
In unserer vorletzten Nummer haben wir den Grossglockner vorgestellt, den schönsten Pass in den Ostalpen. Und heute berichten wir vom hässlichsten, vom Stilfserjoch (2758 m.ü.M.). Das sind zwei Extreme, die einen Zusammenhang haben. Bis zum Ersten Weltkrieg war der Ortler der höchste Berg und das Stilfserjoch der höchste Strassenpass der kaiserlichen und königlichen Donaumonarchie und Europas. Durch den Krieg wurden beide Übergänge italienisch, dafür rückte der Grossglockner in der österreichischen Rangliste auf den ersten Platz vor. In den Zwanziger- und Dreissigerjahren begann in den Alpen, den Pyrenäen und in der südspanischen Sierra Nevada ein fieberhafter Bauwettbewerb um die höchsten und spektakulärsten Bergstrassen. Das Stilfserjoch wurde, je nach Lesart, die Nummer vier oder fünf in Europa.
Jede sportliche Radlerin, jeder sportliche Radler, die oder der etwas
auf sich hält, ist mindestens einmal im hoffentlich langen
VelofahrerInnenleben am Stilfserjoch anzutreffen, und zwar in Bergfahrt
vom Südtirol her. Eine stolze Sache ist das. Bis zur Passhöhe sind es
1870 Höhenmeter und 28 Kilometer. Das ist glatt das Doppelte der
meisten anderen Alpenpässe, die man auch schon als Herausforderung
empfindet. Auf den ersten fünfzehn bis zwanzig Kilometern sollte man
die Nerven behalten. An einem schönen Sommertag sind dort nämlich
Hunderte Gümeler auf den schönsten Velos und in den buntesten Tricots
unterwegs, die sich einen Spass daraus machen, die etwas gemächlicheren
Velofreunde dutzendweise zu verheizen, zu schrauben, zu fressen,
abzutrocknen, stehen zu lassen, abzustechen, zu begraben und wie die
Ausdrücke alle heissen. Davon darf man sich nicht irritieren lassen,
man muss die Schnelleren einfach ziehen lassen und darf nur auf das
eigene Herz hören, denn der Weg ist noch lang und mühevoll. Und siehe
da: Manch einen von denen, die im unteren Teil an einem vorbeigehetzt
sind, trifft man weiter oben wieder an, in den steilsten Rampen
Schlangenlinien würgend, mit violettem Kopf, weil er seine Kräfte
über-, das Stilfserjoch unterschätzt hat.
Ein verrückter Berg ist
das. Auf der einen Seite, im Vinschgau, spricht man Deutsch, auf der
anderen Italienisch. Es kommt einem vor, im Südtirol, das ja politisch
zu Italien gehört, werde ein Super-Germanismus gepflegt, wohl als
Reaktion auf die Italianisierungspolitik geht es hier teutonischer zu
und her als in Bayern, und viele Südtiroler bezeichnen sich als
Deutsche, was kulturell gemeint ist. Wieder einmal erklärt die
Geschichte einiges. 1815 wurde die Lombardei Österreich zugeschlagen,
eine Strassenverbindung zwischen Tirol und Mailand drängte sich aus
strategischen Gründen auf. Der Bau einer so genannten «Kunststrasse»
über das Stilfserjoch wurde 1820 in Angriff genommen und in bloss vier
Jahren vollendet. Übrigens wurde die Strasse bis weit ins 20.
Jahrhundert hinein das ganze Jahr über offen gehalten.

Zwei Kaiser aus Wien nahmen das Wagnis auf sich, mit ihrem Gefolge über
den Pass zu fahren. 1832 kam Franz I. vom Vinschgau her, machte im
Gasthaus beim Kilometer 22, das später nach ihm «Franzenshöhe» getauft
wurde, einen Halt. Er blickte in den gegenüberliegenden Felshang, sah
die zwei Dutzend luftigen Serpentinen und bekam weiche Knie. Am
liebsten wäre er umgekehrt, doch er fürchtete die Blamage. So zog er
die Vorhänge des Kutschenfensters zu und blieb nur kurze Zeit auf der
Passhöhe, wollte weiter, nach Mailand. Wie Franz geht es auch manchem
Radler, nur hats am Velo keine Vorhänge. 1838 nahm sein kränklicher
Sohn Ferdinand I. denselben Weg unter die Kutschenräder, und seine
Entourage staunte nicht schlecht, als es dem Thronfolger mit jedem
Höhenmeter wohler wurde. Auf der Passhöhe gab es ein Fest, und das
Stilfserjoch sollte einen neuen Namen bekommen: «Ferdinandshöhe». Die
Bezeichnung hat sich aber nicht durchgesetzt.
1859 verlor Österreich die Lombardei, behielt aber das Südtirol, und
das Stilfserjoch wurde ein Grenzpass. Im Ersten Weltkrieg wurden um die
Passhöhe von den Italienern und den Österreichern Schützengräben und
unterirdische Festungen gebaut, hier fand der erste Krieg im
Hochgebirge statt, drei Jahre lang. Dieser Krieg, die Kälte und die
Lawinen forderten hunderttausend Tote. So hoch oben sind in so kurzer
Zeit noch nirgends so viele Leute umgebracht worden, bzw. ums Leben
gekommen. Auch ein Rekord. Gleich über der Passhöhe ist ein Berglein,
das den einträchtigen Namen Dreisprachenspitze trägt, italienisch Cima
Garibaldi. Während des Ersten Weltkriegs hatten die Schweizer hier
einen Armeeposten und beobachteten mit ihren Feldstechern, wie sich die
verfeindeten Nachbarn piesackten.
Ungemütlich ist es hier auf der
Passhöhe. Es zieht. Durchzug, im doppelten Sinn: Es luftet, und alle
wollen durch. Bleiben tut hier oben kaum jemand. Darum heisst es ja
Pass. Jeder Pass ist ein Passe-vite. Ausgefranste Flaggen knattern im
Wind. Staubschwaden huschen über den Platz und spielen mit dem Unrat,
der da herumliegt. Ein Betonmischer rattert. Auf dem Flachdach des
Hotels Perego jault ein Schäferhund. Souvenirläden, Wurststände,
Skivermietungen, Kneipen. Alles überstellt mit Motorrädern. Pro Velo
schätzungsweise hundert Töffs. Allgemeine Unrast, obwohl man doch oben
ist. An der Nasenspitze bildet sich ein Tropfen, wie im Winter. Sand
knirscht zwischen den Zähnen, wie in der Wüste. Nur die Hauptstrasse
ist asphaltiert, daneben ist alles Kies, Dreck, Staub. Eine ewige
Baustelle, die seit zwanzig Jahren gleich aussieht. Niemand weiss, was
gebaut wird. Die Sommerskifahrer sind mit dem Auto heraufgefahren,
steigen in die Gondelbahn, suchen weiter oben Schnee. Sommerskifahren
ist noch elender als Winterskifahren. Seltsame Zombies, diese
Skifahrer. Sie denken von uns Velofahrern wahrscheinlich etwas
Ähnliches. Zum Teil sind wir ja auch nicht schön anzusehen, wenn wir
mit verzerrtem Gesicht, hin- und herpendelnder Schnudernase hier oben
ankommen und vor Erschöpfung kaum vom Velo steigen können. Wir drücken
am Computer herum, sehen die Herzfrequenz nach. Wir lichten uns
gegenseitig unter dem Passschild ab, trinken einen Tee, bevor wir uns
mit steifen Beinen hinunter nach Bormio stürzen.
