Vom Nähmaschinenladen zum Velo

Bevor es Veloläden gab, standen Fahrräder neben Nähmaschinen im Schaufenster. Wie die Feinmechanik das Velo vom Luxusgut zum Massenverkehrsmittel machte und den Grundstein der Schweizer Velobranche legte.

Julie Nielsen, Redaktorin (julie.nielsen@velojournal.ch)
News, Kultur, 25.05.2026

Bevor sich spezialisierte Velogeschäfte etablierten, standen Fahrräder oft neben Nähmaschinen und Werkzeugen im Schaufenster. In der Schweiz wurden die ersten Velos häufig über Nähmaschinen- und Eisenwarenhandlungen vertrieben. Die Händler verfügten über das nötige mechanische Know-how, kannten ihre Kundschaft und erweiterten ihr Sortiment um das neue Verkehrsmittel. Was heute ungewöhnlich klingt, war damals naheliegend: Velo, Nähmaschine und Werkzeug basierten auf denselben technischen Prinzipien – Präzision, Metallverarbeitung und bewegliche Teile.

 

  • Unerwartete Pioniere: Bevor sich der Velofachhandel etablierte, wurden Fahrräder aufgrund der mechanischen Verwandtschaft meist in Nähmaschinen- und Eisenwarengeschäften verkauft.
  • Vom Luxus zum Massengut: Die Industrialisierung liess die Preise rasant sinken. Ein Velo kostete um 1850 noch fast eine Jahresmiete, 1910 war es für breite Schichten erschwinglich.
  • Motor der Industrialisierung: Grosse internationale Marken wie Opel, Husqvarna oder Miele nutzten die Veloproduktion als technologisches Sprungbrett für spätere Automobil- oder Haushaltsgeräte.
  • Schweizer Eigenproduktion: Die hiesige Velobranche entstand aus der Präzisions- und Uhrenindustrie (z. B. Condor-Werke). Bis zum Zweiten Weltkrieg besass ein Drittel der Schweizer Bevölkerung ein Fahrrad.

Vom Luxusgut zum Motor der Industrialisierung

Ein Velo war allerdings zunächst kein Alltagsgegenstand, sondern ein Luxusgut. Mitte des 19. Jahrhunderts kostete es 300 bis 500 Franken – fast so viel wie die Jahresmiete für eine Dreizimmerwohnung. Entsprechend war es ein Spiel- und Sportgerät für wohlhabende Kreise. Doch die Technik entwickelte sich rasant, die Produktion wurde effizienter, und die Preise sanken. Um 1910 war ein einfaches Velo aus Schweizer Produktion bereits für rund 82 Franken erhältlich – und wurde damit für breite Bevölkerungsschichten zugänglich.

Die Ursprünge der Veloindustrie liegen denn auch weniger in einer eigenständigen Branche als in einem industriellen Umfeld, das bereits vorhanden war. Die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts war geprägt von einem rasanten Fortschritt in der Feinmechanik. Kugellager, Kettenantriebe und standardisierte Bauteile hielten Einzug in die Produktion. Diese Technologien bildeten die Grundlage für das moderne Fahrrad – und wurden zugleich durch dessen rasche Verbreitung weiterentwickelt. Das Velo war damit nicht nur ein Produkt dieser Entwicklung, sondern selbst ein Motor der Industrialisierung.

Internationale Pioniere: Von Singer bis Miele

Die Singer Corporation, einer der weltweit grössten Nähmaschinenhersteller, begann Ende des 19. Jahrhunderts auch Fahrräder zu produzieren. Die Produktionsanlagen und das Know-how liessen sich nahezu direkt übertragen.

Ähnlich verlief die Entwicklung bei Opel: Das Unternehmen startete mit Nähmaschinen, wechselte dann in die Fahrradproduktion und wurde später zum Automobilhersteller.

Auch Husqvarna, ursprünglich bekannt für Waffen und Nähmaschinen, baute Velos und entwickelte sich schrittweise weiter in Richtung motorisierte Fahrzeuge und Geräte. Heute produziert der schwedische Hersteller Mähroboter, Kettensägen und KI-gestützte Geräte für die Grünflächenpflege.

Ein weiteres Beispiel ist Miele. Heute vor allem für Haushaltsgeräte bekannt, begann das Unternehmen mit der Herstellung von Milchzentrifugen und produzierte ab den 1920er-Jahren ebenfalls Fahrräder.

Die Parallelen sind offensichtlich: In vielen Fällen führte der Weg von der Präzisionsmechanik über das Velo hin zu neuen Mobilitäts- oder Konsumgütern. Das Fahrrad war dabei oft ein Zwischenschritt.

Schweizer Präzision: Uhren, Waffen und Fahrräder

Auch in der Schweiz entwickelte sich die Veloindustrie aus diesem Umfeld heraus, wenn auch weniger über einzelne grosse Marken mit gemischter Produktion. Stattdessen waren es Maschinen- und Metallbaubetriebe sowie zahlreiche kleinere Werkstätten, die ihr Wissen nutzten, um Fahrräder herzustellen. Ein prägnantes Beispiel ist Condor-Werke. Das Unternehmen entstand aus der Werkzeugmaschinenproduktion für die Uhrenindustrie und begann um die Jahrhundertwende mit der Herstellung von Velos unter anderem für die Post und das Militär.

Veloglocken, Lichter und Getriebe

Die Schweiz war im 20. Jahrhundert sogar eine Hochburg der Velofabrikation. Velofabriken gab es in der ganzen Schweiz. In Städten wie Zürich, Genf, Lausanne oder Biel ebenso wie in kleineren Orten wie Balsthal oder Condor in Courfaivre. Oft waren es nicht nur grosse Werke, sondern auch private Unternehmer, die eigene Marken entwickelten. Dutzende, wenn nicht Hunderte Marken wurden registriert.

Von bekannten Namen wie Cilo, Komenda oder Villiger bis zu heute fast vergessenen Herstellern. Auffällig ist dabei, dass viele Marken nicht nur für Fahrräder, sondern auch für Maschinen oder einzelne Komponenten wie Rahmen, Pneumatik oder Glocken angemeldet wurden.

Cilo hat auch Kinderwagen, Nähmaschinen und Schreibmaschinen hergestellt, Komenda teilweise auch Metallwaren. Fahrradrahmen wurden damals ganz im Gegensatz zu heute ebenfalls noch häufig in der Schweiz selbst gefertigt.

Hinter Phoebus stand beispielsweise die Firma Sport AG Biel, Ursprünglich produzierte das Unternehmen Batterien, später Radioapparate unter der Marke «Biennophone». Ab den 1920er-Jahren wurden die berühmten Phoebus-Velolampen entwickelt und weitere innovative Velokomponeten.

Die Schweizer Firmen «Lucifer» und «Siluma» gehörten im 20. Jahrhundert zu den wichtigsten Spezialisten für Velobeleuchtung. Beide konzentrierten sich auf Dynamos, Vorder- und Rücklichter sowie Zubehör für Alltagsvelos. Während andere Hersteller ihr Sortiment breiter ausbauten, blieben Lucifer und Siluma vor allem auf robuste und zuverlässige Beleuchtungssysteme spezialisiert.

Ein Land im Velofieber

Der Boom war enorm. Um 1900 wurden in den 14 grössten Schweizer Städten rund 50'000 Velos gezählt. 1918 waren es bereits 342'000 – jedes zwölfte Mitglied der Bevölkerung besass ein Velo. 1936 war es bereits jede vierte Person, zu Beginn des Zweiten Weltkriegs sogar jede dritte. Kein Wunder, hiess es 1913 im eidgenössischen Parlament: «Die heutige Welt könnte ohne Fahrrad gar nicht mehr existieren.»

Mit der Zeit spezialisierten sich sowohl Produktion als auch Handel. Velofabriken entstanden, und aus den gemischten Geschäften entwickelten sich eigenständige Veloläden, wie sie heute zu finden sind.

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