
Man muss vor dem Sonnenaufgang losfahren. Die Temperatur ist dann
erträglich, die zehntausend Touristen schlafen noch. Das Velo steht auf
dem Balkon. Ich packe es, in meinen Händen schwebt es über die Köpfe
von Frau und Tochter, die noch schlafen. Hinaus auf den
Freiluftkorridor des Hotels und dann mache ich «sacht, sacht die Türe
zu», wie es in Schuberts «Winterreise» heisst. Doch für eine
Winterreise ist es etwas warm. In den Fauteuils der Eingangshalle
schnarchen die Türsteher. Wenn die Fundamentalisten einen Anschlag
planen, ist heute ihr Tag. Der Horizont hat einen violetten Saum, der
Sandstrand ist dunkelbraun. Es riecht nach Kloake. Alles schläft. Hund
und Katz im Strassengraben, Taxichauffeure im Peugeot, Nachtwächter
verkehrt herum auf Plastikstühlen. Ich fahre nach Westen, zum Ras
Mohammed. Noch bin ich misstrauisch, denn Radeln scheint hier nicht die
grosse Mode zu sein. Da kommt das erste Taxi entgegen. Der Fahrer hupt,
lacht aus dem Fenster. Dann überholt das erste Auto, hupt ebenfalls.
Daran muss man sich gewöhnen. Sie hupen halt gerne, also lässt man sie
hupen.
Am Checkpoint. Als ich das erste Mal hierher kam, hatte ich
den Pass vergessen und musste zurück. Jetzt habe ich das wichtige
Dokument in der Trikottasche. Es wird vom Soldaten eingehend und mit
strengem Gesicht geprüft. Dann heitert sich seine Miene auf. Er hat im
Pass auf Seite 9 das Foto meiner Tochter entdeckt und beginnt zu
lachen. Dann ruft er seine Kameraden, auch ein Vorgesetzter tritt
heran, der Pass geht von Hand zu Hand. Der Vorgesetzte fragt auf
Englisch, wo die Tochter sei. Mit beiden Händen und schrägem Kopf mache
ich das internationale Zeichen für Schlafen. Dann darf ich passieren.
Zum Ras Mohammed bei Sonnenaufgang. Eine leichte Abfahrt hinunter zum
Meer, das wie geschmolzenes Gold brodelt. Jetzt beginnen die feinen
Wellen langsam zu kreisen. Ich halte an. Geblendet. Vollkommene Stille.
Kein Vogellaut. Kein Wind und kein Geruch. Der Sand links und rechts
ist hellgrau. Halb über die Strasse schwingt sich eine Sandwächte. Das
geschmolzene Gold dreht sich schneller, beginnt jetzt zu sirren, immer
höher und lauter, das All bis hinein ins Mittelohr ist erfüllt vom
tellurischen Schreien des geschmolzenen Goldes. Dann bricht die Sonne
ein in den Himmel. Vielleicht eine Erscheinung, wie der brennende
Busch, nur weiss ich sie nicht zu deuten. Dann die Furcht, die
Sandwächte könnte die ganze Strassenbreite in Besitz nehmen, die Wüste
alle Strassen der Welt unter sich begraben.
Ein paar Tage später, jetzt etwas mutiger geworden, nach Nordosten,
nach Dahab, ein Weg rund hundert Kilometer lang. Auch diesmal bin ich
so früh unterwegs, dass die Soldaten an den Checkpoints mit der Hand an
die Maschinenpistole fahren. Ich rolle durch langgezogene Täler mit
kaum merklicher Steigung. Der Gegenwind bringt Verwesungsgestank. Die
Wüste ist ein Mistkübel. Auf beiden Seiten Kehricht, so weit das Auge
reicht, vom Wind in die Wüste verteilt. An jedem Gestrüpp hängen
Pastikfetzen. Eine wüste Wüste. Die Felsmassive in der Wüste leuchten
zuerst dunkelblau, dann rostrot, vierdimensional, wie bei Föhnwetter.
Dromedare. Mit einem Höcker. Nur Kamele nennen Dromedare Kamele. Doch
alle tun es. Ergo sind alle, die Dromedaren Kamele sagen, selber
Dromedare. Oder Kamele. Die Steigung nimmt etwas zu, ein Tourenfahrer
kommt entgegen. Ich rufe Falamaleikum, er ruft Shalom. Wir halten beide
an. Er ist ein Holländer mit Salzkrusten an der Kleidung. Er sagt, seit
Tel Aviv sei ich der erste Radfahrer. «Und du bist der erste Radler
seit Mohammed», sage ich. Wir umarmen uns und fahren weiter, er nach
Süden, ich nach Norden. Dann kommt der Sharira-Pass (1120 m.ü.M). Oben
rauche ich eine Dromedar und unterhalte mich mit einer deutschen
Reisegruppe, die per Bus unterwegs ist. Am Bus ist ein Anhänger, in dem
Schubladen sind wie in einem Leichenschauhaus. Darin schlafen die
Touristen. «Wie kann man Dromedar rauchen und radeln, pfui!», sagt eine
Dame. «Von da an gings bergab», sagt ihr Ehemann in Hosenträgern, und
dann, als seine Frau etwas abseits ist: «Ich beneide Sie».
Doch das
alles waren nur Vorbereitungstouren auf die grosse Tour zum
Katharinenkloster. Bis dort sind es von Sharm el Sheikh rund 250
Kilometer. Das Katharinenkloster kann man sich schenken. Dort stehen
die Touristen so dicht gedrängt, dass man statt der Ikonen nur die
Hinterseite des Vordermannes sieht. Doch die Besteigung des Mosesberges
bei Nacht hat trotz dem wahnsinnigen Rummel eine gewisse Würde bewahrt.
Warum, weiss ich auch nicht genau, vielleicht nur, weil man nachher
hundemüde ist. Gegen Mittag kommt man unweigerlich in die grösste
Affenhitze. Nächstes Mal fahren wir nach Schatt-el-Arab. Vielleicht ist
es dort ein wenig kühler.