
Endlich liegt die Agglomeration Salzburg hinter uns, doch der
Autoverkehr ist immer noch fürchterlich. Wir freuen uns auf den
Wolfgangsee, weil der so berühmt ist. Wenn man den Rhythmus noch nicht
hat, singt man am besten die Operetten-Melodie «Im weissen Rössl am
Wolfgangsee …», und nach kurzer Zeit wird der Tritt schön rund. Aber
man muss laut singen, um den Autolärm zu übertönen. Der perfekte
Veloweg verläuft streckenweise exakt zwischen dem Ufer und der
Bundesstrasse, und die Velofahrer sind nicht die Einzigen, die das
Salzkammergut entdecken wollen. «Salzkammergut» klingt geheimnisvoll.
Die ganze Gegend hat mit Salz zu tun, und die Ortsnamen zeugen davon:
Salzburg, dann aber auch Hallein, Hallstatt und Bad Reichenhall. Früher
war Salz ein strategisches Gut, fast so wie heute Erdöl, und wer Salz
hatte, konnte reich werden.
Die Gegend zwischen dem Wolfgangsee und
dem Hallstätter See erinnert ein wenig an die Schweizer Voralpen. Es
ist hübsch, aber arg zersiedelt, es gibt keinen Meter, wo nicht ein
Häuschen steht. Etwas anders sieht es aus in Bad Ischl. Hier beliebten
die kaiserlichen Herrschaften aus Wien ihre Sommerferien zu verbringen.
Damals sagte man «Sommerfrische», und das bedeutete, dass man zwei
Monate die Stadt verliess und es sich auf dem Land gut gehen liess,
ohne Stress, ohne Erlebniszwang. Beschaulichkeit war Erlebnis genug.
Kaiser Franz Joseph I., der 1916 mit 85 Jahren starb, verbrachte in Bad
Ischl 82 Sommerfrischen! Hier lernte er 1853 die 16-jährige Elisabeth –
sie wurde als Sisi populär – kennen. Doch die exzentrische Sisi hatte
Mühe mit den kaiserlichen Pflichten, und sie führte ihr eigenes Leben.
Während der Sommerfrische lebten Joseph und Sisi ziemlich einfach.
Während seiner Jagdausflüge mischte sich der Kaiser gerne unter das
gewöhnliche Volk, die sozialen Klassen waren wie aufgehoben, die
Demokratisierung der Sommerfrische bahnte sich an.
Die sanfte
Voralpenlandschaft ändert sich. Wir kommen an den Hallstätter See. Jäh
erhebt sich rechts von uns der düstere Schneidkogel. Gegenüber thront
bedrohlich der Hohe Krippenstein. Es ist romantisch, ein wenig
unheimlich. Hier setzt die Natur menschlicher Bauerei enge Grenzen.
Zwischen dem Hallstätter See und dem steilen Wald hat nur gerade eine
schmale Strasse Platz, und die führt direkt nach Hallstatt, einem Dorf,
dessen Häuser wegen der dramatischen Topografie steil übereinander
gebaut sind.
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| Beschauliche Häuser zwischen Grundl- und Toplitzsee. |
Wieso bloss gibt es an einem so unmöglichen Ort eine menschliche
Siedlung? Der Grund sind reiche Salzvorkommen, die schon vor
dreitausend Jahren abgebaut wurden. Im 19. Jahrhundert fand man die
Leiche eines Salzknappen samt Werkzeugen. Er war wohl durch eine
Schlammlawine getötet worden, und der hohe Salzgehalt des Erdreichs
hatte ihn der Forschung vollständig erhalten. Kurios sind die
Bestattungsgebräuche der Hallstätter bis auf den heutigen Tag. Weil ihr
Friedhof so klein ist und nicht vergrössert werden kann, graben sie
ihre Toten nach zehn, zwanzig Jahren wieder aus. Die Totenschädel
werden im Seelenkammerl aufgeschichtet, nachdem man sie mit dem Namen,
den Lebensdaten und allerlei Verzierungen bemalt hat.
Als
Velofahrer begreift man das Prinzip bald: Dort, wo die Strassen flach
sind, ist viel Verkehr. Die Nebenstrassen sind ruhiger, aber eben nicht
flach. Zum ersten Mal erfahren wir das auf dem Weg nach Bad Aussee
hinüber. In Obertraun verpassen wir den Zug und beschliessen, über die
steile Koppenbrüller Höhe zu fahren. Unterwegs treffen wir Tourenradler
mit ihren schwer beladenen Stahlrössern, die einfach absteigen, ihr
Velo schieben und einen Spaziergang machen: Sommerfrische, ohne Stress.
Totes Gebirge und liebliche Seen
Wir nähern uns dem Toten Gebirge. Wieder so ein unheimlicher Name.
Dabei sind die drei Seen an seinem Fuss lieblich und der Betrieb
vergleichsweise gering, weil sie in Sackgassen liegen und keinen
Durchgangsverkehr haben. Wir überlegen uns, wo die Reise zum nördlich
gelegenen Traunsee durchführen soll. Die Bundesstrasse nach Bad Ischl
reizt uns wenig. Also über die Blaa-Alm nach Bad Ischl, auch wenn wir
eine Weile auf einem Schotterweg fahren müssen.
Von Bad Ischl führt
zwar ein Veloweg an den Traunsee, doch er verläuft direkt an der
lärmigen Bundesstrasse. Tausende Autos sind unterwegs, ein Drittel von
ihnen haben Velos auf den Dachträgern festgezurrt … Traunkirchen, das
auf einer Halbinsel liegt, ein weiteres Juwel des Salzkammergutes, wird
vom motorisierten Verkehr förmlich erwürgt. Wer in einem Hotel an der
Hauptstrasse logiert, muss vor dem Zubettgehen das Fenster schliessen,
sonst ist an Schlaf nicht zu denken.
Von den Bundesstrassen haben wir genug und wählen hinüber zum Attersee wieder die Bergvariante. Sie führt am Fuss des Höllengebirges durch hinunter nach Steinbach, wo Gustav Mahler – natürlich in der Sommerfrische – zwei Symphonien schrieb. Mahler war sehr lärmempfindlich. Um den Ort Mondsee herum wäre er von dem ständigen Motorensausen narrisch geworden. Doch das Finale ist grandios. Wir finden auf der Westseite des Irrsees ein verkehrsarmes Strässchen durch sanfte Hügel. Die schroffen Berge liegen hinter uns, wir radeln ins Flachland hinaus. Vor einem Gasthaus hängt ein Wimpel: Radfahrer willkommen. Hier machen wir gerne Rast und lassen uns von der Wirtin verwöhnen. Noch zehn Kilometer bis Oberhofen. Hier hält der Zug nach Salzburg. Wir fragen die Wirtin nach dem Fahrplan. In vierzig Minuten fährt der nächste Zug, sagt sie. Das passt, wie die Österreicher sagen.