
Die Eisenbahn nimmt es gemütlich, hält bei jeder Station. Die Einheimischen sagen: Staziuun. So diszipliniert sind die Glarner, dass nicht einmal ein Kondukteur mitzufahren braucht. Der erste Frühlingstag. Das Fenster bleibt offen, das Gebimmel von Kuhglocken dringt herein, es duftet lau nach frischem Gras. Auf den Wegen und Strässchen fahren viele Schulkinder mit dem Velo. Alle tragen einen Helm und winken dem vorüberfahrenden Zug. Es ist fast wie am Sonntag, dabei ist es ein gewöhnlicher Dienstag, wo alle arbeiten und zur Schule gehen müssen. Doch das scheint keinen zu stören. Alle grüssen, alle sind freundlich und aufgestellt, und sie wünschen eine gute Reise. Dieses Tal! Ein Wahnsinn! Auf beiden Seiten schroffe Felswände, unten eine grüne Ebene, zuhinterst Schneeberge mit seltsamen Namen, und mitten durch walzt weiss die Linth.
Am Anfang war das Wasser. Es schoss aus den wilden Schründen zwischen Clariden, Tödi und Selbsanft hervor und überschwemmte jedes Jahr das wertvolle Kulturland im Talboden. Wohl und Weh der Bewohner waren abhängig von den Launen der Natur. Sie liessen sich nicht vertreiben, begannen vielmehr, die Linth in ein festes Bett zu zwingen und machten aus der Not eine Tugend. Ungeheuer ist die Kraft des gebändigten Wassers. Das merkten vor 200 Jahren schlaue Industrielle, erwarben entlang der Linth Wasserrechte, das heisst die Genehmigung, einen Teil des Linthwassers mit einem Kanal abzuleiten, mit diesem Kanal Wasserturbinen und mit den Turbinen Maschinen anzutreiben, bevor das Wasser der Linth zurückgegeben wurde. Eine Art Perpetuum mobile. Das Tal der Linth wurde zu einem Tal der Kanäle, und die Wasserrechte waren so günstig, dass die Investoren in Scharen anwanderten. Der Kanton Glarus wurde zu einem Mekka der Textilindustrie.
Der Reiz des Tales liegt zwischen zwei Extremen: Der bombastischen
Landschaft einerseits und der allgegenwärtigen Industrie andererseits.
Welch schweizerische Mischung und fantastische Spannung, die für den
Tourismus noch zu entdecken wäre. Eine Sensaziuun. Wir erleben sie
heute, radeln fast ohne Anstrengung der Linth entlang. Es ist alles so
eindeutig wie der Flusslauf. Schwerelos talauswärts, um Hausecken,
vorbei an zahllosen Brunnen und Wirtshäusern. Kaum ruht man sich auf
einem Bänklein aus, hat man mit einheimischen Radlerinnen eine nette
Konversaziuun. In Zürich ist die Topografie weit und frei, und die
Leute reden nicht miteinander. Hier ist es umgekehrt. Wilde Berge und
viel Kommunikaziuun. Die Zürcher sollten des öftern nach Glarus fahren.
Ein Lob den hohen Felswänden!
Es klingt wie ein Märchen: Die Glarner Stoffindustriellen liessen ihre Emissäre in der Welt herum reisen und Modetrends aufspüren, aber auch Stoffdruckverfahren ausspionieren und neue Muster kopieren. Aus Frankreich und England schaffte man die neuesten Maschinen an, und das, was im Kanton Glarus zum Teil unter lausigen Arbeitsbedingungen hergestellt wurde, ging in alle Welt hinaus, vor allem in den Nahen Osten und nach Nordafrika, wo die Nachfrage nach Turbanen und Kopftüchern riesig war.
Während etwa eines Jahrhunderts kam man im Glarnerland kaum nach mit Weben, Färben und Drucken, an mehr als fünfzig Hängetürmen im Tal flatterten die bunten Stoffbahnen zum Trocknen. Doch schon früh lagerten grosse Unternehmen Teile der Produktion aus, und der Industriestandort Glarus blieb und bleibt von Krisen nicht verschont. Glarner Erfindergeist ist heute mehr gefragt denn je; hier werden hundert Wirtschaftsgeschichten geschrieben – bis auf den heutigen Tag und in die Zukunft hinein. Damit wir uns richtig verstehen: Die Reise auf dem Glarner Industrieweg ist nicht ein Nostalgietrip, sondern eine Reise in der Gegenwart. In den meisten alten Fabriken wird nach wie vor produziert, und unter den neu erbauten Fabriken gibt es wahre Prachtsstücke der Architektur. Besser als mit dem Velo kann man sie gar nicht entdecken.