
The Track, wie dieser Highway auch genannt wird, ist ungeheuer und
eindeutig. Er führt von Darwin im Norden nach Adelaide im Süden, über
3’000 Kilometer durch das Outback, also durch extreme Natur und
verlassenstes Menschen-Nichts. Von den Tropen durch Steppen und
Halbwüsten in die gemässigte Zone. Verlassenheit? Ausserhalb der
Ortschaften begegneten wir während eines Monats auf der Strasse ganzen
fünf nicht motorisierten Menschen: vier Radlern und einem Wanderer.
Freunde haben The Track schon mit dem Auto bereist, sagen, es sei die
langweiligste Reise, die man machen könne. Sie raten ab, denn jeeeh
diese Hitze, und joooh, diese hochgefährlichen road trains und juuuh,
diese Distanzen, die wir uns in Schnottwil gar nicht vorstellen können
und jiiih alles arschflach. Als ob ein Arsch flach wäre. Sie bringen
alle Argumente, die geeignet sind, im Kopf riesige Hindernisse
aufzubauen, und die sich im Lauf der Reise alle als falsch erweisen.
Die Equipe – eine Frau und acht Männer – ist eine Mischung aus Italien,
der Schweiz und Deutschland. Die einzige Frau ist Fotografin und hat
den härtesten Job, denn wir fahren ohne Begleitfahrzeug. Die ersten
Tage sind schwierig. Man kennt sich noch nicht, die einen sehen den
Sinn des Windschattenfahrens nicht ein, andere verstehen nicht, warum
wir schon um fünf Uhr losfahren. Zwei stellen sich als Debütanten
heraus, schämen sich und leiden die erste Woche wie die Hunde, zäh und
stumm. Einem schmerzt das Knie, dem anderen das Gemüt. Die
Gruppentherapie übernehmen die Natur und der kollektive Wahnsinn. Nach
Tagen im Gegenwind und Temperaturen bis 45 Grad ist es sieben klar,
warum wir früh und im Pulk losfahren und dass es so am besten geht.
Zwei kämpfen einzeln gegen die Elemente, doch alle Neun kommen durch.
Übrigens gibt es während rund 3’500 km Windschattenfahren keinen
einzigen(!) Sturz; Glück muss man also auch noch haben.
Bald
begreifen wir, warum Normalos unser Unternehmen verrückt finden. Am
Track gibt es kaum Landschaften, bei denen die Autofahrer anhalten und
die Kamera zücken; das tun einige nur, wenn sie am flimmernden Horizont
als willkommene Abwechslung uns erblicken. Wir fahren durch eine
Aussenwelt, die sich sehr langsam verändert. Das ist Balsam für die
Innenwelt, und man hat ein anderes Landschaftserlebnis.
Die
Aussenwelt und die Innenwelt treten in eine ebenso intensive wie
fragile Beziehung zueinander, und die hängt am Asphaltband, auf dem wir
durch die Wildnis fahren. Wer um die Mittagszeit anhalten muss,
schwitzt doppelt so viel Wasser wie beim Fahren. Das Staunen verwandelt
sich in Erschrecken. Ohne Velo und Strasse, ohne den Willen, mit
ersterem auf zweiterem voran zu kommen, wären wir verloren.
Im
Norden scheint das Unternehmen aussichtslos. Dann wird die Gruppe
täglich besser. Wir einigen uns beim Windschattenfahren auf Ablösungen
von einem Kilometer. Wer gerade keinen Saft hat, lässt seine Ablösungen
aus, wer gut drauf ist, übernimmt zwei Kilometer. Das Meiste ergibt
sich von selber, denn das Tagesziel heisst Roadhouse und das Reiseziel
Adelaide. Anfangs zeichnen sich zwei Positionen ab. Die einen wollen
«wissenschaftlich» radeln, reden stets von Trittfrequenzen, Kalorien,
Mineralien, richtiger Ernährung und Abstinenz. Die anderen holen ihre
Kraft aus der Lebenslust, was nicht immer der Logik entspricht, aber
mehr Spass macht und ungeahnte Energien freisetzt. Etwa in der Hälfte
bricht ausgerechnet der Hauptvertreter der wissenschaftlichen Richtung
zusammen. Er sagt: «Mein Arsch ist durchgesessen», muss per Greyhound
voraus reisen und vier Tage aussetzen. Brutal. So entsteht das grausame
Bonmot vom Pedaldarwinismus.

Eine Radreise auf dem Stuart Highway ist eine Erfahrung, wie sie
umfassender und – in ihren Einzelteilen – gegensätzlicher nicht sein
könnte. Eine Stunde vor Tagesanbruch rollt man das Zelt zusammen, würgt
das hinunter, was man im Junk-Laden des Roadhouses gefunden hat, ein
paar Biscuits, Schokolade, mit einigem Glück sogar ein Joghurt oder
eine Banane. Noch im Dunkeln fährt man los, und da befällt jeden die
Sinnkrise, jeder denkt: Warum gerade the Track, warum gerade wir, und
warum gerade auf dem Velo? Jeden Morgen spürt man den Schlafmangel
stärker, man findet den runden Tritt nicht und ersehnt einen
klimatisierten Camper. Dann geht die Sonne auf, beginnen die schönsten
drei Stunden, wenn die Vögel ihr verrücktes Konzert beginnen und unsere
langen Schatten über die Steppe huschen. Da sind alle überzeugt, es
könne gar nichts Anderes sein als der Stuart Highway.
Um neun Uhr
heizt die Sonne schon mächtig, und dann brechen die Stunden der
Wahrheit an. Die Fliegen kommen und suchen in Mundwinkeln und Augen
nach Menschensaft. Sie lassen einen erst ab 20 km/h in Ruhe, setzen
sich auf unsere Rücken und trinken Schweiss. Die Sonne und die
Temperatur steigt und steigt. Wie heiss es wirklich ist, spürt man,
wenn man anhält und keinen Fahrtwind mehr hat. Also weiter, immer auf
der Suche nach der idealen Geschwindigkeit. So ist, unglaublich aber
wahr, die Affenhitze bald kein Thema mehr. Um die Mittagsstunden fährt
man auf seinem eigenen schmalen Schatten, die Sonne steht senkrecht.
Dann bricht das grosse Schweigen aus, und jeder hat nur noch das
Tagesziel im Kopf. Thomas teilt mit, es seien noch 25 Kilometer zu
fahren. Olaf zieht vorne wie ein Muni. Alle hängen sich an sein Rad.
Niemand murrt, Olaf zieht immer noch. Wir haben Fata Morganas, sehen
verzückt den Krug Bier auf dem Tresen, das Schwimmbad, das Bett. Wenn
dann endlich das schlichteste Roadhouse auftaucht, kommt es uns vor wie
ein versilberter Palast. Wenn wir gar in einer der Wildweststädte
Australiens ankommen, wähnen wir uns jeweils in einer Kapitale
irdischer Glückseligkeit.