braucht kleine Schritte zum Erfolg».

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die geografische Entfernung und die inhaltlichen Inputs reziprok zum finanziellen Aufwand zugunsten des Veloforums standen. Kurz: Viel Inhalt aus Lausanne und Bern, wenig Neues aus Zürich, dafür viele Geldmittel. Soll der Anlass weitergeführt werden, wären etwas weniger Wohlfühloase und mehr Vertiefung und Kontroversen für die Veloförderung gefragt.

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