
Potsdamer Platz. Hier beginnt die Reise in die Vergangenheit. Oder die Reise in die Zukunft? Wer noch nicht begriffen hat, dass der Kapitalismus gesiegt hat, dem wirds hier klar. Selbstbewusst und schamlos lassen Elektronik- und Autofirmen ihre Tempel in den Himmel ragen. Ganz schäbig nimmt sich da der doppelte Kopfsteinpflasterstreifen aus, in den hier und dort eine Bronzeplatte eingelassen ist mit der Inschrift: «Berliner Mauer 1961-1989». Der Streifen taucht rund um die Stadt immer wieder auf, gespenstisch, als ob er unser historisches Gedächtnis necken wollte. Man kann die Inschrift mit Füssen treten, oder man kann darauf spucken. Es gibt andere Inschriften, gesprayte: «DDR Cool», oder: «Baut die Mauer wieder.» Doch das kann es wohl auch nicht sein.
«Checkpoint Charlie». Hier brach beinahe der dritte Weltkrieg aus.
Alles ist sorgfältig restauriert worden, gleich daneben ist das
entsprechende Museum, in dem immer noch der Kalte Krieg zelebriert
wird. Die Fronten sind hier immer noch ganz klar. Hier die Bösen, hier
die Guten. Und jetzt gibt es nur noch die Guten. Oder fast. Ich weiss
auch nicht, wie ein solches Museum zu machen wäre, doch so bleibt einem
ein flaues Gefühl im Magen.
Das wohl längste übrig gebliebene
Mauerstück steht am Spree-Ufer, an der Mühlenstrasse. Es wurde
umgestaltet zur «East Side Gallery». Bild an Bild. Kein grauer Fleck
mehr in der Mauer, die Wende als Happening. Überall diese Manie, die
Mauerstücke vollständig, flächendeckend zu überpinseln. Diese
Gründlichkeit in allem ist beunruhigend. Das SED-Regime wollte
Westberlin mit einer Mauer abriegeln. Ein Irrwitz der Gründlichkeit.
König Ludwig XVI. wollte dasselbe in Paris machen, wenige Jahre später
brach die Französische Revolution aus. Vom Mauerbau bis zur Wende
dauerte es fast dreissig Jahre. Am Radio höre ich, die Israelis wollen
die Palästinensersiedlungen einzäunen, und die Europäer werden wohl
auch irgendwann eine Mauer bauen gegen die Einwanderer. Nichts gelernt
aus den Irrtümern tumber Gründlichkeit.

Über Hunderte von Metern erstreckt sich auf der Ostseite ein Terrain
vague, dort wo früher der Todesstreifen war. Biologen freuen sich über
eine überraschende Artenvielfalt an Käfern und Pflanzen. Ein neues Wort
ist zu lernen: Spontanvegetation. Das ist alles, was auf der
sozialistischen Brache wuchert. Ja und dann, es ist kaum zu glauben,
fährt man durch richtige Savannen. Das Wort passt schon, es ist nämlich
32 Grad warm. Berlin ist auf Sand gebaut, und auch innerhalb der
Stadtgrenzen gibts ausgedehnte Grünflächen. Zähes Gras, Dornengestrüpp,
Sandweglein bis zur nächsten Chaussee, zum nächsten Damm, zur nächsten
Allee, die man quert. Halbstundenweise trifft man keinen Menschen. In
Lichterfelde steht ein junger Kirschbaumhain, gestiftet von einer
japanischen Stadt. Eine Inschrift: «Wer unter dem blühenden Kirschbaum
steht, ist nie ein Fremder.» Auf den Ruhebänken sitzen ein paar alte
Radler und trinken Bier, das sie mitgebracht haben. Sie hören gleich,
dass ich Schweizer bin. Ich sollte mir den Akzent abtrainieren, dann
würden die Gespräche anders verlaufen. Die alten Männer wohnen nahe der
Mauer, im Osten. Sie lachen über die Inschrift der Japaner. Sie sind
bitter: zuerst der Krieg, dann vierzig Jahre Sozialismus, und jetzt
alles freier Westen. «Auch nich das Jelbe vom Ei», meint einer. Fremde
waren sie im Sozialismus, Fremde sind sie im Kapitalismus, mit oder
ohne Kirschblüte. Sie finden, wir in der Schweiz machen es besser,
«weil ihr keine Geschichte habt». Wenn die wüssten, was wir für
Geschichten machen. Die alten Biertrinker sagen, wenn sie Geld hätten,
würden sie es auch in der Schweiz anlegen. «Die besten Banken der
Welt», sagt ein anderer und: «Darauf können Sie stolz sein». So weit
kommts noch.


Es wird immer ländlicher. Berlin hat hier eine kleine Seenlandschaft:
Griebnitzsee, Tiefer See, Jungfernsee. Wer der Geschichte und der
Politik entfliehen will, muss hier radeln, im Bereich Teltow, Potsdam,
Spandau, Glienicke. Man kann sogar mit dem Schiff über den grossen
Wannsee fahren und glaubt plötzlich, man sei auf dem Zugersee, wenn da
nur die Berge nicht fehlten. Und schön an Literatur denken kann man.
Ja, aus Kohlhasenbrück stammte der Michael Kohlhas von Kleist, dem
Dichter mit den ausufernden Satzkaskaden, und am selben Ort erschoss er
1811 seine Geliebte Henriette Vogel und sich selbst. In weitem Bogen
radeln wir der Stadtgrenze entlang bis hinauf nach Norden. Da ist man
einen halben Tag unterwegs. So gross ist Berlin.
Dann nähern wir
uns wieder der Innenstadt. Immer häufiger sind Reminiszenzen an die
Mauer sichtbar. An der Bernauer Strasse stand für die DDR-Behörden eine
Kirche zu nahe an der Mauer. Sie sprengten sie 1985 kurzerhand. Nach
allen Regeln der Kunst. Sie sank wie geplant auf die Ostseite. Wieder
diese Gründlichkeit. Und jetzt geht es Schlag auf Schlag.
Chausseestrasse 131. So heisst eine Platte von Wolf Biermann, und an
dieser Adresse wohnte er. Er sang übers geteilte Deutschland: «Ich leb
in der bessren Hälfte und habe doppelt Weh». Ich habe das Lied im Kopf
seit dreissig Jahren. Und weh tuts am Invalidenfriedhof am
Schifffahrtskanal, wo der erste Flüchtling und der erste
DDR-Grenzpolizist erschossen wurden. Berlin Mitte. Auf der Spree fahren
Schiffe mit fröhlichen Reisegesellschaften, südlich davon reibt man
sich die Augen. Das neue Bundeskanzleramt, das Paul-Löbe-Haus, der
Reichstag mit der neuen Kuppel. Gigantische Tempelanlagen, Kolosseen,
Mausoleen. Faszinierend und beunruhigend. Hier wird geklotzt, mit neuem
Selbstbewusstsein. Und gründlich. Hier wird Macht demonstriert. Schaut
her, wir sind wieder jemand. Den Säulen des Brandenburger Tores hat man
riesige Fussballersocken in den Landesfarben Schwarz-Rot-Gold
übergezogen.
