
Keine Welle kräuselt den Spiegel des Genfersees. Angebunden an die Reling stehen die Velos, sanft wiegt das Schiff unter den ungeduldigen Waden des Pataphysischen Veloclubs (PVC). Die Reise beginnt als Überseereise. Zuerst fahren wir über den lemanischen Ozean, dann über die französischen Alpen ans Meer. Ah, quel programme! Auch der Name ist grandios, wie so manches in diesem Land: La Route des Grandes Alpes (RGA), eine der knackigsten Touren für sportliche RadlerInnen, aber auch eine, die harmonisch aufgebaut ist wie eine Sonate.
Das ist die Einstimmung. Gleich am Anfang weichen wir von der offiziellen Route ein wenig ab und halten uns weiter westlich. Hier kann man je nach Variante mit zwei, drei kleinen, besinnlichen Eintausender-Pässchen herumspielen. Sie sind genau richtig als Vorgeschmack dessen, was uns weiter südlich erwartet. Schon lange bevor der erste Zweitausender am Horizont auftaucht, werden wir etwas mehr gefordert durch die Pässe Colombières, Aravis und Saisies, alle drei um die 1'500 Meter. Und dann der erste Höhepunkt. Sportlich und vor allem landschaftlich: Cormet de Roselend, eine Strasse, die zuerst einem See entlang und dann auf einen Berg zu führen scheint. Jetzt rinnt der erste Schweiss so richtig. Abfahrt nach Bourg-St.Maurice, um die ersten Boboli zu pflegen. Bald beginnen die Zweitausender.
Die
Stunden der Wahrheit brechen an. In Bourg-St.Maurice regnet es. Da wir
den langen Aufstieg nach Val d'Isère und dann hinauf zum Iseran
(2'770m) vor uns haben, ist uns das Wetter egal. In Val d'Isère schneit
es, und wir haben einen Bärenhunger. Um zehn Uhr morgens bestellen wir
in einer Brasserie eine choucroute alsacienne, dazu für die Moral eine
Flasche Riesling. Nach einem Caramelchöpfli treten wir hinaus ins
Schneetreiben. Auf dem Iseran ist vom Sauerkraut nichts mehr übrig, und
wir sind schon wieder hungrig. Auf Sauerkraut und auf Zweitausender.
Ein kleines Zwischenspiel bloss ist der Col du Télégraphe (1'566m),
dann kommt schon der Galibier (2'645m). Wir sind mitten in der Legende
Tour de France. An der Südrampe hat man dem Gründer der Tour, Henri
Desgrange, wie einem General ein riesiges, abscheuliches Denkmal
gesetzt. Abscheulich bleibt auch das Wetter, doch wir sind guter Dinge
und freuen uns auf das seltene Phänomen, welches man gleich
anschliessend erleben kann: Von oben herab, also ohne Anstrengung,
kommt man auf den Col du Lautaret (2'058m) – der Zweitausender fällt
einem gratis in den Schoss. Von hier gibt es weltweit eine der
rassigsten Abfahrten hinunter nach Briançon (1'321), von dem alle
Fernsehreporter an der Tour de France behaupten, es sei die höchste
Stadt Europas. Von der Stadt Davos (1'558m) haben die bis im Januar
2001 noch nie etwas gehört. Nach Briançon kommt der schönste Pass, der
Izoard (2'360m). Seine Schönheit hängt mit verschiedenen Faktoren
zusammen. Wir geniessen in Briançon das Stadtleben und lockern nach dem
Nachtessen in der Disco die pataphysischen Waden. Dann treten wir ins
Freie und sehen, dass Vollmond ist. Um zwei Uhr morgens brechen wir die
Zelte ab und machen eine Mondscheinfahrt bis unter die Passhöhe. Das
Wetter hat sich zum Guten gewendet, die Sonne trocknet die feuchten
Socken, fast keine Autos sind unterwegs. Nach der Passhöhe gibt es an
einem Fels ein kleines Denkmal für Louison Bobet und Fausto Coppi.
Durch die Combe du Queyras säuselt schon ein südländisches Lüftchen. Am
Col de Vars (2'111m) diskutieren wir über die Fortsetzung. Die
klassische Route führt über den Col de la Cayolle (2'327m), doch
östlich davon ist die Cime de la Bonette (2'802m!). Eine schwierige
Situation, ein Dilemma für den PVC.
In
Jausiers fällt der Entscheid für die Bonette. Die Landschaft an der
Nordrampe ist durch zahlreiche zerfallende Militärbauten verschandelt,
dafür ist der Rundblick oben auf dem Berg überwältigend. Die Cime de la
Bonette gilt als die höchste asphaltierte Gebirgsstrasse der Alpen. Auf
immer mehr Karten figuriert sie als Col de La Bonette, doch ein Pass
ist sie nicht. Der darunter liegende Übergang heisst Col de Restefond
(2'678m). Von hier aus wurde eine Strassenschlaufe um den vorgelagerten
Gugelhopf aus Stein, eben die Cime de la Bonette, gelegt, um die
magische Zahl 2'800m zu überschreiten. Die Franzosen und die
Fernsehreporter schwärmen, dies sei Europas höchster Pass (wie sie
sagen), doch unsere LeserInnen wissen seit dem velojournal vom März
1994, dass Europas höchster Pass in der Sierra Nevada ist.
Wenn man noch ein bisschen beim Vergleich mit der Musik bleiben will, kommt einem auf der Bonette am ehesten das Finale von Friedrich Smetanas «Moldau» in den Sinn – und Musik hat man ja beim Radeln immer im Hinterkopf. Alles in den letzten Tagen Aufgebaute, alles bis zum angespannten Höhepunkt Geführte wird jetzt orgastisch befreit. Wer in Form ist, bricht zeitig in Jausiers auf, fährt die 145 Kilometer über die Bonette durch bis hinunter nach Nizza, lehnt das Velo auf der Promenade des Anglais an ein Bänklein, springt ins Meer und schafft sich so ein kleines zyklistisches Gesamtkunstwerk. Vom höchsten Punkt der Reise, auf 2'802 Metern, kann man in drei, vier Stunden zum tiefsten, zum Nullpunkt rollen. In kürzester Zeit verjubelt man gewissermassen die sechzehntausend Höhenmeter, die man während einer Woche angesammelt und erlitten hat. Das ist absurd, verschwenderisch und unvergesslich schön.