
Diese Leichtigkeit! Dieser
Rhythmus! Diese harmonische Mischung aus Kraft und Schwung! Vor mir
schwebt die radelnde Lebenslust, über das Strässchen, das einem Bach
namens Petite Meurthe entlang führt. Das Bächlein fliesst bergab, die
Lebensfreude plätschert bergauf. Ich nähere mich, und da rieche ich es:
une femelle. Eine Mischung aus Eau d'Issey und frischem Schweiss. Wenn
ich Idiot das heute morgen geahnt hätte, hätte ich mich rasiert, und
nicht bloss um die Kinnladen.
Ich fahre auf ihre Höhe und sage
bonjour. Sie blickt fröhlich herüber, erwidert den Gruss, ohne sich im
Rhythmus stören zu lassen. Sie erzählt, sie sei morgens um sechs im
Vogesenstädtchen Saint-Dié losgefahren. Bis sich ihre Rad-copains,
diese Schnarchtüten, die Ohren gewaschen hätten, sei sie schon am
vierten Pass, und überhaupt möge sie die Einsamkeit, die Stille. Soll
ich aus Höflichkeit anhalten und sie ziehen lassen? Sie lacht,
neinnein, bei mir mache sie eine Ausnahme. Oh, oh, wie bin ich
geschmeichelt. Sie heisse Chantal. Chantal, pédaleuse de charme. Sie
ist Psychologin und hat jeden Tag zu tun mit dem Seelenelend der
Menschheit, und auf ihrem kleinen, feinen Rennrad erholt sie sich vom
Jammertal, mit dem sie beruflich zu tun hat. Vom Jammertal ins Tal der
Petite Meurthe, nicht schlecht. Das macht sie jeden Freitag, bei jedem
Wetter. Wenn mehr Menschen radeln würden, hätte sie weniger Klienten,
seufzt sie.
Doch hier in den Vogesen ist nicht immer alles sonniges Tal,
plätscherndes Bächlein und lindes Lüftlein um Laden und Waden. Bei der
Anreise von Colmar – per Velo und samt Gepäck natürlich – nahm ich mir
vor, in einem zünftigen Umweg nach Gérardmer zwei Pässe mitzunehmen:
den Petit Ballon und den Col du Platzerwasel. Der Name Platzerwasel
hatte es mir angetan. Schon bei der Planung sagte ich immerzu
Platzerwasel, Platzerwasel, Platzerwasel, und dabei kam der genaue
Umgang mit Höhenangaben etwas zu kurz. Neben dem Platzerwaselpass steht
ein Berglein mit einem ebenfalls entzückenden Namen: Schweisselwasen.
Also sagte ich nun im Rhythmus des Pedalierens
Platzerwasel-Schweisselwasen-Platzerwasel-Schweisselwasen vor mich hin,
und dabei war ich von Münster her kommend erst am Petit Ballon.
Petit
Ballon, Kleiner Belchen. Von wegen! Nach Münster setzten ekelhafter
Regen und Eiswind ein, und der Petit Ballon wuchs an zum unbezwingbaren
Riesenbelchen. Wie Mauern erhoben sich vor mir endlose Rampen mit zehn
Prozent Steigung, über die ein Wasserfilm talwärts floss. Dann hörte
der Wald auf, und der nunmehr ungebremste Wind krallte seine Hauer in
meine nassen Packtaschen. Ein Wirtshaus. Endlich. Geschlossen. Ein
zweites Wirthaus. Geschlossen. Weit oben im Nebel vermutete ich die
Passhöhe. Also weiter. Platzerwasel, Schweisselwasen, Platzerwasel.
Über die Passhöhe. Das dritte Wirtshaus. Offen. Gerettet.
Am
Platzerwaselpass besserte sich das Wetter. Zum Glück war niemand in der
Gegend, um das elende Schauspiel mitanzusehen, wie ich mit sechs,
sieben Stundenkilometern den Berg hinauf kroch. Als ich auf der Route
des Crêtes ankam, hatte sich das Wetter erholt, und die Sonne erlaubte,
dass auch ich mich erholte.
Ah, die Route des Crêtes, Inbegriff radlerischer Glückseligkeit!
Symphonie der Strassenbaukunst, die sich in harmonischen Schleifen über
den kahlen Hauptkamm der Hochvogesen schmiegt und links und rechts den
Blick in die tiefer liegenden Landschaften erlaubt!! Wirklich eine
Strasse der Superlative!!! Deshalb die vielen Ausrufezeichen. Dabei
wurde sie im Ersten Weltkrieg von schiesswütigen Militärs gebaut, um
die strategisch wichtigen Vogesen für Truppen, Kanonen und Nachschub
zugänglicher, um die Massenabschlachtung von Kanonenfutter effizienter
zu machen. Zum Glück tempi passati.
Die Leute in den Vogesen haben
es nicht leicht. In zwei Weltkriegen wurde ihr Landstrich zwischen zwei
europäischen Grossmächten von Granaten umgepflügt, sie selber zwischen
zwei Fanatismen fast aufgerieben. Mit Landwirtschaft, ein wenig
Industrie und Tourismus kommen sie im friedlicher gewordenen Europa
über die Runden, und man wünscht ihnen mit dem Ökotourismus, der jetzt
nach Kräften gefördert wird, einen neuen Aufschwung. An schönen Tagen
sind auch Tausende von Wanderern unterwegs, kehren ein in die
zahlreichen fermes-auberges, und die Vogesen sind dann, bei
Sonnenschein, ein Ort der reinsten Lebensfreude; die allermeisten Fuss-
und Radtouristen fahren natürlich mit dem Privatauto an.
Dagegen
findet man von den Vogesen keine «schönen» Postkarten, weil die Vogesen
nicht Postkarten-«schön» sind. Es gibt keine hübschen Dörfer wie im
Elsass, keine einprägsamen Erhebungen, kein überwältigendes Panorama,
aber hundert kleine Schönheiten: Seen, kleine Flusstäler, Wälder und
romantische Winkel.
Ist man hier ein paar Tage unterwegs, lernt man die französische Kultur
des cyclotourisme, des sportlichen Radelns ohne
Wettkampf-Hintergedanken, ein wenig kennen. Zu Dutzenden sind sie beim
übelsten Wetter unterwegs, zu Hunderten, wenn der Regen aufhört, zu
Tausenden, wenn sich die Sonne zeigt. Geradelt wird gemeinsam und
entspannt, alle grüssen sich und wünschen bonne route. In Gesprächen
stellt sich heraus, dass viele von ihnen Mitglieder der Fédération
Française de Cyclotourisme (FFTC) sind. Die Fédé hat 120'000 Mitglieder
und versucht, den Kontakt unter Hobby- und ReiseradlerInnen, aber auch
unter Mountainbikern, zu erleichtern und sie – ohne Kastendenken – zu
gemeinsamen Ausfahrten zu ermuntern.
Und Chantal aus Saint Dié? Am
Col du Surceneux sagt sie, wahrscheinlich seien ihre Schlafmützen jetzt
auch aufgestanden und von der anderen Seite her in der Gegend
angekommen. Tatsächlich stehen vor dem nächsten Bistrot ein Dutzend
Räder, im Wirtshausgarten sitzt die fröhliche Schar von der Fédé aus
Saint Dié. Die nächsten paar Vogesen-Pässlein nehmen wir gemeinsam.
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