
Auf die Extremadura wurde ich vor Jahren durch einen Artikel in EL PAÍS
aufmerksam. Darin stand zu lesen, die spanischen Staatsbahnen RENFE
hätten den Plan, aus ein paar stillgelegten Bahnlinien Velowege zu
machen. Frohgemut machte ich mich mehrmals auf, diese Vision in der
Extremadura zu entdecken, und ich merkte bald, dass ich einem
Hirngespinst hintendrein pedalte. Überall standen zwar zerfallende
Bahnhöfe, und überall lagen verrostete Geleise, doch von Velowegen sah
ich nichts.
Wozu auch Velowege in der Extremadura? Auch die
Nebenstrassen sind gut, und ein Auto sieht man alle zehn Minuten. Also
mit Velowegen war nichts, doch es begann eine lange Liebesgeschichte,
die mit jeder Reise intensiver wird. Der Radler/die Radlerin findet ein
abwechslungsreiches Terrain vor: weite Ebenen mit Eichenhainen,
Flusstäler, Hügel, Bergketten mit kleinen Passübergängen. Die Gegend
ist nicht flach. Seltsamer Landstrich. Fast immer hört man den Wind in
Eichen- und Buchenblättern singen. Ein paar Vogelstimmen, sonst
absolute Stille. Wo sind die Städte, wo ist Europa? Man legt sich unter
eine Eiche, hat es in kurzer Zeit vergessen und weiss nicht, wo man
selber ist. Man ist fasziniert von solcher Abgelegenheit, und
gleichzeitig fürchtet man sich vor ihr. Hier wird extensive Land- und
vor allem Viehwirtschaft betrieben, und man radelt stundenlang durch
spärlich besiedeltes Gebiet mit Viehweiden. Die Gegend gilt seit
Jahrhunderten als rückständig, und nur Grossgrundbesitzer kommen hier
über die Runden.
Im Jahr 1492 vertrieben die katholischen Könige
die Mauren und Juden von der Halbinsel, und im selben Jahr wurde
Amerika entdeckt. Beides hat die Extremadura bis auf den heutigen Tag
geprägt. Hier wurden die letzten Schlachten gegen die Araber
geschlagen, und die Haudegen aus dem nördlichen Kastilien, Ritter, die
für ihre Waffentaten mit enteignetem Land belohnt wurden, wussten
nicht, was sie mit dem Geschenk anfangen sollten, denn Landbau war ihre
Sache nicht. Raub, Mord und Wegelagerei schon eher. Das war spannender
und einträglicher. Als alle Mauren vertrieben oder erschlagen waren,
machten sich die Krautjunker gegenseitig das Leben schwer. Aus
Langeweile. Ihr gemeinsamer Feind war geschlagen, sie wurden
arbeitslos. So wurde der Landstrich zum Wilden Westen Spaniens.
In
diesem Zustand befand sich die Extremadura, als die Nachricht eintraf,
Amerika sei entdeckt worden. Kolumbus landete auf Kuba und Haiti, dann
auf dem südamerikanischen Festland. Nach dem Entdecker brauchte die
spanische Krone nun Eroberer, und zwar schnell, denn die Staatskasse
war leer. Die Nachricht, dass von Sevilla aus Expeditionskorps in See
stachen, für die man Personal brauchte, schlug in der Extremadura wie
eine Bombe ein. Solche Aussicht auf oro y gloria, wie der Slogan
lautete, war «Schutz und Zuflucht für Desperados, Absolution für
Verbrecher, Freipass für Mörder, Morgenluft für Dirnen und Spieler,
Irrtum für unendlich viele und persönliche Bereicherung für ganz
wenige», wie Cervantes anmerkte. Zu Tausenden meldeten sich die
Extremeños in den Rekrutierungsbüros, ihre Heimat entvölkerte sich
buchstäblich. Fast alle sind gegangen. Deshalb ist die Extremadura ein
wenig melancholisch. Wenige von den Emigranten sind eines natürlichen
Todes gestorben, noch weniger sind zurückgekehrt und haben sich in den
Städten schöne Häuser bauen lassen.
Die Namen der allermeisten Auswanderer kennt niemand mehr. Es gibt aber
Ausnahmen, und sie sind jeweils verbunden mit verschiedenen Orten in
der Region. So kann man eine richtige Pilgerfahrt zu den Ursprüngen der
Amerika-Eroberer unternehmen. Zum Beispiel: Aus der Stadt Trujillo
stammte Francisco Pizarro, der durch Peru brandschatzte. Auf dem
Hauptplatz steht sein Denkmal. Es wurde 1910 von einem
nordamerikanischen Bildhauer für einen Wettbewerb geschaffen –
eigentlich als Statue Hernán Cortés’ (dem Mexiko-Eroberer machen wir im
nahen Medellín unsere Aufwartung). Da stellte die Jury fest, dass
Cortés alias Pizarro zwar ein Furcht erregendes Schwert in der Hand
hält, der Bildhauer aber die Scheide für die Waffe vergessen hatte.
Damit sank der Preis des Monuments auf den Schrottwert. So viel Geld
war gerade noch in Trujillos Stadtkasse, und so kaufte der Kurverein
die Bronzestatue. Ebenfalls aus Trujillo war Francisco de Orellana, der
1539 auf der Suche nach dem Dorado die Anden von Westen nach Osten
überquerte. Am Río Napo baute er gegen den Willen seiner Vorgesetzten
ein Schiff und fuhr in anderthalb Jahren den sechstausend Kilometer
langen Amazonas hinunter bis zum Atlantik. Aus Jerez de los Caballeros
stammte Vasco Núñez de Balboa, der sich in einem Fass nach Amerika
schmuggelte und als erster auf dem Landweg die zentralamerikanische
Landenge durchquerte. 1519 wurde er in Panama geköpft.
Kein Wunder,
wurde die berühmt gewordene Schwarze Madonna von Guadalupe in der
östlichen Extremadura die Schutzpatronin aller spanisch sprechenden
Länder. Man kommt sich im schönen Bergstädtchen vor wie in
Lateinamerika, denn carweise werden die Pilger aus Mexiko oder aus
Argentinien angekarrt, damit sie hier die schwarze Jungfrau mit dem
Jesulein küssen. Auch wir machen eine Pilgerfahrt, auch wenn wir noch
nie in Amerika waren. Wozu auch? Amerika ist hier, und Amerika gibt es
nicht. Sowenig wie es Europa gibt.
Wir sitzen vor dem Café auf dem
Hauptplatz von Zafra. Von hier stammte Alonso de Alvarado, ein weiterer
Peru-Eroberer. Wir sind in der Herbstsonne sitzen geblieben, lesen
einander vor aus Publio Hurtados Buch über die Extremeños in Amerika.
Es wurde 1929 publiziert und ist spannend wie ein Kriminalroman. Was
würde Hurtado heute sagen, wenn er wüsste, dass Velotouristen sein
gelehrtes Buch als Reiseführer brauchen? Wir hoffen, er würde sich
freuen, denn per Velo macht Kultur noch mehr Spass, und umgekehrt: Was
ist Velofahren ohne Kultur? In der Extremadura lässt sich beides gut
verbinden. Nach der Reise weiss man mehr über die Weltgeschichte, und
die Wädli werden auch schön knackig.