
Die Brauerei Hofstetten bei St. Martin besteht seit 1229 und ist
die älteste Brauerei Österreichs. An dem Fahrweg, der von der
Hauptstrasse abzweigt, steht kein Schild. Das ist auch nicht nötig,
denn stolz wie ein Schloss steht der Vierkanthof mit eigener Quelle
etwas abseits vom Dorf St. Martin auf einem Hügel. Der Betrieb hat alle
Unbilden der Zeit überstanden, zuletzt die schwierigen Jahre nach 1945
bis zum Staatvertrag 1955, als das Mühlviertel zur sowjetischen
Besatzungszone gehörte. Doch auch die Russen merkten, wie gut das
Hofstettner Bier ist, requirierten das Geschäftsauto, liessen aber den
Braubetrieb in Ruhe. Hofstetten ist heute eine moderne Brauerei mit den
frechsten Etiketten ganz Österreichs, und immer wieder werden neue
Produkte kreiert, die BierpilgerInnen aus ganz Europa anziehen.
«Mühlviertler Bierreise». Unter diesem Titel wird die Entdeckungsfahrt
von den Touristikern angepriesen. Doch sie schlagen nicht eine
bestimmte Route vor und wenden sich vor allem an AutofahrerInnen. Wir
lachen und fahren von Linz auf dem Donau-Radweg aufwärts bis Aschach.
Das geht ohne Anstrengung, doch rechts werden die bewaldeten, steilen
Kuppen immer bedrohlicher. Wir biegen nach Norden ab, und der
radlerische Bierernst begint.
Die ersten drei Brauereien unserer
Reise – Hofstetten/St. Martin, Neufelden und Schlägl/Aigen – liegen in
einer Linie von Süden nach Norden. Die Bundesstrasse 127 ist aber stark
befahren. So gelangen wir auf Umwegen nach Neufelden. Der Braumeister
staunt, als wir ihm erklären, wo wir durchgefahren sind, denn je
nördlicher man kommt, desto mehr Hügel hat man logischerweise
überwunden. Stolz zeigt uns Herr Kühberger seinen modernen Betrieb,
doch weil es noch nicht Abend ist, widerstehen wir auch hier der
Versuchung einer Degustation oder Verkostung, wie das in Österreich
heisst. Ein Fläschchen in die Velotasche, und weiter geht die Reise.
Im Prospekt haben wir vom Fischerwirt in Oberkappel ganz im Westen
gelesen, der neben typischer Mühlviertler Küche eine wahre
Bier-Akademie pflegt. Sieben Hügel hinauf, sieben Hügel hinunter, und
wir sind dort, sitzen auf der Terrasse in der warmen Abendsonne.
Vogelgezwitscher, gut gelaunte Menschen. Und endlich Bier. Verschiedene
Spezialitäten in kleinen Dosen verkostet. In die Sonne gehalten.
Geschaut, wie es bernsteinern schimmert. In kleinen Schlückchen
probiert. Links und rechts von der Zunge hinuntertröpfeln lassen. Einen
Schemel unter die müden Waden gestellt. Jetzt einen substanzielleren
Schluck, dann einen Radler-Urschluck. Luft abgelassen, d.h. gerülpst.
Zum Fischerwirt kommen Gruppen, um sich nicht nur Bier-Menüs, sondern
in so genannten Bier-Kulinarien auch die weisen Anmerkungen des Chefs
zu Gemüte zu führen. Doch Fischer beruhigt: «Nach dem fünften Bier
werden die Herrschaften fidel, und ich brauch nicht mehr so viel zu
reden.» Die für die Region typische pièce de résistance besteht aus
einem mit Bierteig umbackenen Schweineschnitzel, das mit Ziegenkäse und
mit Spinat oder Bärlauch gefüllt ist. Wir essen uns einen Vorrat an für
morgen und übernachten gleich hier.
Immer der revidierten
Reisephilosophie treu, reisen wir grob in die Himmelsrichtung der
nächsten Brauerei, vermeiden grosse Strassen, fahren über Kuppen und
durch enge Flusstälchen, füllen die Bidons mit Wasser und freuen uns
aufs Bier am Abend. Aigen im Nordwesten ist ein Höhepunkt. Kulturell
wegen der Stiftskirche Schlägl und ihrer Bibliothek, biermässig wegen
der Stiftsbrauerei und wegen Braumeister Sigfried Wagner, der ihr stolz
wie ein König vorsteht, und kulinarisch wegen des Gasthofs Schiffner.
Es zieht uns nach Osten, zuerst der tschechischen Grenze und dann
südlich der B 38 entlang ins behäbige Freistadt mit Schloss, Brauerei
und Gasthäusern. Doch wir haben den ländlichen Rhythmus gefunden und
wollen ihn nicht aufgeben. Dieses Mühlviertel! Ein verwunschener
Landstrich, grandios und manchmal wehmütig wie eine Symphonie von Anton
Bruckner. Den Bruckner hat man immer im Ohr, doch wenn der Radler am
Abend den Mühlviertler Dichter Adalbert Stifter liest, fallen ihm nach
drei Seiten die Äuglein zu.
Ein leichter Regen macht das Land
plötzlich ernst, Nebelfetzen hängen in den Waldkuppen, traurig stehen
die Marterln (Kruzifixe) am Weg. Die Nacht beginnt zu dämmern, wir
bewältigen die letzte Steigung hinauf zum Schloss Weinberg bei
Kefermarkt, freuen uns auf das Schlossbier. Gegen das Wasser von aussen
ist das Bier von innen das beste Mittel. Hefetrüb und versöhnlich. Hell
oder dunkel. In der schönen Gaststube ist ein Teil des Sudhauses
sichtbar, und man kann im selben Gebäude übernachten. Die Stille in der
Nacht ist vollkommen.