
Alle drei Juraseen (Bieler, Neuenburger- und Murtensee) liegen exakt genau gleich hoch über dem Meeresspiegel: 429 Meter. Das aber erst seit den Juragewässerkorrektionen, die ich im Geografie-Unterricht trotz grossen Bemühungen unseres Lehrers nie begriffen habe. Seeland oder eigentlich Dreiseenland; so wie Zweistromland. Für die Expo.02, die diesen Landstrich heimsuchen wird, könnte man ruhig eine neue Bezeichnung erfinden, die ein wenig erhaben klingt. Ich schlage vor: Trilakustrien, Trelaganien, Trilakonien oder so ähnlich. «Trilakonien» gefällt mir am besten. Lakonisch sind hier nicht nur die Menschen, sondern auch die Landschaft. Der Himmel ist gross, und keine geografischen Auffälligkeiten schockieren das Auge. Meistens radelt es sich ganz leicht dahin, auf verschlafenen Strässchen durch Getreidefelder oder an Kanälen, wo man mit den Schiffen Wettfahrten veranstalten kann. Ganz nahe bei der Sprachgrenze ist das Berndeutsch noch behäbiger als im östlichen Teil des Kantons. Doch nicht nur behäbig, sondern auch irgendwie zärtlich. Schon nur das Grusswort Grüessech, und dann alle diese Ortsnamen, in denen das Französische mitschwingt: Müntschemier, Lamboing, Lüscherz, Vinelz, Budlei, Jolimontguet, Lüschimoos, Gurbrü.
Beim letzten Rotlicht in Biel sehe ich im Augenwinkel, dass hinter mir
jemand auf einem Velo ebenfalls auf Grün wartet. Dann fahre ich an,
doch ich werde das Velo hinter mir nicht los. Es folgt dicht in meinem
Windschatten, und nach einer Weile überholt es mich sogar. Darauf sitzt
eine strahlende und absolut trockene, d.h. schweisslose Frau, die in
einem Riesengang locker einen Fünfunddreissiger auf den Asphalt legt.
Da sehe ich den Kasten im Rahmen, und jetzt höre ich das elektrische
Wimmern. Ein Flyer. Elektrovelos haben den Vorteil, dass die
Benutzerschaft mit sportlichen, nicht-elektrischen Humanmobilen, zum
Beispiel schwitzenden Velofahrern, konversieren kann, ohne selber
ausser Atem zu geraten. Dann zweigt sie nach schönem Gespräch ab, sagt
fröhlich Tschou, und ich teile den Veloweg wieder nur mit verbissenen,
unsportlichen Humanmobilen.
Ein Schlaraffenland. Auf dem Bielersee, an dessen Südufer ich Erlach zu
radle, schwimmen Schifflein. Die Route führt durch Siedlungen von
Einfamilienhäusern mit Blumenbeeten und Hollywood-Schaukeln. Vor
hablichen Bauernhöfen liegen Berner Sennenhunde und blicken
verständnisvoll. Die Kirschbäume bersten unter ihrer süssen Last. Und
was für ein ehrliches Land: An vielen Orten kann man Kartonkörbchen mit
Kirschen mitnehmen und das Geld in den Joghurtbecher daneben legen. Und
in diesem ehrlichen Land sind zwei der grössten Strafanstalten des
Landes: Witzwil und Bellechasse. Sie sind hier, weil Ausbrecher in den
weiten Ebenen nicht weit kommen, ohne bemerkt zu werden. Doch Seeland
oder «Trilakonien» klingt flacher, als es ist. Immer, wenn die
wunderbare Route an einen Grossgrundbesitz am Ufer stösst, geht es zum
Teil rabiat in die Hügel hinauf. Und das Schlaraffenland hat hier noch
eine andere, ganz unerwartete Variante: In der Luft schwirren
Milliarden von Mückels. So nennt sie ein Radtourist aus den USA. Man
radelt oft minutenlang durch dichte Insektenwolken, zu Hunderten
bleiben die Mückels in den Haaren an Beinen und Armen hängen. Irgendwo
habe ich gelesen, dass Wale am Tag fünfhundert Kilo Plankton fressen.
Daran muss ich denken, und es stimmt mich positiv, als echter
Naturbursche öffne ich den Mund und esse nach Herzenslust Mückels, die
ich von Zeit zu Zeit mit einem Schluck Wasser aus dem Bidon hinunter
spüle. In Erlach setze ich mich in einen Wirtshausgarten und bestelle
ein Bier. Als die Kellnerin die Speisekarte bringt, sage ich: «Nein
danke, ich habe schon drei Kilo Mückels gegessen.»
Le Landeron hat
einen märchenhaft schönen Ortskern, doch das einzige Hotel am Ort ist
leider ausgebucht. So viele Radler? Nein: Morgen ist Fronleichnam, und
zur Prozession, die stattfinden soll, sind einige Auswärtige schon am
Vorabend angereist. Also weiter nach Cressier, einem Dorf mit viel
lärmigem Durchgangsverkehr, und wohl deshalb ohne Prozession. «Hôtel de
la Couronne». Wir sind in der Suisse romande. Doch die Leute sprechen
ein fürchterliches Französisch, und die Speisekarte strotzt von
Schreibfehlern. Plötzlich denke ich: Die armen Romands müssen eine
schwierige Hochsprache sprechen und schreiben, der sie nicht gewachsen
sind, genauso wenig wie wir dem Hochdeutschen. Der Unterschied, ohne
Häme festgestellt: Wir haben die lebendigen Dialekte, während in der
Romandie kein Mensch mehr patois spricht.
Die Expo.02 soll, so liest man, eine Brücke schlagen zwischen der
Romandie und der Deutschschweiz. Deshalb findet sie in «Trilakonien»
statt, einer Gegend, die von der Topografie her garantiert
mehrheitsfähig ist. Symbolisch dafür wird eine schöne Holzbrücke über
den Broye-Kanal gebaut, extra für Velo- und andere lautlose
FahrerInnen. Im Rahmen der Landesausstellung soll auch die Human
Powered Mobility, kurz HPM, zelebriert werden. Am 3. September 2000
wird an einem Erlebnistag in und um Murten sozusagen Generalprobe sein.
(Siehe dazu die entsprechenden Beiträge in dieser velojournal-Ausgabe.)
Alle Humanmobilen sind gefordert, an diesem Sonntag im Spätsommer zum
Stelldichein zu kommen. Nicht nur Radler, sondern auch
Rollschuhläuferinnen, Trottinettisten, Einradfahrerinnen, Liegeradler,
verschalt und unverschalt, aber auch Kanutinnen und Einhandsegler, und
wie ich hoffe auch Froschfrauen und Langstreckenschwimmer. Hinzufügen
könnte man auch noch Draisinen, die auf den gesperrten Schienenwegen
die Gegend entdecken könnten, sowie Segelflugzeuge mit Pedalantrieb. Es
wird ein einziges, riesiges Mobilitätsfestival sein. Alle, alle werden
in «Trilakonien» mit eigener Muskelkraft herumkurven. In den
Projektpapieren wird verschämt auch auf die FussgängerInnen
hingewiesen, die einzigen, die mit eigener Muskelkraft und ohne
mechanische Unterstützung unterwegs sind. Fussgänger? Am 3. September
möchte ich keiner sein.