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| Grossglockner: Die Route ist auf weite Strecken mit mutwilliger Verspieltheit ins Terrain gelegt, stets auf der Suche nach neuen Ausblicken. |
Im Sommer 1960 fuhren wir im blauen
Opel Kapitän meines Onkels über die Grossglockner Hochalpenstrasse
(2505 m.ü.M.), welche offizielle Bezeichnung uns Berner Oberländer
Kinder belustigte. Wir hielten an der Mautstelle, wo man für die
Autofahrt durchs Hochgebirge zahlen muss, und der Opel bekam eine
Vignette aufgeklebt, ein rotes G, in dem vor dem schneestarrenden
Grossglockner ein Phantom-Auto eine Serpentine nahm. Dass es
ausgerechnet ein blauer Opel Kapitän war, fassten wir als besondere
Fügung auf, die dem Ausflug einen tieferen Sinn verlieh. Die
Formalitäten an der Mautstelle erfüllten einen mit der Überzeugung, die
Alpen mit dem Auto zu erobern. Ein Bewusstsein für velozipedischen
Heroismus hatte ich noch nicht, obwohl täglich Hunderte Radler ihren
Eingänger den Pass hochschoben. Die Glocknergeschichte ist so spannend,
dass man sie kurz erzählen muss, auch wenns ein wenig autolastig wird.
Doch mit den Autos haben wir Radler ja täglich zu tun, und
Feindschaften muss man pflegen.
Um 1930 wurde in Deutschland mit
dem Bau der Autobahnen begonnen, obwohl Autofahren Privileg einer
Oberschicht war. Erstaunlicherweise nahm bis 1939 die Zahl der
Motorfahrzeuge trotz wirtschaftlicher Not zu. Auch nach dem Krieg war
die Begeisterung der Flachländer für die Alpen ungebrochen, und die
automobile Eroberung des Gebirges konnte beginnen. Im wahren Märchen
der Glocknerstrasse spielten der Ingenieur Franz Wallack (1887–1966)
und der salzburgische Landeshauptmann Franz Rehrl (1890–1947) die
Hauptrollen. Rehrl fragte Wallack 1924, ob er bereit sei, nahe beim
Grossglockner, dem höchsten Berg Österreichs, eine Passstrasse über die
Hohen Tauern zu bauen. Wallack sagte «Freilich» und begann mit der
Planung. Es gab viele Schwierigkeiten zu überwinden. Materielle und
politische. Rehrl erhoffte sich eine Steigerung der touristischen
Attraktivität des Landes Salzburg und des eigenen Prestiges. Er sah
sich gerne als «Schöpfer» der Passstrasse, während er Wallack als
«Erbauer» bezeichnete.
Die pompöse Eröffnung fand im August 1935 statt, und an ihr zeigte sich die Zerrissenheit des Landes. Im Jahr zuvor war Bundeskanzler Engelbert Dollfuss von den Nazis ermordet worden, seit 1933 litt Österreich unter einem von Hitler angeordneten, verheerenden Fremdenverkehrsboykott. Dieser Boykott wurde im August 1935 von den Nazis gelockert, und bei der Einweihung waren neben der offiziellen Delegation aus dem Reich auch zahlreiche deutsche Besucher anwesend. Die verschiedenen Redner bekannten sich zwar zur Unabhängigkeit Österreichs, doch am Fuscher Törl wehte neben den anderen Flaggen auch die gesetzlich verbotene Hakenkreuzfahne, welche von manchen Zeitungen wegretouchiert, von anderen ganz im Gegenteil in den Vordergrund gerückt wurde; Nazis waren aber weder Rehrl noch Wallack.
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| Gnadenlose Steigungen – bis 14 Prozent. Dres Balmer trampelt und träumt vom blauen Opel des Onkels. |
Die Glocknerstrasse ist nicht wie die Nachbarpässe Brenner (1374
m.ü.M.) und Radstädter Tauernpass (1739 m.ü.M.) die moderne Ausformung
eines seit Jahrhunderten benützten Übergangs. Von Anfang an wurde die
Strasse zum reinen Fahrvergnügen gebaut, dieser Zweckbestimmung
entspricht die Anlage ganz und gar, und auch wir Radler können sie
geniessen – und erleiden. Die Route ist auf weite Strecken mit
mutwilliger Verspieltheit ins Terrain gelegt, führt, stets auf der
Suche nach neuen Ausblicken, noch um diesen Kogel herum und an jenem
künstlich gestauten Bergteich entlang. Wer hier durchfährt, hat ein
inszeniertes Landschaftserlebnis. Dazu gehören neben den Gasthäusern
und Souvenirläden auch Lehrpfade und Ausstellungen, die Flora und Fauna
in der empfindlichen Ökologie sowie die Baugeschichte zum Thema haben.
So gesehen und unter Abzug der Auspuffgase und des Lärms wäre an der
Glocknerstrasse ein neues Zeitalter angebrochen, das ökologische. Die
Technik und die Natur, scheint es, liegen in inniger Umarmung. Bei so
viel Harmonie kann es einem zuweilen mulmig werden.
Die Entwicklung
hat Franz Rehrls Visionen bestätigt. Nach der Eröffnung setzte der
Ansturm ein. 1938 befuhren über 300’000 Personen die Glocknerstrasse,
die höchsten Zahlen, bis 1,5 Millionen, waren 1960–1980 zu verzeichnen.
Seither hat sich die jährliche Besucherzahl bei einer Million
eingependelt. Was Wallack ahnte, ist eingetreten: Die
Felbertauernstrasse und die Tauernautobahn übernehmen den
Transitverkehr, die Glocknerstrasse dient freizeitlichem Fahrspass. Am
Glockner lassen sich Eigenheiten motorisierten Genussfahrens ablesen.
So wurden im Jahr 1955 etwa 48’000 Motorräder gezählt, 1961 dagegen
weniger als 3000, und heute nähern sich die Zahlen der motorisierten
Zweiräder wieder denjenigen der Fünfzigerjahre. Nirgends wird
entspannter gefahren als am Glockner, denn durch müssen tut hier
keiner, und Lastwagen gibts keine. Wer hier unterwegs ist, hat Zeit und
Geld, die hochalpine Auto- oder Motorradfahrt zu zelebrieren, nimmt es
locker. Ähnlich wie mit den Motorradfahrern verhält es sich statistisch
mit den Velofahrern, die den Grossglockner unter die Räder nehmen und
von Seiten der Motorisierten, die ein schlechtes Gewissen haben,
höchsten Respekt geniessen. Als einzige Besucher auf Rädern zahlen
Radler keine Maut, dafür können sie sich für die Radtour eine Urkunde
ausstellen lassen, auf der die elektronisch erhobene Fahrzeit verewigt
wird.
Die Radler sind, wie ich aus eigener Erfahrung weiss, etwas weniger locker als die Motorisierten, denn die Glocknerstrasse gehört zu den härtesten Brocken in den Alpen. Die Steigung ist durchgehend bei gnadenlosen 10 bis 12, mit Spitzen bis 14 Prozent. Der Atem geht schwer, der Schweiss tropft auf den Lenker, eine kleinere Übersetzung ist nicht zu finden. Als ich auf der Edelweissspitze bei einem Radler (= Panaché) und einer Wurstsemmel sitze, schiebt mir die Kellnerin einen Schemel unter die müden Waden. Da entspannen sich meine Bein- und Gesichtsmuskeln, ich werde schläfrig und träume vom blauen Opel Kapitän meines Onkels. Wenn er noch lebte, würde ich ihm eine Postkarte schreiben.