
Hungrig lehne ich das Velo vor der Kneipe an die Mauer. Da kommt Javier
Alonso, der Wirt, herausgerannt und will gleich Fotos machen vom
Radler, der vor seinem Etablissement steht. Er beglückwünscht mich.
Gemach, Alonso, ich bin ja erst von Bilbao heraufgeradelt. Hier ist das
Dorf Vivar del Cid, der Geburtsort des Rodrigo Díaz (1043–1099), des
spanischen Nationalhelden El Cid Campeador. Hier, in Javiers Mesón del
Cid, beginnt angeblich die Ruta del Cid, der Weg in die Verbannung, den
der bärtige Kämpe vor bald tausend Jahren unter die Pferdehufe nahm.
Seit Jahren wird dieser Weg von den spanischen Touristikern für
Reiseradler propagiert. Ritterlich klingt der Titel des nützlichen
Gratis-Vademecums: «Zu Fahrrad auf den Spuren von El Cid». Und
ritterlich redet mich der Wirt mit caballero an, als ob draussen nicht
mein Velo, sondern mein Pferd stünde. Javier schmunzelt, ein paar
cicloturistas mehr würden sein Geschäft beleben, denn sie seien gute
Esser und Trinker. Ich liefere Javier gleich den Tatbeweis. Aus
Valencia, dem Ziel der Reise, müsse ich ihm eine Karte schreiben, sagt
er. Versprochen.
In Vivar gibt es wenig zu sehen, das Land ringsum
ist von entmutigender Weitläufigkeit. Ich ahne, warum sich nicht mehr
cicloturistas auf die Spuren des Cid wagen. Ein paar Kilometer weiter
ist Burgos. Die Stadt bezaubert vom ersten Moment an durch autofreie,
gepflästerte Arkadenplätze, Bögen, Treppen und Gassen. Vor der
Kathedrale, einem elfenbeinernen Gebirge, drängen sich die
Santiago-Pilger mit roten Waden. Hier liegen die Gebeine des Cid und
seiner Gemahlin Jimena. In einem Seitenschiff hängt an der Wand die
wurmstichige Truhe des Helden, die uns mitten in die tausendjährige
Geschichte entführt.
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Der Cid hat sich als treuer Vasall von König Alfons VI. höchste Ehren
erworben, als er 1081 nach hofinternen Intrigen mit Acht und Bann
belegt wird. Der grosse Cid ist plötzlich ein mittelloser Outlaw. Da
greift er zu einer List: Seine letzten Getreuen sollen ein paar Truhen
– die eine hängt eben in der Kathedrale – mit Steinen füllen und gut
zuschrauben, dann zu den jüdischen Bankiers von Burgos gehen, einen
Haufen Bargeld aufnehmen, die Truhen als Kreditpfand hinterlegen und
sagen, sie enthielten Gold und Edelsteine; El Cid bürge dafür. Doch
niemand dürfe die Truhen aufmachen, bis der Kreditnehmer wieder
auftauche. Die Bankiers lassen sich über den Tisch ziehen und füllen so
die Kriegskasse des Geächteten. Dieser unternimmt einen Feldzug durch
die Halbinsel, von Burgos bis Valencia, das er 1094, dreizehn Jahre
später, erobert. Er stellt sich zwar die Aufgabe, den Mauren den Garaus
zu machen, doch die Wirklichkeit ist komplizierter. Er heuert Söldner
an, die wachsende Bande belagert unterwegs Dörfer und Städte, erpresst
Lösegelder, paktiert nach bestem Nutzen mit christlichen oder
muslimischen Kriegsherren. El Cid hält seine Guerilleros dazu an, nicht
unnötig zu töten und Grossmut walten zu lassen.
Mehrmals lässt er
prominente Geiseln bedingungslos frei und poliert so am eigenen Mythos.
Legenden entstehen, sie werden von Mund zu Ohr erzählt, kurze Zeit nach
des Cids Tod entsteht in Medinaceli das «Cantar de mio Cid», das
Heldenlied vom Cid, das zuerst an Dorffesten von Bänkelsängern
vorgetragen, später aufgeschrieben und erstes Zeugnis der spanischen
Literatur wird.
Vom Autoverkehr umtost steht in Burgos, am Rand der
Altstadt, das Denkmal des Haudegens. Gusseisern sitzt er auf seinem
Pferd Babieca, streckt kampfeslustig das Schwert nach vorn, zeigt die
Richtung. Also ziehe ich dorthin. «Weite Wege liegen vor uns», sagte
der Verbannte vor tausend Jahren. Stimmt genau. Ich murmle den Satz vor
mich hin, radle los, will wissen, wo Er durchzog, von Dorf zu Dorf, von
Sierra zu Sierra. Einen Hügelzug nach dem anderen überquere ich,
stundenlang, tagelang. Höre nur den Wind und den Gesang der Vögel, hie
und da eine Landmaschine. Abgesehen von der Asphaltstrasse hat die
Landschaft vor tausend Jahren nicht viel anders ausgesehen.
Zurück ins 21. Jahrhundert. Trete ich in eine Bar, werde ich in meiner
Radlerbekleidung von den Anwesenden kurz abschätzig gemustert, dann
saugen die Augen wieder gierig die Fernsehbilder ein – ausgerechnet von
der Vuelta a España. Keine Frage, woher ich komme, wohin ich fahre.
Direkt beleidigend ist das. Da war mir Javiers Empfang lieber. Die rare
Spezies Radler kennen die Spanier nur vom Fernsehen. Begegnen ihnen
Velofahrer leibhaftig, werden sie verachtet als Lumpenproletarier, die
sich kein Auto leisten können. Doch ist man mit dem Velo wieder auf der
Strasse, geniesst man von Seiten der Autofahrer den höchsten Respekt.
Soll einer dieses Land begreifen!
In Berlanga del Duero treffe ich
vor einer Bar endlich andere Radreisende: ein Paar aus Barcelona. Man
fällt sich wildfremd in die Arme, es gibt gleich ein Fest. Die beiden
sind sich schon ein wenig auf die Nerven gegangen. Das kenne ich. Da
ist man froh, wenn zur Abwechslung andere Radlernasen am Horizont
auftauchen, und sie ist eine Herzige. Nach dem Essen setzen wir unsere
Reise gemeinsam fort, das heisst zu dritt. Jeder von ihnen hat doppelt
so viel Gepäck geladen wie ich, sie schwitzen in zu dicken Jacken, sie
haben an ihren Velos Stollenreifen, Schutzbleche und Lichtanlagen. Sie
sind unsportlich, sie sind und haben alles, was gegen diese Art des
Reisens spricht, und doch reisen sie ausgerechnet so und nicht anders.
Ein paar Tage nach mir sind auch sie in Valencia, mit glücklichen Augen.
Rauh ist das Land, immer anspruchsvoller wird die Topografie, Pass um
Pass, Sierra um Sierra fahre ich auf futuristischen Strassen hinein ins
Mittelalter, durch Medinaceli, Albarracín, Morella und wie die Juwele
alle heissen. So mittelalterlich muten sie an, dass man glaubt,
plötzlich werde der Kämpe Cid auf seiner Stute Babieca aus einem
Torbogen angeritten kommen. Ich werde rufen: «Oh, Señor Cid, mucho
gusto! Ay, Señorita Babieca, encantado!» Javier, wenn er es auf der
versprochenen Postkarte liest, wird es nicht glauben.