
Warum in die Ferne schweifen, wenn man Pässe fahren will? Ganz in der
Nähe der Stadt Zürich, also dem Nabel der Welt, drängen sich auf
kleinem Raum wie auf einer Wiese herrliche Pass-Blümlein sonder Zahl.
Die sind weiss und rot, blau, gelb und violett, und wir haben daraus
ein buntes Bouquet gebündelt, in ungerader Zahl, wie es sich gehört.
Wir haben sie so büschelet, dass man in einer zusammenhängenden Reise
an ihnen schnuppern und sie mitnehmen kann – im Herzen natürlich. Wie
lange man schnuppert, ist völlig egal. Manche machen die Reise in zwei
Tagen, andere in sieben. Was soll's? Links und rechts sind schöne
Landschaften und interessante Dinge zu besichtigen.
Das Reislein
beginnt in Pfäffikon/SZ am oberen Zürichsee, gleich beim Seedamm
hinüber nach Rapperswil. Da kann man eine Weile die Beine lockern, und
zwar genau bis Siebnen (446). Dort beginnt die Steigung hinauf zum
berühmten Gümelerpass Sattelegg (1190, max, 14%). Die etwa 12 km
Auffahrt gebärden sich zum Teil recht alpin, und am schönsten sind die
Serpentinen im oberen Teil. Königlich ist das Gasthaus auf der
Passhöhe. Es hat einen Veloständer (!), eine sehr schöne
Voralpenrundsicht und ausgezeichnete Nussgipfel zu bieten. Die Abfahrt
hinunter zum Sihlsee verleitet zu Uebermut, der bös enden kann. Die
Strasse ist sehr rassig angelegt und hat einen guten Belag, der aber an
entscheidenden Stellen plötzlich wellig wird, und dann sind da ein paar
Kurven, in die man mit fünfzig Sachen hineinfährt und die dann immer
enger werden. Man muss einfach vorsichtig sein, sonst bleib's beim
ersten Blümlein.
Der zweite Streich von Willerzell (892) hinauf zur
Ibergeregg (1406) sind im Vergleich zum ersten das reine
Honigschlecken. Es gibt zwar eine 13%-Stelle, doch die übrige Steigung
ist sehr schonungsvoll in die Landschaft gelegt. Diese Gegend hat trotz
der nahen Berge etwas Lichtes und Weites, was auch gilt für die
Westrampe hinunter nach Schwyz.
Der Landschaftscharakter ändert
brutal, wenn wir ins Muotatal kommen. Links und rechts gehen die
Abhänge immer stärker in die Vertikale, die Strasse wird schmal, und
die Einheimischen leben ihre Liebe zum Auto in vollen Zügen aus. Im
Muotatal, das bekanntlich zum Pragelpass (1550) führt, muss man an die
Ernährung denken. Substanziell ernähren sollte man sich einige Zeit vor
dem grossen Aufstieg, der in Hinterthal (624) beginnt. Wer der
Verlockung erliegt, im Restaurant Höllgrotte unter dem Eingang zum
Hölloch ein Cordon bleu zu vertilgen, riskiert, die Mahlzeit in
Breiform auf dem frisch asphaltierten Strässchen wiederzufinden. Diese
Rampen! Ein Wahnsinn!! Kein Gümeler ist hier im Aufstieg anzutreffen,
und wer ihn zum Teil das Velo schiebend bewältigt, braucht sich nicht
zu schämen. Gnadenlos reiht sich Serpentine an Serpentine,
kilometerland sind brutale 15% zu überwinden. Die einzige Milde – je
nach Tageszeit – ist der Schatten spendende Tannenwald.
Nach solchen Heldentaten und einem gebührenden Halt im schönen
Kulturgasthaus in Richisau fliegt man förmlich auf dem Veloweg durch
den hinteren Teil des Kantons Glarus, das heisst von Glarus (472) bis
nach Linthal (662). Der Klausenpass gehört mit seinen 1948 Metern über
Meer nicht einmal zum erlauchten Kreis der Zweitausender, doch diese
Feststellung kann leicht zu voreiligen Schlüssen verleiten. Die Strasse
ist vor allem im unteren Teil mit ihren kopfsteingepflasterten Kurven
ein Meisterstück alpiner Strassenbaukunst, aber ganz schön hart.
Irgendwann muss hier eine rätselhafte Mägi ihre ersten Passweihen
empfangen haben, denn liebe Freunde von ihr haben immer wieder mit
dicken Pinselstrichen ermutigende Sprüche auf den Asphalt geschrieben:
HOPP MÄGI, NID NALAA MÄGI, SCHALTE MÄGI, VIIL TRINKE MÄGI, und diese
Sprüche geben auch uns neue Kraft, denn da wir schon den Pragel in den
Beinen haben, hängen wir im oberen Teil ziemlich durch. Doch da sind
die elysischen Alpweiden im Urnerboden mit ihrem Kuhglockengebimmel,
das in der Seele wohltut, und oben, ein Kilometer westlich nach der
Passhöhe, ein urchiges Gasthaus mit Zimmern aus dem
Postkutschenzeitalter. Davon, dass auch die Abfahrt hinunter nach
Altdorf (BRÄMSE, MÄGI) nicht ohne ist, zeugen die zahlreichen kleinen
Schilder und verwelkten Blumensträusschen am Strassenrand, wo einige
junge Töfffreunde ihr Leben ausgehaucht haben.
Wer gute Nerven hat, fährt von Altdorf nach Brunnen auf der
abscheulichen Axenstrasse, wer sie schonen will, nimmt bis Brunnen den
Zug, und von dort nach Beckenried das Schiff. Doch Achtung! Die
Tageskarte für den Zugverlad ist auf dem Vierwaldstättersee ungültig,
und man wird noch einmal zur Kasse gebeten. Vom Veloland Schweiz haben
die Seeleute noch nichts gehört. Beckenried - Stans - Dallenwil (485)
ist ein kurzer Ausflug in die Zivilisation, dann wird's wieder wild.
Den Ächerlipass (1458) haben wir ja schon auf unserer
Voralpenpass-Route (velojournal 3/96) vorgestellt. Hier noch einmal nur
soviel: Er ist sehr hart, und leider ist die Gastronomie etwa 2 km
unter der Passhöhe lausig: Kein Salat, keine Spaghetti. Man muss sich
vorsehen und Proviant, den man garantiert braucht, mitnehmen. Auf der
Westrampe ist ein Stück Naturstrasse.
Und jetzt wird's eine fromme
Radtour, denn nach Sarnen (471) nehmen wir uns den Glaubenbergpass
(1543) vor. Am schlimmsten ist der unterste Teil bis Stalden, dann wird
es immer schöner, und die Passhöhe, wo zwei Kilometer auf guter und
autoarmer Naturstrasse zu bewältigen sind, liegt in einem weiten
Hochtal. Gute Kneipe, viel Militär. Sause hinunter nach Entlebuch
(716). Vorsicht: Die Entlebucher Sennenhundeli sind scharf auf
Radlerwaden. Acht Kilometer stark befahrene Autostrasse sind zwischen
Entlebuch und der Abzweigung kurz nach Schüpfheim (729) zu erdulden,
und dann werden die Verhältnisse wieder nahezu ideal und nicht weniger
fromm, der letzte Pass heisst nämlich Glaubenbüelenpass (1611), und er
ist ein recht sanftmütiger Bursche. In Giswil (485) ist die Reise zu
Ende. Wer gut drauf ist, hat ja noch die Tageskarte für den Veloverlad,
die er heute morgen von Altdorf nach Brunnen gebraucht hat. Sie ist bis
Mitternacht gültig.