
Die
Uhr zeigte 5.45 Uhr, ich erwachte aus dem Tiefschlaf, und neben meinem
Bett stand der Russe, den ich am Vorabend nach dem Weg zu einem
Gasthaus gefragt hatte. Weiss der Kuckuck, wie er in mein Zimmer
gekommen war. Er fuchtelte mit der Zigarette in der Hand herum und
redete wie ein Buch. «Baschli, baschli!» hetzte er – zu deutsch etwa
«hopp, hopp». Ich solle aufstehen, das Frühstück sei bereits
angerichtet. Alle Widerrede nützte nichts, der Besucher neben meinem
Bett wich kein Jota von seinem Vorhaben ab, steckte sich eine neue
Zigarette an und verwies auf den laufenden Motor seines Wagens.
Morgens um sechs sass ich beim Entführerehepaar Irina und Alexej am
Frühstückstisch, dessen Mittelpunkt, zwischen marginalen Häppchen von
Brot und Kartoffeln, zweifelsohne die Literflasche Wodka war. Mit
Alexej liess sich nicht streiten. Eine volle Flasche ist ein Feind, und
den gilt es zu vernichten. Um acht Uhr war ich fix und fertig.
Doch
Irina und Alexej gehören als Russischstämmige zu einer Minderheit. Seit
dem Zusammenbruch der UdSSR dominieren wieder asiatische Gesichter die
Strassen Zentralasiens. Die mehrheitlich sunnitisch-muslimische
Bevölkerung ist offen und hilfsbereit. Die Leute haben nichts, wirklich
gar nichts mit den Fanatikern am Hut, die gegenwärtig die Welt in Atem
halten. Im Gegenteil: Einladungen sind häufig und die Diskussionen
interessant.
Die Strasse führt stundenlang und ohne eine einzige Kurve durch die usbekische Wüste. Doch wer eine fotogene Sandwüste erwartet hat, wird enttäuscht: Flache Stein- und Kieslandschaften sind die Regel, das Märchenhafte überlässt die Landschaft der Kultur. Was Usbekistan so lohnenswert macht, sind die Städte der grossen Seidenstrasse, vorab das Dreierticket Chiva, Buchara und Samarkand. Dort zeigen Moscheen, Medresen (Koranschulen) und Minarette um die Wette gegen den Himmel. Farbige Kuppeln und Türme beherrschen die ansonsten einheitlich braune Szenerie und überbieten sich gegenseitig mit Ornamenten und Mosaiken. Unglaublich. Man bleibt dann einfach mit hängendem Kiefer stehen und traut seinen Augen nicht. Hat man so etwas Fantastisches schon gesehen? Als weniger märchenhaft müssen allerdings die Methoden bezeichnet werden, derer man sich früher bediente, um die kostspieligen Anlagen zu finanzieren. Viele Prunkgebäude verdanken ihre Existenz ausschliesslich dem Verkauf schiitischer Sklaven. Unzimperlich stand man auch den Straftätern gegenüber. Wer glaubt, die tollen Minarette hätten nur den Muezzins gedient, täuscht sich: Sie waren auch dazu da, die zum Tode Verurteilten, in Leinensäcke eingenäht, vom Turm herab zu schmeissen.
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Dem individuell Reisenden wird das Leben in Usbekistan indessen nicht einfach gemacht. Die Bürokratie verlangt für mindestens jede dritte Nacht die schriftliche Bestätigung eines Hotels. Kontrollen auf offener Strasse sind keine Seltenheit, und wer diese Registrationen nicht vorweisen kann, wird verhaftet oder zu einer Busse verdonnert. Reist man mit Fahrrad und Zelt, ist es nicht verwunderlich, dass die Papiere unvollständig sind, und also muss man sich die erforderlichen Fötzel vorsorglich mit etlichem Schmiergeld bei teuren Hotels ergaunern. Das heisst allerdings noch lange nicht, dass damit die Probleme aus der Welt geschafft wären. Will man am Ende das Land verlassen, erfinden die Zöllner nämlich flugs neue Einkommensquellen. Sie fragen nach einem Dokument, das nicht existiert, und weisen dich infolge des Fehlens in die Hauptstadt zurück. Es sei denn, du zeigst dich mit einer milden Gabe erkenntlich. Bussen (dies die offizielle Schreibweise der Schmiergelder), ob erfunden oder nicht, unterliegen grundsätzlich dem Ermessen der Beamten, und wenn es um das Festlegen des Betrages geht, wird stundenlang gefeilscht. Am Ende wechseln einige wenige Dollar die Besitzer, und die Grenzen werden durchlässig wie ein Emmentaler Käse.
Kirgistan präsentiert sich im Gegensatz zum trockenen, flachen
Nachbarland als das gebirgige, grüne Wasserreservoir Zentralasiens. Die
Hälfte des Landes liegt höher als 3000 Meter, und Pässe in
atemberaubend schöner, pastoraler Landschaft gehören zur Tagesordnung.
Wie mit Samt überzogen präsentieren sich die scheinbar unendlichen
Berge und Hügel. Die in Usbekistan erforderlichen Registrationen sind
hier kein Thema, so dass das Radeln hier wesentlich einfacher ist.
In den Sommermonaten ziehen Tausende von Hirten mit ihren Familien in
die Berge und stellen dort ihre Yurten (einfache Zelte) auf.
Privatbesitz existiert nicht, das Land gehört allen. Mit den Hirten
kommen riesige Pferdeherden mit in die Berge, und die Pferde ernähren
die Menschen. Wenn eine Stute gemolken wird, lassen sich täglich 10
Liter Kumys gewinnen – Pferdemilch, die in grossen Behältern gelagert
wird. Man kann sich das etwa so vorstellen: Zu uns bekannter Kuhmilch
gebe man eine zackige Menge Salz, ein wenig Wasser und einen
durchdringenden Rauchgeschmack. Für westliche Gaumen – sagen wir es
politisch korrekt – ziemlich gewöhnungsbedürftig.
Wird man zum
Essen geladen, werden einfache, aber kräftige Speisen geboten.
Schaffleisch wird herumgereicht, und wenn man satt ist, folgt die
Hauptspeise: der Schafskopf. Wehe dir, wenn du jetzt schlapp machen
willst. Der Kopf wird vor dem gebeutelten Fahrradfahrer zerstückelt und
an die Gäste verteilt. Notstand für alle Vegetarier.
Mitten in der Hauptstadt Bischkek erreichte uns der Super-GAU: Kollege Peter wurde das Fahrrad geklaut. Aus versicherungstechnischen Gründen mussten wir der Polizei den Wert des Fahrrads nennen, und die Polizisten verstanden die Welt nicht mehr: 3000 Dollar für ein lumpiges Fahrrad? Sofort wurde das Fernsehen eingeschaltet. Das Fahrrad tauchte trotzdem nicht wieder auf, und wir kauften uns das beste Rad, das man in der Stadt auftreiben konnte. Umgreifende Aufmerksamkeit war uns sicher. Wo immer wir Halt machten, kamen die Leute, musterten uns und fragten: «Seid ihr die zwei mit dem 3000-Dollar-Fahrrad?» Am Strassenrand kreuzten wir kurz vor der Ausreise einen einfachen Hirten auf seinem Pferd. Es schien, als hätte der Wohlstand einen weiten Bogen um ihn gemacht. Ziemlich verwahrlost sah er aus. Er blieb stehen, musterte uns und fragte: «Seid ihr die zwei mit dem 3000-Dollar-Fahrrad?» – Das Fernsehzeitalter hat definitiv die hintersten Winkel Asiens erreicht.
Geführte Reisen:
Kein Angebot an geführten Velotouren. Spezialist für Usbekistanreisen: Kira Reisen, Baden,
Telefon 056 200 19 00.