Das Grüezi-Wunder des Astra

Adolf Knigges Buch «Über den Umgang mit Menschen» wurde 1788 veröffentlicht. Welche Sitten gelten im öffentlichen Raum heute, mit immer mehr Menschen auf Rädern?

Dres Balmer, Autor

Dres Balmer, Autor (dres.balmer@bluewin.ch)
Kommentar, 14.09.2022

Das Bundesamt für Strassen (Astra) erstellt 2022 einen «Knigge für und gegenüber Velofahrenden». Er behandelt Anstandsregeln im öffentlichen Raum, unter Menschen auf einem bis vier Rädern und solchen zu Fuss.

Da stehen Dinge zur Ausrüstung des Velos, zu Beleuchtung und sichtbarer Kleidung, zu Handzeichen, es werden geltende Vorschriften aufgezählt.

Dann geht es um die «gemeinsamen Flächen für Fuss- und Radverkehr». In diesem Mischverkehr sollen wir langsam rollen. Statt ein Pudeli totzufahren, sollen wir lieber vorher klingeln oder, so die Broschüre: «Ein ‹Grüezi› kann Wunder wirken.»

Wozu aber braucht es ein Grüezi-Wunder? Wenn Knigge Knigge ist, steigen anständige Menschen von ihrem Velo, Trottinett oder Elektrovelo ab, gehen zu Fuss. Sie schieben ihr Fahrzeug und fertig. So etwas wagt das Astra nicht einmal zu empfehlen.

Statt ein Pudeli totzufahren, sollen wir lieber vorher klingeln oder, so die Broschüre: «Ein ‹Grüezi› kann Wunder wirken.»

Zum «Fahren ohne Radweg oder Radstreifen» rät das Manual: «Fahren Sie hintereinander am rechten Strassenrand.» Ja gut, doch wie nahe am Strassenrand soll ich fahren? «Halten Sie Abstand zum Strassenrand und zu parkierten Autos.» Sicher, aber welchen Abstand halte ich?

Ein praktischer Vorschlag wäre die Länge des rechten Arms, etwa achtzig Zentimeter. Fahre ich weiter rechts, werde ich als Verkehrsteilnehmer kaum wahrgenommen, ermuntere Autofahrer zu Überholmanövern, die bei Gegenverkehr knapp werden.

Nett und unverbindlich ist das Astra auch zu den Autofahrern: «Halten Sie als Autofahrerin oder -fahrer beim Überholen von Velos genügend Abstand.» Was heisst genügend? Das Amt verschweigt es.

In Frankreich und Spanien ermahnen Schilder, dass 1,5 Meter Abstand Pflicht ist. Diesen Abstand könnte das Astra mindestens nahelegen, wagt es aber nicht. Im selben Kapitel heisst es: «An Kolonnen dürfen Sie vorsichtig rechts vorfahren.»

Nett und unverbindlich ist das Astra auch zu den Autofahrern.

Ja, das ist die allgemeine Praxis, und die ist strohdumm. Quetsche ich mich am Rotlicht an fünf Autos vorbei nach vorne, beschere ich mir und den Automenschen fünf zusätzliche Überholmanöver.

Die erspare ich uns allen, warte lieber mitten hinter dem fünften Auto. Dann wird das Astra gefährlich und schreibt: «Vorsicht neben Lastwagen: Sie befinden sich im Toten Winkel.» Ein Velofahrer aber fährt gar nicht in den Toten Winkel, er bleibt hinter dem Lastwagen, mitten auf der Fahrbahn. 

Es fehlt das gelinde gesagt übermächtigste Phänomen, mit dem wir Velofahrerinnen und Velofahrer zurechtkommen müssen, nämlich die Masse der Motorräder.

Der Katechismus handelt von Fussgängern, von Menschen auf allen möglichen Raduntersätzen mit oder ohne Strom, um Personen in Autos und Lastwagen. Perle um Perle lasse ich diesen Rosenkranz der Mobilitäten durch die Finger gleiten, mehrmals, bis ich stutzig werde: Was fehlt da?

Es fehlt das gelinde gesagt übermächtigste Phänomen, mit dem wir Velofahrerinnen und Velofahrer zurechtkommen müssen, nämlich die Masse der Motorräder. Zu diesem Thema, bei dem es um Leben und Tod geht, schreibt das Astra kein einziges Wort.
 

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